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Deutschlands Sieg gegen Frankreich Löws Mischung für den Titel

Löw baut die Mannschaft um - und steht jetzt im WM-Halbfinale. Das Team des Bundestrainers zeigt beim 1:0 gegen Frankreich Effektivität und Finesse. Ist das die Titel-Mischung? Alles Wichtige zum deutschen Sieg.

Ausgangslage: Es ist eine der großen Weggabelungen dieses Sommers: Als was wird die WM in Brasilien aus deutscher Sicht in Erinnerung bleiben? Zwischen Totalfiasko und Triumph präsentierten sich vor dem Viertelfinale gegen Frankreich die Optionen. Wird es das fünfte Halbfinale für die DFB-Auswahl bei einem großen Turnier in Folge oder muss Joachim Löw erstmals schon vorher nach Hause reisen. "Man will ja gar nicht weiterdenken", sagte ARD-Mann Gerhard Delling über ein mögliches Scheitern. Beim bislang letzten WM-Aus im Viertelfinale hieß der Bundeskanzler noch Helmut Kohl, der Bundestrainer Berti Vogts (1998 gegen Kroatien, 0:3).

Ergebnis: 1:0 (1:0) für Deutschland. Jetzt wartet Brasilien im Halbfinale.

Bundestrainer des Spiels: 80 Millionen Meinungen, aber eben nur eine Aufstellung. Joachim Löws Entscheidungen wurden zuletzt heftiger diskutiert als die Schicksale prominenter Steuerflüchtlinge. Und der Bundestrainer gab allen Diskutanten mit seiner Aufstellung so viel Stoff für heiteren Meinungsaustausch, dass mancher sicher den Anpfiff verpasste.

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Deutschland besiegt Frankreich: Hummels trifft, Schürrle scheitert

Foto: FRANCK FIFE/ AFP

Philipp Lahm rückte auf die rechte Abwehrseite, Jérome Boateng verdrängte Per Mertesacker in der Innenverteidigung, Miroslav Klose durfte allen Traditionalisten wieder einen echten Mittelstürmer geben und Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira sollten beweisen, dass auch zwei Teilzeit-Sechser eine Doppel-Sechs bilden können. Was Löw da auf die Taktiktafel kritzelte, war mehr als ein Reförmle. Manchen war er damit zu nachgiebig, siehe den Tweet von Christoph Metzelder. Aber, wie gesagt: 80 Millionen Meinungen, und mindestens 75 Millionen Gegenstimmen.

Erste Halbzeit: Nach zwei Minuten gegen Algerien hatte sich Unverständnis in deutschen Wohnzimmern verbreitet. Es war kein gutes Gefühl. Zwei Minuten im Viertelfinale gegen Frankreich - und wieder kam es zu Verwunderung. Diesmal im Guten. Die deutsche Auswahl spielte mutig nach vorne, wirkte wach und konzentriert. Die nicht unlogische Folge: das 1:0 durch Mats Hummels (13.). Deutschland behielt auch danach die Kontrolle, auch wenn Frankreich zu guten Chancen kam. Dennoch: Bis zum Ende der ersten Halbzeit hatte das deutsche Team 55 Prozent Ballbesitz und spielte fast doppelt so viele Pässe. Es rumpelte wieder deutlich weniger.

Zweite Halbzeit: Frankreich wurde nun stärker, Deutschland reagierte nur und hatte Glück, dass die Franzosen zwar stark vors Tor kamen, die Sache mit dem Toreschießen jedoch nicht so gekonnt zur Vollstreckung brachten. Erst ab Minute 65 lief in Rio de Janeiro der Verkehr wieder in beide Richtungen. Doch weiterhin wirkte Frankreichs Elf fitter als die Deutsche. Aber es blieb dabei, trotz offensiver Wechsel von Didier Deschamps: Frankreich hat die Revolution, aber nicht das Toreschießen erfunden. Auch weil André Schürrle zwei Chancen der Kategorie "Muss man in jedem Fall machen" vergab, durfte Manuel Neuer am Ende noch einmal retten.

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Deutschland in der Einzelkritik: Retter Neuer, Dirigent Schweinsteiger

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Bewegung des Tages: Normalerweise benutzt Neuer seinen gestreckten rechten Arm, um den Schiedsrichter darauf hinzuweisen, dass doch sicher eine Abseitsposition vorliege. Doch in dieser 94. Minute, als Karim Benzema aus kurzer Entfernung aufs Tor drosch, wurde aus dem Reklamier-Arm der Halbfinal-Arm. Der Ball prallte an der Faust des Bayern-Keeper ab, als wäre er einem Felsen begegnet. Kurz darauf war Schluss, Neuer hatte den Arm wieder runtergenommen. Denn am Sieg hatte er nichts auszusetzen.

Erkenntnis des Spiels: Was war Löw nicht kritisiert worden. Für seine Aufstellung und für die Standardschwäche in den vergangenen Turnieren. Der Bundestrainer reagierte zweimal: einmal kurzfristig (die Aufstellung), einmal langfristig (Freistoßtraining). Natürlich erwies sich nicht jede Maßnahme gleich als Volltreffer (siehe die Stolper-Variante). Doch dass die Reaktivierung des Standard-Trainings, naja, kein vergeblicher Schuss in die Mauer war, ist offensichtlich. Hummels' Kopfballtreffer nach Freistoßflanke von Toni Kroos war bereits der dritte WM-Treffer nach einem Standard.

Körperteil des Tages: Dritter Standardtreffer, zum zweiten Mal mit dem Kopf, zum zweiten Mal war es der von Mats Hummels. Viele Frauen hatten dieses Körperteil schon lange als die Stärke des Verteidigers ausgemacht. Doch auch der deutsche Fußball kann damit gut leben. Der Siegtreffer war Hummels vierter Länderspieltreffer mit dem Kopf. Dreimal wurden diese vorbereitet von Toni Kroos. Überhaupt Kopfballtore. Gary Lineker weiß, was die deutsche Elf - Standardschwäche hin oder her - seit Jahren mit auszeichnet:

Fazit: Nein, nicht alles ging auf, was Löw mit seinem Reförmle auf den Weg bringen wollte. Doch vieles wurde besser. Das Team stand geordneter, Philipp Lahm präsentierte sich deutlich verbessert. Natürlich blieb Miroslav Klose blass, natürlich war vor allem in der zweiten Hälfte viel Glück dabei. Doch eines zeichnet sich jetzt schon ab: Auf gewisse Weise verbindet diese Elf alte mit neuen Tugenden - Effektivität und Finesse. Es könnte die Titel-Mischung sein.

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