Deutsche EM-Qualifikation Über die Ziellinie getrickst

44 Torschüsse, ein Debüt für Manuel Neuer, ein Hackentor von Matthias Ginter: Mit dem Sieg gegen Weißrussland qualifiziert sich die deutsche Fußballnationalmannschaft vorzeitig für die EM.

Viele Vorsichtspässe, aber auch der Geniestreich zum 1:0: Matthias Ginter
Marius Becker / DPA

Viele Vorsichtspässe, aber auch der Geniestreich zum 1:0: Matthias Ginter

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Szene des Spiels: Serge Gnabry konnte sich auf dem rechten Flügel mit einem schnellen Antritt den entscheidenden Platz verschaffen und passte scharf an den Fünfmeterraum, wo Innenverteidiger Matthias Ginter mit der Hacke zum erlösenden 1:0 für die DFB-Elf traf (41. Minute). Ein Videoschiedsrichter hätte vermutlich eine Abseitssituation beim ersten Länderspieltreffer Ginters erkannt, den gibt's in der EM-Qualifikation allerdings nicht. So blieb es beim Türöffner, dem Brustlöser, was auch immer. Ab jenem Moment konnte die unverdrossen vor sich hin trötende Blaskapelle den Partymarsch Richtung EM 2020 anstimmen.

Andere werden nach Pyro abgesucht, er bringt eine Tuba ins Stadion
REUTERS

Andere werden nach Pyro abgesucht, er bringt eine Tuba ins Stadion

Das Ergebnis: Deutschland hat Weißrussland im vorletzten Qualifikationsspiel zur EM 2020 in Mönchengladbach 4:0 (1:0) bezwungen. Da sich im Parallelspiel Nordirland und die Niederlande 0:0 trennten, ist die DFB-Elf sicher beim Turnier im kommenden Jahr dabei. Hier geht es zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Die arg ersatzgeschwächte deutsche Mannschaft agierte im Gegenpressing konsequent und ließ den Gästen keine Luft zum Atmen. Schuss um Schuss ging Richtung weißrussisches Tor, 23 waren es am Ende der 45 Minuten. Da aber nur ganz wenige Versuche auch aufs Tor kamen, stand es auch nach 40 Minuten noch 0:0. Und siehe da: Mit seiner ersten Torannäherung wäre der Vorletzte der Gruppe C fast in Führung gegangen: Igor Stasevichs Schuss zwang Manuel Neuer zu einer schönen Flugeinlage (40.), im Gegenzug fiel das 1:0.

Home sweet home: "Wir stellen nicht nach Wohnzimmer auf", hatte Bundestrainer Joachim Löw noch vor einem Tag auf der Pressekonferenz unwirsch verlautbart. Gut allerdings, dass er Ginter in seinem Mönchengladbacher Wohnzimmer aufgestellt hat, sonst wäre es mit einem ungemütlichen 0:0 in die Pause gegangen und die Erinnerungen an das bislang einzige Heimduell gegen Weißrussland, einem 2:2 vor elf Jahren, nachdrücklicher geworden.

Slogans aus der Hölle: "Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen." Dieses Motto reckte der "Fan Club Nationalmannschaft" den Spielern und TV-Zuschauern, also auch uns, entgegen. Dieser Kalenderspruchkitsch stammt aus dem Mund von Walt Disney. Da bekommt man eine Ahnung, in welchem Unterhaltungssegment sich die Verantwortlichen von "Die Mannschaft" selbst verorten. Beim DFB tuckert man weiterhin auf dem seelenlosen Agenturdampfer Richtung Sonnenuntergang. Viele Fans hingegen blieben zu Hause - gerade mal etwas mehr als 30.000 wollten das womöglich vorentscheidende Qualifikationsspiel sehen.

Die zweite Hälfte: Das Tempo wurde nicht geringer und den reiferen weißrussischen Herren mit einem Startelf-Durchschnittsalter von mehr als 30 Jahren blieb zunächst nur noch der Blick auf die deutschen Rücklichter. Leon Goretzka (49.) und Toni Kroos (55.) verscheuchten die letzten Zweifel am Sieg. Nach einem Foul von Robin Koch schoss Stasevich den fälligen Strafstoß nach links, doch Neuer konnte parieren (75.). Auf der Gegenseite setzte sich Kroos mit einer Weltklasseaktion auf engstem Raum durch und vollendete zum 4:0 (83.). 31:13 Torschüsse waren es am Ende.

