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DFB-Niederlage gegen Argentinien Schwache Abwehrkräfte

Ein Freundschaftsspiel ist kein WM-Finale? Geschenkt! Die Partie gegen Argentinien dürfte Joachim Löw trotzdem Kopfzerbrechen bereiten. Die Defensive zeigte Schwächen, Philipp Lahm fehlt.

Da stand der Weltmeister Philipp Lahm am Spielfeldrand, frisch geehrt für seine Verdienste um den deutschen Fußball, einen Blumenstrauß und ein ganz neues Trikot in der Hand; Präsente vom DFB. Aber richtig geadelt wurde der 30-Jährige, der nach dem WM-Erfolg seinen Rücktritt erklärt hatte, erst beim anschließenden 2:4 (0:2) gegen Argentinien.

Seine Nachfolger auf dem Außenverteidiger-Posten, Kevin Großkreutz (rechts) und Erik Durm (links), machten gegen die quirligen Südamerikaner einen derartig überforderten Eindruck, dass man dem langjährigen Kapitän Lahm jetzt schon wehmütig hinterherschaut.

Vor allem der bedauernswerte Durm wurde von Argentiniens Àngel Di María regelmäßig düpiert, es war ein ungleiches Duell. Wenn man sich vorstellt, dass Durm derzeit erste Wahl auf der linken Abwehrseite ist, dann wird klar, dass Bundestrainer Joachim Löw dort ein Problem hat. Das Problem ist nicht neu, aber es hat sich verschärft.

Die Mannschaft hat, wenn alle Spieler gesund sind, viele Optionen, sie ist auf den meisten Positionen üppig besetzt - aber für die Außenverteidiger gilt das weniger denn je. Hier hat Löw bisher keine Lösung.

"Spieler brauchen Zeit und Geduld"

"Diese Spieler haben große Möglichkeiten, sie sind alle herausragende Talente", verteidigte Löw seine Abwehrspieler, zu denen er auch den Neu-Dortmunder Matthias Ginter zählen muss. Ginter gab in der Innenverteidigung gemeinsam mit Benedikt Höwedes die Vertretung für die etatmäßige Abwehrzentrale aus Jérôme Boateng und Mats Hummels, und man kann nach dem Spiel nicht sagen, dass er es besonders gut und souverän gemacht hatte. "Bei diesen Spielern braucht man auch Zeit und Geduld", warb Löw um Gelassenheit.

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Tatsächlich ist Ginter gerade einmal 20 Jahre jung, Durm ist 22. Sie sind noch dabei, in der Nationalelf Erfahrung zu sammeln. Da darf man auch mal einen schlechten Tag haben; den hatten am Mittwoch beide.

Dass jedoch auch Höwedes, 26, den man mittlerweile zu den Routiniers zählen kann, einen fahrigen und wenig souveränen Eindruck als Innenverteidiger hinterließ und auch der ebenfalls 26-jährige Großkreutz nicht so agierte, als habe er schon um nationale und internationale Titel gekämpft, dürfte dem Bundestrainer eher Gedanken gemacht haben.

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Tatsächlich ist die Personaldecke - fallen wie derzeit mehrere Leistungsträger gleichzeitig aus - in der Abwehr dünn. Lahm und Per Mertesacker stehen nicht mehr zur Verfügung, und schon während der WM hat der Einsatz von DFB-Novize Shkodran Mustafi gezeigt, dass sich hinter den gesetzten Hummels und Boateng Lücken in der Qualität auftun. Für Mustafi war die Bühne Weltmeisterschaft noch zu groß, für Ginter und Durm galt das ähnlich. Dass Löw ihnen während des Turniers keine einzige Einsatzminute gegönnt hat, war kein Zufall.

"Das Ziel muss es sein, diese Spieler in zwei Jahren an die Spitze herangeführt zu haben", sagt Löw. 2016 müssen sie die Reife haben, ein Turnier zu bestehen. Jetzt haben sie noch das Recht, in einem Testspiel zu schwächeln.

Löw will Spieler nachnominieren

Hummels wird auch am Sonntag zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen Schottland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch nicht wieder gesund sein. Zudem wird Mesut Özil fehlen, genau wie Sami Khedira, der neue Kapitän Bastian Schweinsteiger, auch die Bender-Zwillinge sind nach ihren Verletzungen noch nicht wieder so weit. Es summiert sich bei der Nationalmannschaft. Löw will jetzt gleich mehrere Spieler nachnominieren, auch das ist ein Zeichen, dass selbst die Reserven eines Weltmeisters nicht unbegrenzt sind.

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Löw gibt zu, dass es unter anderem eben jenes Turnier in Brasilien war, das die Ressourcen mit enormen Anstrengungen so ausgedünnt hat. Auch Spieler wie Schweinsteiger, die nicht hundertprozentig fit waren, sind an ihre körperlichen Grenzen gegangen. Die Opfer, die für den Titel erbracht wurden, werden noch einige Zeit zu spüren sein - wenngleich jetzt schon die nächsten Aufgaben anstehen.

Für die muss der Bundestrainer nun auf wichtigen Defensivpositionen improvisieren; auf der Sechs, auf beiden Außenverteidiger-Seiten. Es sind exakt die Positionen, die Philipp Lahm jederzeit spielen konnte.

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