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Deutscher WM-Zeitraffer Der Sommer der Jugend

Tore, Traumfußball und Tränen - Deutschlands Spiele waren für Team und Fans eine einzige Gefühlswallung. Alle Höhepunkte, der Rückblick auf die junge Mannschaft und die sieben Dramen des Turniers: SPIEGEL ONLINE präsentiert die WM im Zeitraffer zum Nachlesen. Ausblick inklusive.
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Best of deutsche WM: Von Australien bis Uruguay

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Viele Fans können es nicht mehr hören. "Die junge deutsche Mannschaft" - immer und immer wieder benutzten die Fernsehkommentatoren, die Reporter, ja: die Millionen Experten im ganzen Land während der WM diesen Spruch. Wenn es gerade schlecht lief und auf mangelnde Erfahrung hingewiesen werden musste: "die junge deutsche Mannschaft". Wenn es gerade super lief und die Frische der Elf herausgestellt werden sollte: "die junge deutsche Mannschaft".

Also eigentlich in jedem Spiel. Mal so, mal so.

Es stimmt ja. Es war der jüngste Kader seit 76 Jahren - Durchschnittsalter unter 25. Aber es war keine ganz freiwillige Entscheidung. Wer es angesichts der Euphorie übers unerwartet erfolgreiche deutsche Spiel schon vergessen hat: Vor dem Turnier war die Verunsicherung groß, ob Joachim Löws Männer überhaupt die Vorrunde überstehen werden. Noch vor der Nominierung des vorläufigen Kaders am 6. Mai hatten René Adlerund Simon Rolfes verletzungsbedingt ihre Teilnahme ab. Kurz darauf folgte Michael Ballacks WM-Aus nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng im englischen Pokalfinale. In der Vorbereitung verletzten sich Christian Träsch und Heiko Westermann. Und dann erreichten auch noch die Bayern das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand. Was für den Bundestrainer bedeutete: zwei Wochen Vorbereitung ohne wichtige Profis wie Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und Philipp Lahm.

Verletzungen, Unerfahrenheit, schwierige Bedingungen - viele machten sich Sorgen. Einer aber war wirklich optimistisch, als der deutsche Tross am 6. Juni nach Südafrika aufbrach: Löw. "Ich bin sicher, dass wir ein gutes Turnier spielen", sagte er.

Er sollte Recht behalten. Es wurde der Sommer der Jugend (respektive der Winter, wenn man es aus südafrikanischer Perspektive sieht).

Deutschland schoss in sieben Spielen 16 Tore, machte den dritten Platz - und unterhielt die Welt in vielen Partien mit Klassefußball.

SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf die deutsche WM 2010 - der Weg zum Bronzetitel, die Stationen zum Nachlesen und Nochmalerleben:


DIE VORRUNDE - Australien, Serbien, Ghana

Im Gegensatz zu anderen WM-Favoriten startet die deutsche Elf eindrucksvoll ins Turnier: Deutschland besiegt am 13. Juni dank der Tore von Miroslav Klose, Lukas Podolski, Cacau und Thomas Müller Australien 4:0 (Detailbericht...). Deutschland jubelt, DFB-Präsident Theo Zwanziger lächelt - Löw bremst die Euphorie. Schon beim zweiten Gruppenspiel gegen Serbien zeigt sich, weshalb.

Schon beim zweiten Gruppenspiel gegen Serbien zeigt sich, weshalb. Am 18. Juni verliert sein Team 0:1 (Detailbericht...). Miroslav Klose fliegt mit Gelb-Rot vom Platz, Lukas Podolski verschießt einen Elfmeter. Die Weltpresse reagiert mit Häme und Verwunderung auf das 0:1. Löw erwartet gegen Ghana eine Trotzreaktion und ist sich sicher, "dass wir das Achtelfinale erreichen".

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Alle deutschen WM-Treffer: Müller müllert, Klose überschlägt sich

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Wieder behält Löw Recht. Die Niederlage gegen Serbien ist ein Dämpfer zur rechten Zeit. Im letzten Spiel der Gruppe D am 23. Juni gewinnt die DFB-Auswahl durch ein Tor von Özil 1:0 gegen Ghana (Detailbericht...). Und zieht doch noch als Gruppenerster ins Achtelfinale ein.

Spätestens mit dem Ende der Vorrunde hat sich die deutsche Elf gefunden. Die beiden nun folgenden ersten K.o.-Spiele der deutschen Auswahl werden als zwei der besten WM-Leistungen Deutschlands in die Geschichte eingehen. Und natürlich als zwei der besten Spiele beim Turnier in Südafrika in die Geschichte.


