Deutscher WM-Star Klose Das Kampf-Fossil

Chancen-Verschwender, Edelreservist - beim FC Bayern hat Miroslav Klose eine unrühmliche Saison erlebt. Und jetzt das: Der 32-Jährige spielt eine grandiose WM, nur noch ein Treffer fehlt ihm zum ewigen WM-Torschützenrekord. Ein Mann, zwei Seiten - das hat einen Grund.

AP

Von


Diese WM-Tage von Südafrika bringen neue Fußballhelden hervor. Mesut Özil, den Bremer Mittelfeldstrategen. Thomas Müller, den Strahlemann von Bayern München. Sami Khedira, den Stuttgarter Abräumer. Und allen voran Bastian Schweinsteiger, den Spieler des Jahres. Es ist "diese junge Mannschaft", wie sie allenthalben beschrieben wird, die begeistert, die eine Perspektive besitzt, die mindestens vier Jahre in die Zukunft weist, wenn nicht noch länger.

Und mitten drin in dieser jungen Mannschaft spielt einer, der aus der Zeit gefallen scheint. Ein Relikt aus der Rudi-Völler-Ära, gewissermaßen ein Fußball-Fossil: Miroslav Klose. Wenn man in diesen Tagen das große Wort vom Triumph im Zusammenhang mit der deutschen Mannschaft benutzen kann, dann in Bezug auf ihn. Dieses Turnier ist seine WM - wieder einmal.

Das Viertelfinalspiel gegen Argentinien war sein 100. Länderspiel - Klose hat sich am Jubiläumstag dafür selbst am besten belohnt. Mit zwei Treffern, den Toren Nummer drei und vier für ihn bei dieser WM. Er hat jetzt insgesamt 14 Tore bei drei WM-Turnieren erzielt, das sind zwei mehr als Pelé, so viele wie Gerd Müller. Über den deutschen Rekordtorjäger der Vergangenheit ist in Südafrika viel geredet worden, meistens ging es jedoch darum, den alten Müller (Gerd) mit dem jungen Müller (Thomas) in Verbindung zu bringen. Klose hat es sich verdient, dass er jetzt mit dem WM-Siegtorschützen von 1974 verglichen wird.

Fotostrecke

28  Bilder
Deutschland vs. Argentinien: Gala gegen die Gauchos
Der Krisen-Klose. Der Minus-Klose. Der Bank-Klose. Offiziell war es für Klose im Verein eine der erfolgreichsten Spielzeiten, seit er Fußballprofi ist. Er ist mit Bayern München Deutscher Meister geworden, Pokalsieger, er ist ins Endspiel der Champions League eingezogen - das Problem: Sein eigener Beitrag zu diesen Erfolgen war denkbar gering. Unter Bayern-Coach Louis van Gaal war er bestenfalls ein Ergänzungsspieler, einer, der eingewechselt wurde, wenn es mal nicht so lief im Bayern-Spiel. Es lief meistens.

Noch ein Tor zum Rekord

"Der Miro hat nie an sich gezweifelt", hat Bundestrainer Joachim Löw vor Tagen über seinen Stürmer gesagt. Ein bemerkenswerter Satz. Kloses Körpersprache in der WM-Vorbereitung ließ das komplette Gegenteil vermuten, legte den Verdacht nahe, hier reise ein Spieler ohne jedes Selbstvertrauen an, einer, der den Glauben an sich längst eingebüßt hat. Aber Klose ist anders, als viele ihn von außen sehen. Er ist zwar selbstkritisch, auch das hat Löw erwähnt. Aber er ist vor allem jemand, der um seine Stärken weiß. Und der weiß, dass er seine Bestform abrufen kann, wenn es wirklich drauf ankommt: Möglicherweise hat Deutschland noch nie so einen perfekten Turnierspieler gehabt wie Miroslav Klose.

Der Bayern-Stürmer braucht augenscheinlich die besondere Herausforderung. Er ist der Mann für die speziellen Aufgaben. Er ist da, wenn er gebraucht wird - und wenn ihm vertraut wird. Löw hat das immer getan. Und das war nicht leicht in den rauen Wochen des Frühjahrs, als die Debatte um den vom Bundestrainer verschmähten, früheren Schalker Torjäger Kevin Kuranyi so heftig aufpoppte und in den Medien die Tore von Klose dagegengerechnet wurden.

