DFB-Remis gegen Chile 90 Minuten Erwachsenwerden

Gegen Chile hat die junge deutsche Confed-Cup-Mannschaft ihre Reifeprüfung abgelegt. Dass das Team so gut bestehen konnte, lag an einem taktischen Kniff des Bundestrainers. Und am Durchbruch eines Stürmers.

Deutschlands Joshua Kimmich (r.), Chiles Jean Beausejour
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Deutschlands Joshua Kimmich (r.), Chiles Jean Beausejour

Aus Kasan berichten und


Lars Stindl als einen unerfahrenen Fußballer zu bezeichnen, ist eigentlich ein Witz. Der Mann spielt seit fast zehn Jahren in der Bundesliga, hat dort mehr als 200 Partien absolviert, in der Champions League und in der Europa League gespielt. Mittlerweile ist der Gladbacher 28 Jahre alt, auch das gilt schon als gesetztes Alter im Profifußball.

Und dennoch steht Lars Stindl ein bisschen sinnbildlich für diese junge und wenig eingespielte deutsche Confed-Cup-Mannschaft, die derzeit im Schnelldurchgang ihren Reifeprozess zu durchlaufen hat. In den 90 Minuten von Kasan gegen den Südamerikameister Chile (1:1) konnte man dem Team praktisch beim Erwachsenwerden zuschauen. Mit Stindl in der Hauptrolle.

Der Borusse ist ein Spätberufener, er hat erst im Mai sein erstes Länderspiel bestritten, aber gegen diese abgezockten und kampferprobten Chilenen merkte man ihm das nicht an. Stindl hatte die eigentlich undankbare Aufgabe, allein auf weiter Flur in der Spitze gegen die ohne Pardon arbeitenden chilenischen Defensivspieler klarzukommen, "und das hat er hervorragend gemacht", lobte der Bundestrainer seinen Stürmer.

Ganz auf Defensive umgeschaltet

Bundestrainer Joachim Löw hatte sich für diese Partie eine Aufstellung ausgedacht, mit der wohl keiner zuvor gerechnet hatte. Statt auf die Angreifer Sandro Wagner oder Timo Werner zu setzen, verstärkte er die Abwehr massiv und bot gleich sieben defensiv ausgerichtete Spieler für die Startformation auf.

In den ersten Minuten schien das allerdings vergebliche Liebesmüh gewesen zu sein, die Chilenen überrannten geradezu die deutsche Abwehr und gingen schnell in Führung. "Die wollten uns natürlich sofort unter Druck setzen, weil sie wussten, dass wir nicht so eine erfahrene Truppe sind, wie man es sonst von deutschen Mannschaften kennt", sagte Kapitän Julian Draxler anschließend.

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Confed Cup: Torjäger Stindl

Aber statt sich von dem Rückstand und dem anfänglichen Chaos in der Abwehr um den unsicheren Shkodran Mustafi verunsichern zu lassen, gewann die Mannschaft stattdessen an Stabilität - "sie hat ungeheure Disziplin gezeigt und taktisch die höchsten Ansprüche erfüllt", war Löw nach dem Spiel gar nicht mehr zu bremsen, was das Loben anging.

Löw hat sein taktisches Ziel genau erfüllt

Auch wenn Chile in der ersten halben Stunde noch wiederholt gefährlich vors deutsche Tor kam - mehr und mehr riss Löws Elf den Spielrhythmus an sich, verlangsamte die Partie und erreichte damit genau das, was der Bundestrainer beabsichtigt hatte. Die Chilenen verloren ihren Schwung, das deutsche Spiel legte die Angriffe lahm fast bis hin zur Bewegungslosigkeit. Die zweite Halbzeit war dann nur noch ein langer und träger Fluss, als wollte die Partie die nahe Wolga imitieren.

