Drei Thesen zu Deutschland gegen Niederlande 2019 kann nur besser werden

70 Minuten lang hat die deutsche Elf gegen die Niederlande überzeugt. Doch am Ende brach das Team zusammen - auch wegen Löws Wechseln. Vor der EM-Qualifikation muss sich der DFB trotzdem nicht fürchten.

Von und Tobias Escher


1. Bis zur 70. Minute war die deutsche Leistung weltmeisterlich

Fans der DFB-Elf dürften nach den ersten 70 Minuten wehmütig geseufzt haben. Ach, hätte die deutsche Mannschaft doch nur schon bei der WM so aufgetrumpft! Teils lag die starke Leistung gegen die Niederlande an Löws neuem Spielsystem: Das 4-2-3-1 der WM ist tot, ein 5-2-3 nun angesagt. Die Fünferkette in der Abwehr sorgte für die nötige Stabilität. Vorne tauschten die drei Stürmer immer wieder die Positionen und verwirrten so die niederländische Abwehr.

Es war jedoch nicht in erster Linie das taktische System, das Deutschland zur Leistungssteigerung verhalf. Die deutschen Spieler liefen, bissen sich in die Zweikämpfe, gönnten den Niederländern im Mittelfeld keinen Zentimeter Raum. Als Toni Kroos kurz nach der Pause seinem Gegenspieler im Vollsprint den Ball abnahm und gedankenschnell einen Konter einleitete, hätte man ihm zurufen wollen: Warum erst jetzt und nicht schon im Sommer, Toni?

2. Die Wechsel haben den Sieg gekostet

Die Herrlichkeit endete, als der jugendliche Dreiersturm aus Leroy Sané, Serge Gnabry und Timo Werner nach und nach den Platz verließ. Sie hatten nicht nur offensiv brilliert, sondern auch im Spiel gegen den Ball unermüdlich die Passwege ins niederländische Mittelfeld geschlossen. Thomas Müller und Marco Reus konnten dieses Niveau nicht halten.

Auch Joachim Löws Einwechslung von Leon Goretzka und die damit einhergehende Umstellung auf ein Dreier-Mittelfeld erwies sich als kontraproduktiv. Die Niederlande spielten in den Schlussminuten ohnehin nicht mehr durch das Mittelfeld, sondern schlugen lange Bälle in den deutschen Strafraum. Es hätte eher einen kopfballstarken Bewacher für Aushilfsstürmer Virgil van Dijk gebraucht. Die Folge: Deutschland verspielte die 2:0-Führung, die Niederlande glichen zum 2:2 aus.

3. Im nächsten Jahr wird alles besser

13 Länderspiele im Jahr 2018 - sechs verloren (Brasilien, Österreich, Mexiko, Südkorea, Niederlande, Frankreich), vier gewonnen (Saudi-Arabien, Schweden, Peru, Russland), drei Remis (Spanien, Frankreich, Niederlande). Das ist die Bilanz des WM-Vorrunden-Gruppenletzten in Russland und des Nations-League-Absteigers Deutschland - formerly known as vierfacher Weltmeister 2014, 1990, 1974 und 1954. Viel tiefer als 2018 konnte das DFB-Team wirklich nicht sinken. Und zwar nicht nur gemessen an den Ergebnissen, sondern auch am spielerischen Auftreten des A-Teams nach der so erfolgreichen und souveränen Qualifikation für die Weltmeisterschaft.

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Deutschland in der Einzelkritik: Das Modell der Zukunft

Die Kritik am Löw-Team und am Bundestrainer selbst ist verständlich und in großen Teilen sicher auch berechtigt. Aber: So schlecht wird es nicht weitergehen. Pünktlich zum Start der EM-Qualifikation im März wird sich die deutsche Elf in einem anderen Aggregatzustand befinden. Löw wird seine Lehren nicht nur aus der WM, sondern auch aus dem Nach-WM-Sommer gezogen haben. Der Trainer weiß, auf welche Spieler er sich verlassen kann - und auf wen er zukünftig verzichten kann. Heißt konkret: Gnabry, Sané, Kai Havertz oder Thilo Kehrer werden viele weitere Partien von Beginn an absolvieren - Müller, Jérôme Boateng oder Julian Draxler eher nicht.

Das Festhalten an ehemals verdienten Spielern wird abgelöst vom Aufbau einer neuen Nationalelf-Generation. Nachwuchs ist reichlich vorhanden, und jetzt wird er auch mehr und mehr zum Zug kommen. Da das gleich unter Wettkampfbedingungen passieren wird, ist klar: Zurückhalten kann sich keiner. Volldampf voraus also in ein erfolgreicheres Länderspieljahr 2019.



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dirk.resuehr 20.11.2018
1. Einige Namen
sind genannt, dazu kommen allerdings auch noch ein paar neue Namen. Besonders pfiffig ist es auch nicht, in der Abwehr Spieler zu beschäftigen, die überwiegend zum eigenen Torwart spielen, zum xten Mal! Merkt das Keiner?
FK-1234 20.11.2018
2. Unverständlich
...ist das Agieren Löws und seines Stabes. Einmal mehr haben die "Altmeister" dem Team den Sieg gekostet. Zu langsam, zu wenig Leidenschaft und ohne Siegeswillen. Auch Goretzka hat sich (leider) dieser Leistung angepasst. Vor dem 2:1 hat er den Ball leichtfertig verloren...ohne nachzusetzen. Warum hält der DFB noch immer am Trainer fest. Jeder halbwegs fähige Trainer hätte den Umbau viel früher begonnen. Die Holländer kommen doch auch ohne ihre sogenannten Altmeister aus. Im Gegenteil, sie spielen schneller, leidenschaftlicher und agressiver als fmit Ihnen.
ichliebeeuchdochalle 20.11.2018
3.
Mal wieder falsche Analyse: Holland lief 85 Minuten im Schlafwagen-Modus über den Platz. Hätten die wie gegen Frankreich gespielt, hätte Deutschland fünf Stück kassiert.
flurhamwa 20.11.2018
4. Mopeds
Die drei "Mopeds" müssen kaltschnäuziger werden, dabei aber nicht die Verspieltheit verlieren. Die Dribblings von Sane, Werner und Gnarby tun dem deutschen Angriffsspiel sehr gut. Es muss jedoch mehr dabei herausspringen. Gestern waren mehr als 3 Gelegenheiten gegeben, dass Spiel auf 3:0 zu stellen und damit den Deckel drauf zu machen. Bei der kommenden EM sind diese drei 24-26 Jahre alt, in einem guten Fußballeralter. Dazu erinnert mich Kai Havertz verstärkt an Michael Ballack in seinen jungen Jahren. Ich hoffe, dass hier eine "goldene" Generation heranwächst. Hungrig sollten sie allemal sein. Ob Löw heirfür noch der richtige Trainer ist, möchte ich jedoch bezweifeln. Aus meiner Sicht braucht es einen jüngeren, hungrigerenTrainer, der viel näher an der jungen Generation dran ist.
meresi 20.11.2018
5. Dekompression
So, jetzt ist der Druck mal weg, zumindest vorübergehend. Interessant sind die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, bzw Analysen dieses Spiels. Ich sah eine müde holländische Mannschaft, ausgelaugt von den anstrengenden Spielen, vor allem gegen den Weltmeister. Nichtsdestotrotz gelang ihnen in den letzten Minuten der Ausgleich. Was sagt uns das ? Die Antwort überlass ich den werten Foristen hier. Ob der Trainer Lehren aus diesem Spiel gezogen hat werden wir nächstes Jahr zu sehen bekommen.
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