Fotostrecke

14  Bilder
DFB-Einzelkritik: Wer Argentinien am meisten wehtat
Klose hat im Vorfeld des Turniers immer darauf hingewiesen, dass er Zeit brauche, um seine alte Fitness, seine Schnelligkeit, sein Gefühl vor dem Tor wiederzufinden. Und er hat gesagt, dass er sicher sei, dass dies bis zum WM-Beginn gelingen werde. Außerhalb der Nationalmannschaft hat das fast keiner geglaubt. Und selbst Löw klang in den Tagen direkt vor dem Turnier leicht besorgt. Die Beunruhigung sollte sich als unbegründet erweisen: Klose schoss gleich im ersten Spiel gegen Australien ein Tor, im zweiten gegen Serbien flog er früh vom Platz, im dritten gegen Ghana fehlte er gesperrt, im vierten gegen England traf er, im fünften gegen Argentinien dann der Doppelpack. Das kann man eine Erfolgsbilanz nennen.

Ihm fehlt noch ein einziges Tor, dann hätte er den WM-Trefferrekord des Brasilianers Ronaldo eingestellt, mit zweien stünde er unangefochten auf Platz eins - der Name Miroslav Klose wäre weltweit in allen Fußball-Geschichtsbüchern festgeschrieben. So, wie das Turnier läuft, kann er das schaffen. Und wenn nicht, hat er schon einmal vorsichtshalber angekündigt, könne er sich auch eine WM-Teilnahme 2014 durchaus vorstellen. Klose wäre dann 36 Jahre alt.

Man stelle sich vor, Klose wird der Torschützenkönig der WM, der beste Torjäger der ewigen WM-Rangliste. Dieser Mann kehrt zum FC Bayern zurück und setzt dort sein Dasein als Ersatzspieler fort. Ein bizarres Szenario, aber kein unrealistisches, wenn man Louis van Gaal kennt. Klose wird das möglicherweise aushalten. Er weiß: In zwei Jahren steht mit der Europameisterschaft wieder ein großes Turnier an. Miroslav Klose ist bereit.

Fotostrecke

15  Bilder
Fanfest-Impressionen: Deutsche feiern ihre Fußballhelden

insgesamt 1203 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gebetsmühle 04.07.2010
1. ja
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
erfrischender mutiger fussball aus einer stabilen abwehr. hohe laufbereitschaft, fittness und teamgeist. das reicht dann auch schon. wenn dann noch gute taktik und ballsicherheit dazu kommt, dann kann es nur noch lauten: deutschland wird weltmeister. falls nicht, dann muß der gegner schon verdammt gut sein an dem tag.
Rainer Daeschler, 04.07.2010
2.
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
Um diese Frage zu beantworten, macht man Endspiele.
Sebastian Mellmann 04.07.2010
3.
Der Erfolg begründet sich mit einer unglaublich guten Teamleistung. Chancen auf den Titel haben wir auf jeden Fall, man sollte jedoch Spanien nicht unterschätzen, auch wenn sie sich gegen Paraguay schwer getan haben. Egal, wie es nun kommt, die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auf sehr hohem Niveau spielen können und zuschauen einfach nur Spaß macht! Weiter so ;-)
wika 04.07.2010
4. Kruzifix … klar doch … weg mit den Zweiflern
Klar doch … Weltmeister … aber es ist nur den Bayern zu danken, weil die *an den Fußballgott glauben* (http://qpress.de/2010/07/03/bayern-glauben-an-fusball/) und dafür auch die Glocken schon mal etwas heftiger bimmeln lassen. Man sollte dich diese Zuversicht doch nicht in Frage stellen, denn die Mannschaft braucht ungeteilte Sinne und Daumen … in diesem Sinne, machen wir's klar … (°!°)
sielhamm 04.07.2010
5. Ein frühes Tor muß her.
Alle drei 4er Ergebisse wurden durch mehr oder weniger frühe Tore erreicht. Ob das gegen Spanien auch gelingt ist offen. Man kann es der Mannschaft nur wünschen. Dann wird sie auch den Europameister ausschalten. Den Nachweis, dass sie auch Rückstände aufholen kann, muss sie aber erst noch erbringen. Maradonna ist kein Trainer. Der begnadete Motivator hat seiner Mannschaft kein Konzept und keine Struktur mitgegeben. Außerdem schien sie konditionell nicht annähernd auf dem Niveau der deutschen Elf zu sein. Keine Mannschaft ist im Achtel- und Viertelfinale so viele Kilomter gelaufen. Mit 20-25 hat man einfach mehr ausdauernde Luft als mit 25- über 30. Ich glaube auch nicht mehr, dass Ballack mit seinen bald 34 Jahren noch in diese Mannschaft passt. Für die nächste WM braucht man eigentlich nur einen Ersatz aus Altersgründen für Friedrich und Klose. Herrliche Fußballzeiten stehen den Deutschen bevor.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.