DFB-Remis gegen Frankreich Duell der Besten

Mit dem 2:2 gegen Frankreich bleibt die deutsche Nationalelf 2017 ungeschlagen - und reist als einer der Top-Favoriten zur Weltmeisterschaft. Die Franzosen allerdings könnten den WM-Triumph verhindern.

Aus Köln berichtet


Sami Khedira ist nicht nur ein äußerst erfahrener Nationalspieler, sondern offensichtlich auch ein Meister der Dialektik. "Wir haben gegen das beste Team der Welt gespielt, und wir haben sie teilweise dominiert", sagte er nach dem 2:2-Remis gegen Frankreich. Wer das beste Team der Welt teilweise dominiert, ist derjenige dann nicht selbst das beste Team der Welt?

Es bleiben sieben Monate Zeit, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Dann ist WM, und Deutschland und Frankreich haben am Dienstag in Köln in jedem Fall gute Argumente gesammelt, sie für die Top-Favoriten in Russland zu halten.

"Zwei Mannschaften auf Top-Niveau" hatte der Bundestrainer an diesem Abend gesehen, die Franzosen seien schließlich "gespickt mit Weltklassespielern", und das, obwohl im Testspiel Hochkaräter wie Paul Pogba, Thomas Lemar und Ousmane Dembélé fehlten.

Deutsche Abwehr in Verlegenheit

Was Frankreich an ihrer Stelle auf den Platz brachte, hatte allerdings tatsächlich immer noch höchste Qualität. Gerade in der ersten Halbzeit brachten die flinken Offensivleute um Kylian Mbappé und den zweifachen Torschützen Alexandre Lacazette die deutsche Abwehr immer wieder in Verlegenheit. Torwart Kevin Trapp bewahrte seine Elf vor Schlimmerem.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Stindl, der Serienretter

"Wie wir dann nach zweifachem Rückstand zurückgekommen sind, nötigt mir Respekt ab", so Löw - der auf seiner Seite ebenfalls auf fehlende Stützen verweisen konnte: Thomas Müller, Jérôme Boateng, Jonas Hector, Manuel Neuer waren aus der Stammformation nicht mit von der Partie, Mats Hummels spielte nur 45 Minuten. Ein Aufeinandertreffen beider Mannschaften in Bestbesetzung verheißt Großes.

Spielerisch ist Frankreich derzeit wahrscheinlich allen anderen Nationen voraus, auch der DFB-Elf. Aber das Team von Joachim Löw deutete an diesem Abend an, was man dagegenzuhalten versteht. Der Bundestrainer selbst nennt es eine "psychische Robustheit" oder "mentale Stärke", auf die er sich in seiner Mannschaft verlassen kann. Auch wenn die Franzosen teilweise ihre fußballerische Überlegenheit demonstrierten - am Ende standen sie doch nicht als Sieger da. Weil Lars Stindl mit dem letzten Angriff traf.

Es ist das deutsche Klischee, dass ihre Teams über die Generationen hinweg davon leben, niemals aufzugeben, bevor tatsächlich abgepfiffen wird. In Köln konnte man wieder einmal sehr schön sehen, dass an Klischees auch viel Wahres dran ist.

Emre Can war diesmal überfordert

Was längst nicht heißt, dass die Mannschaft jetzt schon bereit und fähig ist, ihren Titel in Russland souverän zu verteidigen. Die Außenverteidiger-Frage ist auch nach dem letzten Länderspiel des Jahres 2017 unbefriedigend. Emre Can musste anstelle des pausierenden Joshua Kimmich auf der rechten Abwehrseite spielen, und er war sehr zu bedauern, dass ihm diese ungeliebte Aufgabe zufiel. Can hat seinen Wert in der Zentrale, vielleicht sogar im Deckungszentrum, aber als Rechtsverteidiger genügt er den höheren Ansprüchen beileibe nicht. Wenn Hector auf links und Kimmich ausfallen, wird das Eis auf dieser Schlüsselposition dünn.

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Deutschlands Remis gegen Frankreich: Ein ungeschlagenes Jahr

Der Bundestrainer weiß das, deswegen experimentiert er so ausgiebig auf den Außen. Marvin Plattenhardt, der Herthaner, der am Dienstag auf der linken Seite spielte, und der Leipziger Marcel Halstenberg sind Optionen für den Kader. In Turnierspielen, in denen es Spitz auf Knopf steht, möchte man sie aber vielleicht dann doch (noch) nicht sehen.

Seit nunmehr elf Jahren ist Löw Chefcoach, keine andere Nation hat ein so eingespieltes Trainerteam, vom Manager bis zum Team-Psychologen kennen sich die Verantwortlichen in- und auswendig. Löws französischer Kollege Didier Deschamps ist auf dem Weg dahin, es ihm ähnlich zu tun, Strukturen zu verankern. Aber Löw und der DFB haben in dieser Hinsicht einen gewaltigen Vorsprung gegenüber Frankreich, gegenüber der gesamten Konkurrenz: "Wir haben über die Jahre eine wahnsinnig gute Basis geschaffen", sagt Löw. Jeder weiß, was er tut. Das gilt mittlerweile auch für die Spieler, und diejenigen, die neu hinzukommen, werden einfach ins System eingefügt.

