Deutsches 2:0 gegen Aserbaidschan Lustlos besiegt Leidenschaft

Es war ein Pflichtsieg, aber was für einer. Gegen Berti Vogts' leidenschaftliche Aserbaidschaner gewann die deutsche Nationalmannschaft so glanzlos, dass es auch Joachim Löw manchmal nicht mehr aushielt. Gegen Russland muss da mehr drin sein - sonst wird es hässlich.

Von Hartmut Scherzer, Baku


Haareraufend sprang Joachim Löw auf die Laufbahn des Tofik-Bachramow-Stadions in Baku. Der über die Schulter geworfene Pullover drohte hinabzurutschen - so sehr ärgerte sich der Bundestrainer über die Leistung seiner Mannschaft. Dabei hatte er doch im Vorfeld der Partie besonderen Wert darauf gelegt, den vermeintlichen Außenseiter Aserbaidschan nicht zu unterschätzen.

Stürmer Gomez (l.): Sieg gegen Aserbaidschan
DPA

Stürmer Gomez (l.): Sieg gegen Aserbaidschan

Und nun dribbelte der Gegner, sieg- und torlos in den fünf vorherigen Qualifikationsspielen, zum wiederholten Male in den deutschen Strafraum. Allein der Abschlussschwäche des Gastgebers hatte es die deutsche Nationalmannschaft letztendlich zu verdanken, dass sie auf dem Weg zur WM in Südafrika gegen ihren ehemaligen Bundestrainer nicht ins Stolpern geraten ist.

Ungefährdet, jedoch ohne besonderen Glanz besiegte Löws Team das von Berti Vogts trainierte Aserbaidschan und behauptet in der Qualifikationsgruppe 4 die Tabellenspitze mit nunmehr 19 Punkten. Bastian Schweinsteiger mit einem Weitschuss (12.) und Miroslav Klose per Kopfball (54.) erzielten die Tore.

Es war keine Schwerstarbeit, die die Deutschen vor 30.000 Zuschauern in Baku zu verrichten hatten - Routine und Können reichten am Ende gegen einen leidenschaftlichen, aber vor allem im Abschluss harmlosen Gegner.

"Unser Auftrag war, hier drei Punkte zu holen. Das haben wir geschafft", lautete Löws Kommentar. Nach dem 2:0 sei die Ordnung etwas verlorengegangen. Am 10. Oktober beim wahrscheinlichen Spiel um den Gruppensieg in Moskau gegen Russland wird ein ganz anderes Stück Arbeit und bessere Leistung vonnöten sein.

Vogts war mit dem Gebotenen zufrieden. "Ich hoffe, auch Sie haben eine sehr gute aserbaidschanische Mannschaft gesehen", sagte der 62-Jährige auf der Pressekonferenz. "Meine Spieler haben alles gegeben. Deutschland aber hat die drei Punkte verdient. Gratulation."

Die einzige überraschende Aktion des Abends hatte Löw zu bieten: Serdar Tasci bezog in der Innenverteidigung die Position neben Per Mertsacker. Eine überraschende Nominierung, war doch Arne Friedrich als Partner des Abwehrchefs erwartet worden. Der 22-jährige Stuttgarter Tasci bekam in seinem achten Länderspiel gleich viel zu tun, denn überfallartig ließ Vogts seine Mannschaft loslegen, mit dem 20-jährigen Sawadow als Spitze und drei offensiven Mittelfeldspielern dahinter. Mittels dieser taktischen Variante wollte der Trainer seine Landsleute überrumpeln.

Die Rechnung schien aufzugehen, in der Anfangsphase ging es mitunter turbulent zu im deutschen Strafraum. Robert Enke konnte sich schon nach sechs Minuten bei einem flatterhaften Heber von Mammadow auszeichnen. Nur zwei Minuten später wurde dem Zuschauer vorgeführt, warum Vogts an der Abschlussschwäche seiner Angreifer schier verzweifelt und warum seine Mannschaft in nunmehr sechs Qualifikationsspielen - darunter sogar eine Partie gegen Liechtenstein - noch kein Tor gelang. Das von Vogts gepriesene Talent Vagif Sawadow stürmte allein von halbrechts auf das deutsche Tor zu, doch ihn verließ der Mut, selbst zu schießen. Stattdessen spielte er den Ball quer. Vergeben war die große Chance zum ersten Treffer.

