Deutsches 3:3 gegen Finnland Märchenstunde in der Mixed Zone

Haarsträubende Abwehrfehler, Schlafmützigkeiten gegen einen überraschend starken Gegner: Das deutsche Unentschieden in Finnland war höchstens für die Zuschauer ein Vergnügen, da unterhaltsam und spannend. Die allerstärkste Leistung zeigte die Nationalmannschaft nach dem Spiel - beim Schönreden.

Aus Helsinki berichtet


Frisch geduscht und mit sorgfältig nach vorn gekämmten Haaren betrat Heiko Westermann den schmalen Gang. Der Gang gehört für einen Journalisten zum Spiel, wie der Ball oder der Schiedsrichter. Bei Journalisten und Spielern heißt der Gang "Mixed Zone". Die "Mixed Zone" ist gesäumt von Journalisten und deren Mikrofonen, sie muss ein Spieler passieren, bevor er in den Mannschaftsbus steigen kann. Bei der Nationalmannschaft sind die Spieler angewiesen, stehen zu bleiben und die Fragen zu beantworten, die auf sie niederprasseln.

Für Schalkes Heiko Westermann war das nach einer Leistung wie der von Helsinki sicher kein Vergnügen. Zumal die Journalisten zuvor mindestens eine halbe Stunde Zeit hatten, um ihre Eindrücke mit denen der Kollegen abzugleichen.

Selten herrschte beim Abgleichen so viel Einigkeit wie am Mittwochabend. Die Finnen waren weit stärker als erwartet, sie standen "defensiv sehr gut", wie auch Simon Rolfes (Bayer Leverkusen) fand. Doch ohne die katastrophalen Stellungsfehler in der deutschen Hintermannschaft hätten sie vielleicht keines ihrer drei Tore erzielt.

Als Westermann, der schlechtere der deutschen Innenverteidiger, irgendwann nach dem Bayer Philipp Lahm und den Stuttgartern Thomas Hitzlsperger und Mario Gomez zum Bus wollte, galt er längst als Match-Loser. Und von dem hätte man gerne gehört, wie er sich drei Gegentore erklärt, die alle eher mehr als weniger in seinen Verantwortungsbereich fielen.

Fatalerweise hatte Heiko Westermann das alles allerdings ganz anders gesehen: "Die Finnen hatten in der ersten Halbzeit zwei Chancen, wobei das eher Zufallsprodukte waren, am Ende hätten wir einen Sieg verdient gehabt." Mehr noch: "Ich kann nicht sagen, dass wir hinten ein schlechtes Spiel gemacht haben – aber die Gegentore dürfen natürlich nicht passieren."

Eine seltsame Logik. Man kann also offenbar ein hervorragender Autofahrer sein und beim Ausparken drei Autos demolieren.

Zwischen 23.30 Uhr und der Geisterstunde drängte sich dann ein Verdacht auf: Was, wenn sich Trainerstab und Spieler irgendwann zwischen Elektrolytgetränk und Fönen auf eine Sprachregelung geeinigt hätten, die vier Versatzstücke variierte: "Gute Moral, gutes Spiel, guter Gegner – war sonst noch was?"

Allmählich wurde der Verdacht zur Gewissheit. Man brauchte nur den Spielern Hitzlsperger ("Wir haben ihnen drei Tore eingeschenkt, das ist schon eine gewisse Qualität"), Gomez ("Wenn das Spiel weitergegangen wäre, hätten wir es gewonnen") und Schweinsteiger ("Ganz klar zwei verschenkte Punkte") zuzuhören. Und sich dann fragen, ob man denn tatsächlich ein anderes Spiel gesehen hat.

Tabelle Gruppe 4

Platz Land Spiele Tore Punkte
1. Deutschland 10 26:5 26
2. Russland 10 19:6 22
3. Finnland 10 14:14 18
4. Wales 10 9:12 12
5. Aserbaidschan 10 4:14 5
6. Liechtenstein 10 2:23 2

Eines, in dem die deutsche Mannschaft zwar tatsächlich nach jedem Rückstand immer wieder mutig anrannte und streckenweise sogar schöne Kombinationen zeigte. Aber eben auch eines, in dem man durch haarsträubende Abwehrfehler überhaupt erst in Rückstand geriet und besonders zu Beginn der Partie einem Gegner hinterherhechelte, der zwar forsch nach vorne spielte, dabei aber immer wieder durch Schlafmützigkeiten in der deutschen Defensive gefördert wurde.

Es war eben in etwa so, wie es Finnlands Coach Stuart Baxter sah: "Wenn mir jemand vor dem Spiel gesagt hätte, dass es unentschieden ausgeht, wäre ich sehr glücklich gewesen. Aber nachdem wir gesehen haben, wie das Spiel gelaufen ist und wir dreimal in Führung lagen, finde ich es sehr schwer, glücklich zu sein." Er müsse seiner Mannschaft ein "unheimliches Lob aussprechen. Sie haben toll nach vorne gespielt. Unser Problem war nur, dass uns zum Ende die Kraft ausgegangen ist."

Als der finnische Coach, der ein Engländer ist, geendet hatte, betrat Miroslav Klose die Szenerie. Klose hatte zuvor drei Tore geschossen. Sachlich, fachlich, konsequent, wie es schon in besseren Tagen so seine Art war.