Ob ihm das nicht Sorgen mache, dass die Franzosen über so viele großartige Spieler verfügen, wurde der Bundestrainer nach der Partie gefragt. Antwort Löw: "Das macht mir keine einzige schlaflose Nacht. Mich macht nichts mehr nervös." Das glaubt man ihm sofort.

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Svenner80 15.11.2017
1. Guter Beitrag
Schön, dass es dieser Beitrag nach SPON geschafft hat. Sicher, über Freundschaftsspiele kann man immer diskutieren - die Preise, den Sinn - und das 0:0 gegen England am Freitag war genauso ein typisches Freundschaftsspiel. Aber dieses Genörgele ist nach dem wirklich sehenswerten gestrigen Freundschaftsspiel nicht angebracht. Gestern aber haben 2 der 4-5 Top-Kandidaten auf den WM-Titel gegeneinander gespielt. Verbessern kann man immer dies und jenes, aber für NM war das wirklich eine ganz feine Sache. D hat auch in der ersten Halbzeit vieles richtig gemacht. Die Angriffe waren nicht so schlecht, mehrmals fehlten nur der letzte Pass oder Laufweg oder einfach ein bisschen Glück zu einem hochkarätigen Abschluss. Frankreich natürlich trotzdem die klar bessere bzw. gefährlichere Mannschaft (HZ 1), aber das ist eher ein Lob für F als ein Tadel für D. Die deutsche Leistung der ersten Halbzeit hätte für ganz viele andere NM-Teams gereicht. Defensive konnte Deschamps schon immer, jetzt hat er auch noch 3-4 Wunderknaben vorne, die die Angriffe auf einem absolut bemerkenswerten Niveau fahren. Da gibt es sicher nichts besseres auf dem Planeten. In HZ 2 hat Deutschland dann unglaublich stark gespielt. Die spielerische Dominanz muss man gegen so ein Team wie Frankreich überhaupt erstmal hinbekommen und endlich wurden auch die Lücken für schnelle Angriffe gefunden. Zum Glück haben wir Timo Werner. Will ihn nicht über den Klee loben, er ist vor allem schnell. Aber genau das braucht es, um all die guten Passspieler im dt. Mittelfeld zur Geltung kommen zu lassen.
sugardaddy 15.11.2017
2. Schmeichelhaft
ist das Ergebnis für D. Der beste deutsche auf dem Platz war eindeutig Trapp im Tor, der sich mit dieser Leistung für den 3. Platz bei der WM empfohlen hat. Für Frankreich kommt das Turnier evtl. 2-3 Jahre zu früh. Eine beeindruckende aber sehr junge Mannschaft, die vom Potential den Titel holen kann, wenn nicht muss. Wenn nicht der eine Gegner sich irgendwie durchwurstelt und am Ende im Elfmeterschießen gewinnt. Das ist dann im Zweifelsfall Deutschland.
trompetenmann 15.11.2017
3. Eigentlich gutes Spiel gestern...
... aber trotzdem irgendwie blutleer, wenn man so sagen kann. Was man gestern vor allem gesehen hat in der D NM ist, was nicht geht: Can auf rechts; Gündogan mit Kroos und Özil; Werner als Sturmspitze für Ballbesitzfussball. Nach der Einwechslung vor allem von Götze und Stindel war er plötzlich wieder da, der gefährliche One-Touch-Fußball - und der führte auch zum 2:2. (Sensationell gestern auch Özil; Kroos eher schwach für seine Verhältnisse.) Für die Ballbesitztaktik im 4:2:3:1 gefällt mir Wagner besser, der ist groß, robust, kopfballstark, bindet Abwehrspieler und ist immer gefährlich für Zuspiele von außen. Werner wäre eher der SpielerTyp für eine defensive Ausrichtung mit schnellem Konterspiel. Dem zweiten Tor der Franzosen ging ein schwerer Abwehrfehler voraus, das konnte man im Ansatz schon erkennen, dass das ein Tor werden würde. Das wäre zu verteidigen gewesen. Das 2. Tor der D war genial herausgespielt und nicht zu verteidigen. Ich sehe beide Teams absolut auf Augenhöhe. F eher im Sturm stärker, D dominiert dafür das Mittelfeld. Also abwarten. Ein Halbfinale/Finale D/F wäre natürlich schon ein Kracher...
ge1234 15.11.2017
4. Auch....
... wenn's nur ein Testspiele war, so war es m. E. doch sehr sehenswert und unterhaltsam mit zwei toll herausgespielten Toren (0:1, 2:2) und einem gerechten Ergebnis. Würde mich nicht wundern, wenn man gestern einen, wenn nicht sogar beide Finalisten der WM 2018 gesehen hätte.
siebke 15.11.2017
5. Gut !
War ein sehr mitreisendes Spiel, für mich, Frankreich hat mir sehr gut gefallen. Die deutsche Mannschaft hat gut dagegen gehalten, nie aufgeben. Was mich aber dann verwundert und auch geärgert hat, die Reporterin ,die unqualifizierte Fragen gestellt hat.
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