Gedemütigte Brasilianer Verlieren können sie

Es ist die schlimmste Niederlage in der brasilianischen Fußballgeschichte. Das 1:7 stürzte ein ganzes Land in Trauer. Die Verlierer nahmen alle Verantwortung auf sich - Ausreden ließen sie nicht gelten.

AFP

 Aus Belo Horizonte berichten und


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In dem Moment, in dem er ganz klein war, bewies Luiz Felipe Scolari Größe. Der Coach der Brasilianer hatte schnell einen Schuldigen für die katastrophale Niederlage im Halbfinale gegen Deutschland gefunden. Sich selbst. "Ich habe die taktische Linie vor dem Spiel bestimmt, ich bin verantwortlich", nahm er das 1:7-Desaster auf sich. Eine Niederlage, die so verheerend ausfiel, dass "ich als der Trainer in die Geschichte eingehen werde, der damals 1:7 im Halbfinale verlor".

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Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Als Top-Favorit war Brasilien in diese Weltmeisterschaft gegangen, fünf Spiele lang haben sie dem Druck, den Titel holen zu müssen, standgehalten. Im sechsten Spiel war es dann alles zu viel, und eine Mannschaft, ein Land versank in Tränen und Trauer.

"Der schlimmste Tag meines Lebens"

Eine Demütigung hatten sie über sich ergehen lassen müssen, gegen eine deutsche Mannschaft, die unersättlich war und keine Gnade walten ließ. "Es ist der schlimmste Tag meines Lebens", sagte Scolari nachher. Nie ist ein WM-Gastgeber, nie ist ein Titelfavorit dermaßen bloßgestellt und vom Platz gejagt worden. Es war eine Schmach. Ob Scolari weiter im Amt bleibt, bleiben kann nach so einer Partie, das ließ der Coach offen.

"Das war kein normales Spiel", sagte Scolari, und wenn er mit irgendetwas recht hatte an diesem Abend, dann damit. Das hatte schon vor dem Anpfiff angefangen, als Publikum und Mannschaft den verletzt fehlenden Superstar Neymar feierten, schon da flossen die ersten Tränen, schon da wurde der Segen des Himmels immer und immer wieder angerufen.

"Es gibt gar keinen Grund anzunehmen, dass das Spiel mit Neymar anders gelaufen wäre", wollte der Trainer keine Ausreden gelten lassen. Stattdessen analysierte er die furchterregenden zehn Minuten in der ersten Hälfte, als die Brasilianer die Gegentore im Minutentakt kassierten. "Das war der Augenblick, in dem wir völlig die Kontrolle über unsere Organisation verloren haben", sagt Scolari. Anschließend versuchte er gar, schon den Blick auf das Spiel um den Dritten Platz am Samstag (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu lenken. Keiner seiner Spieler dürfte in diesem Moment nur eine Sekunde an diese Partie gedacht haben.

Brasilien, den sechsten Titel so fest vor Augen, ist an sich selbst gescheitert, und keiner wusste das besser als der Sieger. "Sie haben dem Druck nicht standgehalten", sagte Bundestrainer Joachim Löw, er könne "nachempfinden, wie es jetzt um die brasilianische Seele steht". Aber er habe von Beginn des Turniers an das Gefühl gehabt, "die Brasilianer spielen nicht das, was sie wirklich können". Mit dem für sie negativen Höhepunkt am Dienstag.

Luiz entschuldigt sich für die Leistung

Bisher gilt die Niederlage im entscheidenden WM-Spiel 1950 gegen Uruguay als die schlimmste, die die Fußballnation Brasilien je kassiert hat. Das 1:2 von Maracanã ist eine Art kollektives Trauma geworden. Man wollte es 64 Jahre später endgültig begraben. Das ist gelungen, aber auf die denkbar ungünstigste Weise. Sie ist durch eine noch viel fürchterlichere, katastrophalere Pleite ersetzt worden. "Die schlimmste Niederlage aller Zeiten", nennt sie Scolari.