Klose hatte sich erkennbar gefreut, dezent nach dem ersten Treffer, mit einem befreiten Luftsprung nach dem dritten. Und nun stand er da, die Trainingstasche geschultert, mit einem Blick, der vielleicht ein klein wenig Trotz verriet, vor allem aber die Ruhe und Sachlichkeit ausstrahlte, die Klose auszeichnet. "Ich habe mich nie anstecken lassen. Wenn ich an mir arbeite, dann werde ich auch belohnt."

Der Stürmer von Bayern München, der gerade drei von drei deutschen Treffern erzielt hatte, verzichtete auf jedes Triumphgeheul. Er hatte zuvor in all jenen Spielen, in denen er das Tor wohl selbst dann nicht getroffen hätte, wenn es von einer Eckfahne zur anderen reichen würde, nicht einmal so getan, als sei er eigentlich in blendender Form.

Klose war an diesem Abend von Helsinki der beste deutsche Spieler. Auch nach dem Spiel.

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Taubenus 10.09.2008
1.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Durch die vielen Verletzten ist Herr Löw momentan dazu gezwungen, junge und/oder neue Spieler in sein Team einzubauen. Dies finde ich sehr gut. Die Frage wird sein, ob er das auch dann noch durchziehen will, wenn Ballack, Frings, Schneider & Co. wieder fit sind. Bei der EM hat man gesehen, dass er mehr auf verdiente Leute setzt, als auf Leistung. Jüngstes Beispiel: Klose. Heute hat er 3x getroffen, okay. Wir können aber nicht immer so lange warten. Spieler wie Schweinsteiger, Lahm, Podolski etc. haben schon jetzt gefühlte 100 Länderspiele hinter sich. Dabei sind sie fast alle noch unter 25 Jahre. Damit sind quasi viele Positionen über Jahre hinweg "stammbesetzt". Man kann sagen: das ist/wird eine eingespielte Mannschaft. Man kann man aber auch befürchten, dass es einen Stillstand über Jahre hinweg geben könnte. Die Leistungen unserer Elf kann man so schwer einschätzen, da sie sich dauernd mit "Hochkarätern" wie Belgien, Luxemburg und Finnland mißt bzw. messen muß.
Augeseiwachsam, 11.09.2008
2. Unvermögend
Was will Löw eigentlich gewinnen? Den Jugendpreis? Den Talentschuppen? Da machen 10 Finnen im Mittelfeld die Räume eng, und die Deutsche Elf steht vor unlösbaren Problemen! Unfassbar!! Klare Konturen fehlen. Westermann und Kuranyi raus, die Schalker Schule ist überhaupt keine, wenn dann eine Hauptschule! Hey Jogi, finde erstmal Mannschaftsteile, die in der Liga auch zusammenspeielen. Sonst bleibst du ewig derjenige, der mit dem Abgesang tanzt.
Kurt Kurzweg 11.09.2008
3. Lachen oder Weinen?
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Hier wird es wohl niemanden geben, dem die Leistung des teams gefallen. Wer sich - ganz gleich gegen welchen Gegner - DREI TORE einfängt muss sich (sehr) viele Fragen gefallen lassen...mon dieu, wir hatten mal die beste Abwehr der Welt...aber das Problem ist ja so neu nicht; man erinnere sich an die Spiele gegen England und Italien vor der WM...möchte nicht wissen, wieviel "Sauna-Olut" gestern abend in Suomi geflossen ist...
Jodeljedi, 11.09.2008
4.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Na ja, ich habe unsere Elf schon stärker spielen sehen als gestern. Finnland ist eher ein Fußballzwerg und sollte unsere Defensive besonders in der Rückwärtsbewegung nicht derart gefährden können. Haben sie aber und damit ist auch die bisherige und zukünftige Aufgabenstellung unseres Bundestrainers hinreichend beschrieben. Leider ist die Schwäche unserer Verteidiger seit längerem bekannt und trotzdem wurde seit der WM06 kein nennenswerter Fortschritt erreicht.Auch das Mittelfeld hat bei weitem nicht genügend Druck aufgebaut um die Finnen in Schach zu halten. Gut gefallen hat mir die Moral der Truppe und das Miroslav Klose endlich wieder so überzeugend gespielt hat. Eine andere Sache ist das mit Herrn Gomez, wie viele Chancen braucht der denn noch? Gebt Helmes eine Chance. Gruß Jodeljedi
Tomislav, 11.09.2008
5.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Das gestrige Spiel betrachtet, die Innenverteidigung. Tasci hat da sowieso nie hingehört (in die N11) und bei Westermann muss man sich auch fragen, ob er den Anforderungen eines Innenverteidigers auf diesem Niveu gerecht wird. Sobald der Ball irgendwie in der Luft ist, selbst wenn er nur 3 Meter vor ihm aufhopft, ist er überfordert und verschätzt sich. Wo war Enke, als der Ball beim 3:0 sich in seinen 5-Meter-Raum senkte? Überhaupt, so planlos wie die deutsche Abwehr da gestern rumgetorkelt ist, muss man sich schon fragen, ob der Torwart die selbige zu koordienieren in der Lage ist. Gott sei Dank hat Krisen-Klose gestern wieder getroffen, sonst wären wir noch zu null nach Hause geschickt worden. Gomez macht den Ball nichteinmal rein, wenn der ihm auf der Linie zurecht gelegt wird. Wieso hält er nicht einfach den linken statt dem rechten Schlappen hin??? Mit dieser Abwehr brauchen wir gegen die Russen gar nicht erst anzutreten, die hauen uns 5 Buden rein, wenn sich da nichts tut. Da ist mir ein Metzelder ohne Spielpraxis tausend mal lieber als das was da gestern zu sehen war.
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