DAS ACHTELFINALE - England

Der Gegner am 27. Juni: England. Löw zollt dem Erzrivalen Respekt. "Die Engländer sind hochgefährlich", sagt er. Doch die klar bessere Mannschaft im Achtelfinale ist Deutschland.

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Nicht gegebenes Lampard-Tor: "Die Rache für Wembley"

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Matchwinner ist Thomas Müller mit zwei Toren. Auch Klose und Podolski treffen. Das Spiel fügt der reichen deutsch-englischen Fußballgeschichte ein weiteres kurioses Kapitel hinzu. Frank Lampard erzielt beim Stand von 2:1 für Deutschland ein klares Tor. Sein Schuss fliegt von der Unterkante der Latte klar hinter die Torlinie. Doch Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay gibt den Treffer nicht. Wembley reloadad - nur mit umgekehrten Vorzeichen.

4:1 heißt es für die DFB-Elf (Detailbericht...). Deutschland ist im Fußballrausch.


DAS VIERTELFINALE - Argentinien

Am 3. Juli geht es gegen Argentinien. Bastian Schweinsteiger heizt die Stimmung an, indem er auf das Handgemenge beider Teams nach dem Viertelfinale 2006 verweist: "Die Argentinier provozieren immer. Das ist ihre Mentalität. Wir müssen Ruhe bewahren." Der attackierte Trainer Diego Maradona kontert: "Bist du nervös, Schweinsteiger? Wir haben keine Zeit, um uns über dich Gedanken zu machen."

Vielleicht hätte Maradona mehr über Deutschland nachdenken sollen.

Die argentinische Elf wird von Deutschland demontiert. Beim 4:0 trifft Klose doppelt, Müller und Arne Friedrich steuern die weiteren Tore bei (Detailbericht...). Der Sieg ist nicht nur für die Mannschaft ein Triumph. Auch Löw kann für sich ganz persönlich beanspruchen, Maradona im Trainerduell geschlagen zu haben.


DAS HALBFINALE - Spanien

Und dann, als das Team und Millionen Fans bereits vom Finale träumten, kommt wie bei der WM vor vier Jahren im eigenen Land - das Aus im Halbfinale (Detailbericht...).

Am 7. Juli ereignet sich gleich ein doppeltes fußballerisches Déjà-vu. Es gibt nur die Parallele zu 2006, sondern auch zum Finale der Europameisterschaft 2008. Im Endspiel der EM traf Deutschland auf Spanien und verlor gegen den übermächtigen Gegner. Jetzt ist es noch mal so weit.

Die südeuropäischen Ballkünstler dominieren mit ihrem perfekten Passpiel die Partie. Sogar das Ergebnis ist identisch. Damals wie jetzt heißt es am Ende 0:1. Carles Puyols Kopfball bringt den Europameister ins Finale.

Deutschland bleibt das Spiel um Platz drei.


DAS KLEINE FINALE - Uruguay

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Jubel über Platz drei: Schweinsteiger schelmisch, Löw geschafft

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Drei Tage nach dem bitteren Halbfinal-Aus rafft sich die DFB-Elf noch einmal auf. Am vorletzten WM-Tag schlägt sie Uruguay 3:2 (Detailbericht...). Die Partie ist unterhaltsam, Müller schießt sein fünftes Turniertor, auch Marcell Jansen und Sami Khedira treffen, und so sichert sich Deutschland den zweiten Bronze-Platz bei einer WM in Folge. Es wird gejubelt, doch nicht überschwänglich. Die Enttäuschung wegen des verlorenen Halbfinales ist nicht verklungen - aber Löw ist schon zufrieden.

"Wir gehen nicht mit leeren Händen nach Hause", sagt er. Der Bundestrainer äußert sich nicht zu seiner Zukunft , aber viele in Deutschland hoffen, dass er Trainer bleibt. Damit die Hände beim nächsten Mal richtig voll sind - wenn diese junge deutsche Mannschaft schon älter ist.


NACH DER WM IST VOR DER EM - WAS KOMMT JETZT?

SPIEGEL ONLINE hat nach dem Halbfinal-Aus für die deutsche Mannschaft analysiert, wie die Perspektiven für das deutsche Team bei der EM 2012 und die WM 2014 sind - und wieso Löw als Trainer so wichtig ist. Lesen Sie's nach:

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DFB-Elf der Zukunft: Nach der WM ist vor der EM

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Bundestrainer Löw: Zwanzigers große Hoffnung

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