Den erzielte auf der anderen Seite Bastian Schweinsteiger, der von rechts nach innen gedribbelt war und mit links aus 18 Metern abzog. Der Ball senkte sich über Torwart Valijew ins linke Eck.

Die deutsche Mannschaft, dirigiert vom umsichtigen Michael Ballack, der am Vorabend wegen eines Ziehens im rechten Oberschenkel das Abschlusstraining abgebrochen hatte, spielte nun nach der Devise: konzentrieren und kontrollieren. Das sah nicht immer souverän, manchmal gar holprig aus und weckte nicht gerade Begeisterung. Die übereifrig zu Werke gehenden Aserbaidschaner waren dem individuellen Können der kompakt stehenden Mannschaft von Joachim Löw unterlegen.

Auch Tasci kam allmählich besser ins Spiel, hatte sich bald auf Sawadow eingestellt und fiel mit dem ein oder anderen dynamischen Vorstoß auf. Man hatte das Gefühl, würde die deutsche Mannschaft nur ein wenig konzentrierter agieren, hätte Aserbaidschans unsicher wirkender Torwart Farhad Weljew in den ersten 45 Minuten mehr als einmal hinter sich greifen müssen. So blieb es aber bis zur Pause bei einer guten Chance von Miroslav Klose, dessen Kopfball (45.) aber über das Tor flog.

Zehn Minuten nach dem Wechsel fiel dann das 2:0. Klose konnte einen Kopfball ins Netz abstauben. Einen Schuss von Mario Gomez hatte Torwart Weljew an die Latte gelenkt, den abprallenden Ball verwertete Klose sicher.

Teilnehmer WM 2010

25 Länder haben sich schon neben WM-Gastgeber Südafrika qualifiziert.

ASIEN (4)

- Australien

- Japan

- Nordkorea

- Südkorea

EUROPA (9)

- Deutschland

- Niederlande

- England

- Spanien

- Dänemark

- Serbien

- Italien

- Schweiz

- Slowakei

SÜDAMERIKA (4)

- Brasilien

- Paraguay

- Chile

- Argentinien

AFRIKA (5)

- Südafrika

- Ghana

- Elfenbeinküste

- Nigeria

- Kamerun

AMERIKA (3)

- Mexiko

- USA

- Honduras

Ozeanien (1)

- Neuseeland

Über die Außenflügel suchten die Aserbaidschaner in der Folge ihr Glück und fanden über rechts in Marcel Schäfer die deutsche Schwachstelle. Am gefährlichsten wirkte Mammadow, der im Gegensatz zu seinen Mannschaftskollegen wenigstens einmal den Abschluss fand, den sicher wirkenden Robert Enke aber nicht vor Probleme stellte.

Wie der Torwart strahlte auch der starke Mertesacker Ruhe und Routine aus. Auf rechts setzte sich Philipp Lahm nicht so eindrucksvoll in Szene, wie man es auf links von ihm gewohnt ist.

Was Thomas Hitzlsperger vom Tempo her als "Sechser" bot, hätte wohl auch Torsten Frings gekonnt. Warum der Stuttgarter vor dem Bremer laut Löw "die Nase vorn hat", war in diesem Spiel nicht festzustellen.

Kapitän Ballack war präsent, trat aber eher zurückhaltend als dominant auf. Für Betrieb auf den Flügeln sorgte Bastian Schweinsteiger und mehr noch Piotr Trochowski. Im Sturm spielte Klose spritziger, war lauffreudiger und auffälliger als sein neuer Bayern-Partner Gomez.

Die deutsche Mannschaft hatte, wie von Ballack angekündigt, ihre Hausaufgaben gemacht und drei Punkte in Baku eingesammelt. Mehr nicht.

Mehr war aber auch nicht nötig.

Aserbaidschan - Deutschland 0:2 (0:1)
0:1 Schweinsteiger (12.)
0:2 Klose (54.)
Aserbaidschan: Weljew - Sadigow, Yunisoglu, Malikow, Allahwerdijew - Schukurow, Tschertoganow, Abbasow, Jawadow - Mammadow - Nadirow (ab 75. Aktiamow)
Deutschland: Enke - Lahm, Tasci, Mertesacker, Schäfer - Schweinsteiger, Ballack, Hitzlsperger, Trochowski (ab 77. Jansen) - Klose (ab 75. Cacau), Gomez (ab 84. Özil)
Schiedsrichter: Allan Kelly (Irland)
Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Allahwerdijew, Schukurow, Malikow, Tschertoganow



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