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Einzelkritik Deutschland: Dauerrenner Müller, Hinterhof-Kicker Kroos

Die Spieler lagen nach dem Abpfiff wie tot auf dem Rasen, am liebsten wären sie wahrscheinlich nie wieder aufgestanden, die Buhrufe der Zuschauer, die sie in den Spielen zuvor noch so euphorisch angefeuert hatten, hallten ihnen in den Ohren. Dante, Fred, Bernard, Luiz Gustavo - sie sind jetzt keine Helden mehr wie noch vor 24 Stunden, sie sind die Spieler, die von Deutschland 7:1 vorgeführt wurden. Auf immer und ewig.

Anschließend hatten sie die Statur, sich nicht wortlos davonzustehlen, wie man es auch hätte verstehen können. Die Spieler stellten sich, immer noch nicht fassend, was da mit ihnen geschehen war. "Wir sind nach dem ersten Tor einfach zusammengebrochen", sagte Torwart Júlio César und tat es danach fast selbst vor Tränen. "Ich möchte mich bei allen Brasilianern entschuldigen", sagte Kapitän David Luiz das einzig Angemessene, und Júlio César, nachdem er sich wieder gefasst hatte, sagte schlicht: "Die Deutschen waren heute einfach viel besser." Kein Wort über das Fehlen von Neymar, kein Wort über den gesperrten Abwehrchef Thiago Silva - sie wussten genau, wer es verbockt hatte.

Dass sie verlieren können, haben die Brasilianer am Dienstag eindrucksvoll bewiesen. Aber auch, dass sie gut verlieren können.

Brasilien - Deutschland 1:7 (0:5)
0:1 Müller (11.)
0:2 Klose (23.)
0:3 Kroos (25.)
0:4 Kroos (26.)
0:5 Khedira (29.)
0:6 Schürrle (69.)
0:7 Schürrle (79.)
1:7 Oscar (90.)
Brasilien: Julio Cesar - Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo - Luiz Gustavo, Fernandinho (ab 46. Paulinho) - Bernard, Oscar, Hulk (ab 46. Ramires) - Fred (ab 69. Willian)
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels (ab 46. Mertesacker), Höwedes - Schweinsteiger, Khedira (ab 76. Draxler) - Müller, Kroos, Özil - Klose (ab 58. Schürrle)
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko)
Zuschauer: 58.141
Gelbe Karten: Dante / -
Ballbesitz in Prozent: 47 / 53
Schüsse: 18 / 14
Torschüsse: 8 / 10
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 47 / 53

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insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
otzer 09.07.2014
1. Sie haben es auch schon im Spiel bewiesen...
welches sie trotz des für sie unfassbaren Verlaufes sehr fair und ohne Frustfouls würdig beendet haben.
kuac 09.07.2014
2.
Hut ab und Respekt für die Haltung der Brasillianer nach dem verlorenen Spiel.
c.PAF 09.07.2014
3.
Zitat von sysopAFPEs ist die schlimmste Niederlage in der brasilianischen Fußballgeschichte. Das 1:7 stürzte ein ganzes Land in Trauer. Die Verlierer nahmen alle Verantwortung auf sich - Ausreden ließen sie nicht gelten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-brasilien-7-1-sieg-im-wm-halbfinale-a-980006.html
Dafür verdient diese Mannschaft alleine schon allerhöggschden Respekt. Und daß das nicht deren normale Leistung war, dürfte allen klar sein...
RalfHenrichs 09.07.2014
4. Hoffen wir für Brasilien,
dass sie am Samstag gegen Holland spielen. Vielleicht verlieren sie das Spiel dann auch - das ist dann egal. Aber ob sie in dieser Situation ein Spiel gegen Argentinien nervlich(!) ertragen, bezweifel ich. Und eine Niederlage gegen Argentinien würde ihre Fans noch stärker frustrieren.
tuffgong 09.07.2014
5. Ist gut jetzt
Muss man denn aus jedem kleinen Interview-Schnipsel einen neuen Beitrag zimmern? Mittlerweile ist wirklich alles schon zum Spiel und Reaktionen dazu berichtet worden. Es war historisch, berauschend und heute Holland-Argentinien. Lebbe geht weiter...
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