In ter Stegens Wohnzimmer parierte Neuer einen Strafstoß
Federico Gambarini/dpa

In ter Stegens Wohnzimmer parierte Neuer einen Strafstoß

Debüt für den Kapitän: Mal was Neues für Neuer in seinem 92. Länderspiel: Erstmals konnte er während er einer laufenden Partie einen Strafstoß im DFB-Trikot halten. Da wurde der Reklamierarm zum Parierarm.

Kein Minusrekord: Ein 0:5 in Österreich vor 16 Jahren war die bislang höchste Niederlage in der noch jungen weißrussischen Fußballgeschichte. Das bleibt sie auch, da dem Löw-Team in der letzten halben Stunde Tempo und Konsequenz in der Offensivbewegung nahezu komplett abhanden kamen.

Wie geht's weiter: Die DFB-Elf tritt am Dienstag (20.45 Uhr, TV: RTL, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) im letzten Spiel der EM-Qualifikation auf Nordirland und kann mit einem Sieg die Gruppe als Erster beenden. Für die Weißrussen, die in der Weltrangliste auf Platz 86 zwischen Usbekistan und Gabun platziert sind, wird es im Frühjahr noch einmal wichtig: Dann können sie sich über die Nations League noch einen Startplatz für die am 12. Juni 2020 startende Europameisterschaft sichern.

Deutschland - Weißrussland 4:0 (1:0)
1:0 Ginter (41.)
2:0 Goretzka (49.)
3:0 Kroos (55.)
4:0 Kroos (83.)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter, Koch, Schulz - Kimmich, Kroos - Goretzka, Gündogan, Gnabry (84. Waldschmidt, 90.+1 Rudy) - Werner (68. Brandt)
Weißrussland: Gutor - Matveychik, Martynovich, Naumov, Polyakov - Kovalev (78. Skavysh), Dragun, Maevski, Nekhajchik (84. Bessmertny) - Stasevich, Laptev (68. Lisakovich)
Schiedsrichter: Orel Grinfeld (Israel)
Gelbe Karten: Koch / -
Besondere Vorkommnisse: Neuer hält Elfmeter von Stasevich (75.)
Zuschauer: 33.164



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
skyyvvvvv 17.11.2019
1. Pessimismus pur
Was ein scheußlich negativer Artikel. Dass es kein absolut perfektes Spiel war, hat jeder gesehen. Aber dass es auch selten leicht ist, gegen elf Mann in der Defensive zum 1-0 zu kommen, hat sich mittlerweile bei allen "kleineren" Nationen als sehr effektive Taktik herumgesprochen und eingebürgert. Sobald das 1-0 jedoch da ist, wird der Klassenunterschied sichtbar und es fällt das Kartenhaus dann in sich zusammen. 4-0 ist schon okay, meckern kann man natürlich immer. Aber das verdirbt eigentlich allen andern nur den Spaß. Gute Nacht noch...
chaosimall 17.11.2019
2. Der Autor meint wohl
besonders witzig zu sein. Ist er aber nicht. Eher abfällig und negativ. Wer meint, aus so einer intellektuellen Distanz über Fußball schreiben zu müssen, sollte es lassen. Das war ein gutes Spiel der Nationalmamnschaft, dem im Abschluss die Konsequenz fehlte. Sie ist auf dem richtigen Weg und es macht Spaß zuzuschauen. Das auch im Stadion Stimmung gemacht wird, untersetzt von einer Blaskapelle, ist doch großartig. Wer Stadionatmosphäre nicht mag oder nicht damit leben kann dass Fußball ein Sport einfacher Wahrheiten und Gefühle ist, sollte über andere Dinge an anderer Stelle tröten.
dragondeal 17.11.2019
3. Soso
Hier haben wir also "Slogans aus der Hölle"? Mir ist es auf jeden Fall lieber, wenn sich der Fussball als Familienunterhaltung inszeniert, als dass er sich wie z.B. zuletzt in Berlin in Sachen Gewalt und Optik auf Höllenpfaden bewegt.
hundini 17.11.2019
4. Trickdiebe
Ihr Diebe, ihr habt uns das erste Platz gestohlen. Hip Holland Hip...
OhMyGosh 17.11.2019
5.
Wohnzimmer hin oder her - Matze Ginter hat vor heimischem Publikum einen starken Auftritt als Abwehrchef hingelegt. Und Toni K. zeigte einmal mehr, welche Qualität in seinem Spiel immer noch steckt. Der junge Koch schien mir etwas überfordert zu sein und agierte -nennen wir es einmal so- unglücklich. die Stürmer haben ihre Aufgabe ordentlich gemacht, Goretzka und Gnabry mit Assists wie auch einem Tor. Fazit: Diese neue und junge Mannschaft scheint ernsthaft gewillt, die Gruseltruppe von Moskau, Kasan und Sotschi vergessen zu machen.
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