Löws Matchplan Robust gegen Brasiliens brutales Pressing

Ein Halbfinale als vorgezogenes Endspiel: Bundestrainer Löw und Brasiliens Teamchef Scolari pokern um die beste Aufstellung vor dem Thriller in Belo Horizonte. Wer auch nur eine Position falsch besetzt, kann alles verlieren.

Aus Belo Horizonte berichten und


SPIEGEL ONLINE Fußball
Wer spielt für Neymar? Wen lässt Joachim Löw stürmen? Wer spielt in der DFB-Defensive? Wie viele Mittelfeldspieler sollen das brasilianische Zentrum abdecken? Das sind die zentralen Fragen vor dem mit Spannung erwarteten WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Luiz Felipe Scolari, der in Brasilien nur "Felipao" (Großer Felipe) genannt wird, hat bereits zahlreiche Titel in seiner Karriere gesammelt. Er wurde 2002 Weltmeister, gewann zweimal die südamerikanische Champions-League, wurde Vize-Europameister (2004) mit Portugal. Der 65-Jährige, der die brasilianische Nationalmannschaft bereits zum zweiten Mal trainiert, ist vielleicht nicht der allergrößte Taktiker, er mag nicht der modernste Trainer dieser WM sein, aber er ist ein Fuchs.

Wenn er in seinem Trainingsanzug auf dem Podium der Abschlusspressekonferenz vor dem Halbfinale gegen Deutschland über seine Spieler, seine Aufstellung, die Emotionen des WM-Gastgebers spricht, dann hört sich vieles nach zu viel Pathos an. Wenn er sagt, dass "Neymar uns verlassen hat, aber vieles von ihm ist noch bei uns geblieben", könnte das auch eine Trauerrede auf einen Verstorbenen sein - und keine Worte über einen Verletzten.

Spielt Willian? Was ist mit Oscar? Darf Fred nochmal ran?

Fotostrecke

11  Bilder
DFB-Team gegen Brasilien: Wer spielt in Deutschlands Defensive?
Doch wer sich von Scolaris gefühlstrunkenen Worten einlullen lässt, verliert bereits vor dem Anpfiff. Nach der Verletzung von Neymar wird der Coach das brasilianische Team umbauen müssen, da die Rolle des Superstars nicht komplett von einem einzigen Ersatzmann aufgefangen werden kann. Dafür hatte Neymar zu viele Freiheiten, dafür wurde er zu stark von seinen Mitspielern gesucht.

Unter den Journalisten gibt es seit Tagen heiße Diskussionen über die Alternativen, die Scolari auflaufen lassen könnte. Spielt Willian vom FC Chelsea? Was ist mit Oscar? Und darf Fred nochmal ran? Oder wird Scolari gar zwei Stürmer bringen und damit das gesamte System verändern? Wobei die Variante, dass Willian Neymar ersetzt, die wahrscheinlichste ist.

"Wir sind auf alles vorbereitet", sagt Löw. Er lächelt nicht. Seine Hände liegen bei der Pressekonferenz ruhig auf dem Tisch. "Wir wollen uns nicht nach dem Gegner richten, wollen keine Dinge machen, die wir sonst nicht auch gemacht haben", sagt er. Vieles deutet darauf hin, dass er seinem Team aus dem Frankreich-Spiel erneut das Vertrauen schenken wird. Mit Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld, Philipp Lahm rechts hinten in der Abwehr, Miroslav Klose im Sturm und Jérôme Boateng neben Mats Hummels in der Abwehr.

Mertesacker wieder zurück in die Startelf?

Für diese Formation würde sprechen, dass sie körperlich sehr robust ist, den in diesem Turnier oft hart spielenden Brasilianern Paroli bieten würde. Andererseits müssten Khedira und Schweinsteiger wie gegen die Franzosen erneut bis an ihre Belastungsgrenzen gehen. Womöglich sogar noch deutlich darüber hinaus, sollte das Spiel in die Verlängerung gehen. Mit dem Gladbacher Christoph Kramer steht Löw immerhin eine Option bereit, um dann handeln zu können. Kramer hat stark trainiert in den vergangenen Tagen. Es heißt, Löw sei sehr überzeugt von dem Jung-Nationalspieler.