Löw war so zufrieden, dass er nicht einmal Anlass sah, während der 90 Minuten auch nur einen Wechsel vorzunehmen. Das hatte es in seiner Amtszeit, die ja auch schon mehr als zehn Jahre währt, noch nicht gegeben. "Ich wollte auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit und Härte einfordern", begründete Löw, warum die elf Spieler, die er nominiert hatte, bis zum Ende durchzuhalten hatten. Der Bundestrainer versteht sich als Coach dieser Mannschaft ganz offensichtlich auch als Erzieher.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Emre Cans bestes Länderspiel

Bei Stindl hat er damit in jedem Fall schon Erfolg. Es ist auffallend, wie der Mönchengladbacher sich allein in den vier Länderspielen, die er in diesen Wochen gemacht hat, gesteigert hat. "Ich habe im Spiel immer versucht, mich anzubieten und Lücken auszunutzen", sagte der Angreifer, und besonders schön gelang ihm dies beim Ausgleichstor, "einem Paradebeispiel für einen Konter", wie Löw befand. Tatsächlich hätte der Angriff über den starken Emre Can und Vorlagengeber Jonas Hector auch in einem DFB-Trainerlehrbuch stehen können. "Das Tor steht so ein bisschen für unsere Spielweise", sagte Stindl, und es klang, als wäre er schon Jahre bei der Nationalmannschaft dabei.

Gegen Kamerun darf nicht verloren werden

Dem Gladbacher kommt jetzt zugute, dass "er keine Anzeichen von Nervosität aufweist", wie sein Trainer festgestellt hat. Stindl sei "so ruhig und selbstbewusst", das habe ihn schon "absolut überzeugt".

Überzeugend muss die Mannschaft trotz der vielen schönen Worte an diesem Abend auch in der ausstehenden Gruppenpartie am Sonntag gegen Kamerun (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auftreten, schließlich war es gegen Chile am Ende doch nur ein Unentschieden, und bei einer Niederlage gegen die Afrikaner würde die Elf ausscheiden. Joachim Löw redet davon unangefochten jetzt schon vom möglichen Gruppensieg. Dass man dann im Halbfinale schon auf den vermeintlich bestmöglichen Gegner, Europameister Portugal, trifft, interessiert ihn nicht besonders. Sagt er.

Für ihn sei es wichtiger, zu sehen, wie "diese junge Mannschaft "so gut und intelligent arbeitet". Das Schlusswort gehörte dem Schlussmann. Marc-Andre ter Stegen stellte fest: "Dafür dass wir so ein junges Team haben, haben wir eine reife Leistung gezeigt." Das ist im Hinblick auf das Kamerun-Spiel schon das Wort zum Sonntag.



insgesamt 36 Beiträge
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achterhoeker 23.06.2017
1. Ball flachhalten
Den Gegner stark reden ist doch das beliebte Pressekonferenzmittel um eventuell bei einer Niederlage nicht schlecht da zu sitzen. Chile wurde dann dröge, hatte dad Pech des Latteschusses und das Glück des Abspielfehler. Mehr war aber nicht. Auch nicht durch Vidal.
Papazaca 23.06.2017
2. Warum kam nicht Werner, als Chile platt war?
Das habe ich alles verstanden (Kommentare, Pressekonferenzen etc.).Was ich nicht verstanden habe, ist der Fakt, das Löw, als die Chilenen offensichtlich platt waren, nicht einen Stürmer einwechselt hat, um noch zu gewinnen. Reichte das 1:1 und wollte er Solidarität mit genau dieser Mannschaft über die volle Spielzeit dokumentieren? Man wes es net ...
joe.micoud 23.06.2017
3.
Ordentliches Spiel unserer neuen Mannschaft und gerechtes Ergebnis.
KuGen 23.06.2017
4. "....nur ein Unentschieden."
Mumpitz. Chile war eindeutig die bessere Mannschaft, und Deutschland hatte Glück, dass es ein Unentschieden wurde. Durchdachte deutsche Angriffszüge waren absolute Mangelware. Keine Ahnung, was Löw und die Medien loben.
wolleb 23.06.2017
5.
Ich fand Can über 90 Min. nicht stark. Mustafi war noch schwächer. Vielleicht sollte Löw auf Spieler aus der Premierleague in Zukunft verzichten. Dort lernt man Holzhacken, aber verlernt das Spielen.
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