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Deutschlands Triumph Zack, zack, zack!

7:1! Mit einem rauschhaften Sieg ist Deutschland ins WM-Finale eingezogen. Der Gastgeber wurde von der Effizienz des DFB-Teams erdrückt. Bundestrainer Löw: "Wir haben die Schwächen der Brasilianer eiskalt ausgenutzt."

Als die brasilianische Mannschaft nach der Halbzeitpause aufs Spielfeld zurückkehrte, wurde sie beinahe in den Boden gedrückt. Die tausendfachen Pfiffe von den Rängen waren Ausdruck des Unmuts für eine der unglaublichsten ersten Halbzeiten in der Fußballhistorie. So viel hatte Brasilien sich von dieser WM erhofft, doch im ersten Durchgang des Halbfinals wurde der Gastgeber von Deutschland vorgeführt und gedemütigt.

Schneller Stenger

Auf den Tribünen im Stadion von Belo Horizonte flossen Tränen. Kleine Kinder wurden auf den großen Anzeigetafeln in der Arena gezeigt, wie sie verheult ihren Helden entgegenschrien. Die deutsche Nationalmannschaft führte bereits nach 29. Minuten 5:0, es war der Grundstein für den späteren 7:1-Sieg. Wie sollten sie das verstehen? Es war die höchste Niederlage, die Brasilien in seiner bisherigen WM-Historie hinnehmen musste. "Ich bitte das brasilianische Volk um Vergebung. Das heute war der schlimmste Tag in meinem Leben", sagte Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari.

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WM-Halbfinale: Die DFB-Gala in Bildern

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Den deutschen Nationalspielern, die zuvor in 90 Minuten mit ihrer Effizienz, Qualität, Genauigkeit und Unnachgiebigkeit ungefähr jedes Klischee über Deutschland bedienten, tat die Art des brasilianischen Ausscheidens fast Leid. Thomas Müller, der mal wieder zu den Besten in seinem Team gehörte und an den drei ersten deutschen Treffern maßgeblich beteiligt war, tröstete Dante, der ein desaströses WM-Debüt erlebt hatte. Toni Kroos, Per Mertesacker, Philipp Lahm - sie alle redeten auf ihre brasilianischen Gegenspieler ein, die nach dem Spiel auf dem Rasen herumlagen und die Pfiffe des Publikums ertragen mussten.

"Wir haben uns nach dem 3:0 oder 4:0 grinsend angeschaut"

Dass dieses deutsche Team, das in diesem Turnier mitunter auch extrem biedere Spiele gezeigt hatte, sich in einen solchen Rausch mit fünf Toren in 18 Minuten hineinsteigerte, lag vor allem an einer Qualität: Das DFB-Team hatte eine unglaublich effiziente Chancenverwertung (zehn Torschüsse, sieben Tore). "In diesem Bereich wollten wir uns steigern und haben das gut hinbekommen", sagte Kroos, der wohl sein bisher bestes Länderspiel absolviert hatte. Neben zwei selbst erzielten Toren leitete er zwei weitere Treffer sehr intelligent ein. Kroos war an fast jedem gefährlichen Angriff seiner Mannschaft entscheidend beteiligt, er war an dem Nachmittag die personifizierte Effizienz.

Scolari hatte es dem deutschen Team aber auch besonders leichtgemacht, zu glänzen. Niemand konnte Neymar ersetzen, auf den er sein ganzes System zurechtgeschnitten hatte. Stattdessen musste er immer wieder den deutschen Mittelfeldspielern um Sami Khedira oder Kroos dabei zusehen, wie sie nach Ballgewinnen mit Leichtigkeit durch das brasilianische Zentrum liefen.

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Einzelkritik Deutschland: Dauerrenner Müller, Hinterhof-Kicker Kroos

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"Wir sind ihrer Leidenschaft mit Ruhe, Klarheit und Ausdauer begegnet. Das Ergebnis war in dieser Höhe nicht zu erwarten, aber wir haben die Schwächen der Brasilianer eiskalt ausgenutzt", sagte Bundestrainer Joachim Löw. "Wir haben uns nach dem 3:0 oder 4:0 grinsend angeschaut, weil es echt einfach zack, zack, zack ging. Es war klar, dass damit der Druck auf Brasilien sehr groß werden würde", sagte Müller. Die "Seleção" brach zusammen und wurde gleichzeitig von ihrem eigenen Publikum verspottet.

Vor dem Spiel hatte Löw noch die Sorge geäußert, dass die stets sehr robust agierenden Brasilianer womöglich zu hart gegen die deutschen Dribbler um Mesut Özil auftreten könnten. Doch übertriebene Fouls waren nach dem Spiel natürlich kein Thema, denn die Brasilianer hatten die deutschen Spieler kaum erwischen können, so schnell war im DFB-Team im Mittelfeld und in der Spitze der Ball laufen gelassen worden.

Die brasilianischen Fans hatten vor dem Turnier Angst, es würde wieder wie bei der letzten Heim-WM ausgehen: 1950 wurde Uruguay in Brasilien Weltmeister, eine bis heute unvergessene Schmach. Kein Anhänger der "Seleção" konnte sich vorstellen, dass es am Dienstagabend eine noch viel größere, bitterere Katastrophe geben würde.

"Sie haben uns ihren fantastischen Rhythmus aufgezwungen. Die Deutschen haben heute wie Brasilianer gespielt", sagte Scolari. Mehr Lob kann es von einem Brasilianer nicht geben.

Brasilien - Deutschland 1:7 (0:5)
0:1 Müller (11.)
0:2 Klose (23.)
0:3 Kroos (25.)
0:4 Kroos (26.)
0:5 Khedira (29.)
0:6 Schürrle (69.)
0:7 Schürrle (79.)
1:7 Oscar (90.)
Brasilien: Julio Cesar - Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo - Luiz Gustavo, Fernandinho (ab 46. Paulinho) - Bernard, Oscar, Hulk (ab 46. Ramires) - Fred (ab 69. Willian)
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels (ab 46. Mertesacker), Höwedes - Schweinsteiger, Khedira (ab 76. Draxler) - Müller, Kroos, Özil - Klose (ab 58. Schürrle)
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko)
Zuschauer: 58.141
Gelbe Karten: Dante / -
Ballbesitz in Prozent: 47 / 53
Schüsse: 18 / 14
Torschüsse: 8 / 10
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 47 / 53

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