Bliebe die Personalie Per Mertesacker, gemeinsam mit Hummels der kopfballstärkste Abwehrspieler und gegen Frankreich nur auf der Bank. Die Brasilianer suchen insbesondere bei Standards die Kopfbälle. Wenn Löw Lahm zurück ins Mittelfeld stellen würde, Khedira dafür vom Platz nähme, um ihn während des Spiels bringen zu können, dann könnte Mertesacker wieder ins Team rutschen und Boateng nach rechts ausweichen.

Zudem bleibt die Frage, ob Löw es riskiert, Benedikt Höwedes erneut als Linksverteidiger aufzubieten. Der Schalker hat sich im Lauf des Turniers zwar deutlich gesteigert, er würde aber mit Hulk einen sehr robusten, schnellen Gegenspieler erhalten. Ob er diesem wirklich gewachsen ist?

Scolari lächelte während der Pressekonferenz immer wieder. Er deutete an, dass er wisse, wie das DFB-Team auflaufen werde. Hat er Löw durchschaut? Gegen Chile und Kolumbien hat Scolari sein Team jeweils so starten lassen, als würde ein Fußballspiel nur 30 Minuten dauern. In der ersten halben Stunde zog Brasilien jeweils ein brutales Pressing durch, mit schnellen Kontern nach Balleroberungen.

Die Chilenen überstanden den Sturm halbwegs unbeschadet, hatten dann zum Ende des Spiels sogar noch Chancen, die müden Brasilianer aus dem Turnier zu werfen. Eine ähnliche Möglichkeit sieht Löw wohl ebenfalls. Zu Beginn des Spiels wird er möglicherweise mit der kompaktesten, körperlich stärksten Mannschaft auflaufen. Im Lauf des Spiels hätte er dann mit André Schürrle, Mario Götze oder Lukas Podolski schlagkräftige Alternativen, die die ausgepowerten Brasilianer überrennen könnten.

insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000523851 08.07.2014
1. Was ist denn
"brutales Pressing" ? Geht's auch auf Deutsch ? Hoert doch endlich mit der Sprachvergewaltigung auf.
fast_weise 08.07.2014
2. das
größte Problem wird sein Standards in Tornähe zu vermeiden. Aus dem Spiel heraus konnten die Brasilianer selbst mit Neymar kaum was reißen. Insofern wird die Schiedrichterleistung hinsichtlich Härte und Fallsucht entscheidend sein. Austeilen und Fallen können die Deutschen auch, aber unter diesem Umständen wird der Finalteilnehmer wohl dezimiert sein.
carolian 08.07.2014
3. Hoffen auf Neuer im Elfmeterschiessen.
Zitat von sysopAPEin Halbfinale als vorgezogenes Endspiel der WM: Bundestrainer Löw und Brasiliens Teamchef Scolari pokern um die beste Aufstellung vor dem Thriller in Belo Horizonte. Wer auch nur eine Position falsch besetzt, kann alles verlieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-brasilien-aufstellungen-und-taktiken-a-979890.html
Löw kann einige Positionen nur falsch besetzen, da er nicht die richtigen Spieler mitgenommen hat. Özil ist ein Flop und kann gegen die hart spielenden Brasilianer nicht eingesetzt werden. Podolski und Klose haben ihre besten Zeiten schon längst hinter sich und sind den brasilianischen Abwehrspielern nicht gewachsen. Und Lahm wird doch mit einem Happen verspeist. :-)
hattrick73 08.07.2014
4.
Ein Titel nach so langer Zeit wäre zu schön. Außerdem wäre ein Ausscheiden Brasiliens ein Traum nach all den großen und kleinen Schweinereien vom Verband, Trainer, Fans und Spielern. Keiner mag Brasilien! Haut sie weg Jungs.
c218605 08.07.2014
5. Espresso
Arabica gegen Robusta. Unser Team ist die feinere Sorte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.