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27. Juni 2010, 07:32 Uhr

Deutschland gegen England

Die Trauma-Partner

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Nichts lässt die Nerven englischer Nationalspieler mehr flattern, nichts fürchten sie mehr als Elfmeterschießen - speziell wenn sie einem deutschen Torhüter gegenüberstehen. SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf legendäre deutsch-englische Fußball-Dramen.

Der 23. November 1899 war ein guter Tag für Paul Jestram. Der Spieler vom BFC Germania Berlin traf gegen England ins Tor und gilt somit als erster deutscher Länderspieltorschütze. Das Duell endete 13:2 - allerdings für England.

Das Ergebnis war den deutschen Fußball-Oberen offenbar so peinlich, dass es in keiner offiziellen Länderspielstatistik auftaucht. Gezählt werden die deutsch-englischen Duelle erst seit Gründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) 1900 - und die Spiele in den Jahren danach gestalteten sich denn auch schon freundlicher für den DFB: 1:5 1908 in Berlin, 0:9 in Oxford 1909.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Bilanz ist vor dem WM-Achtelfinale am Sonntag (seit 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) aus deutscher Sicht zwar immer noch negativ: zehn Siege, sechs Unentschieden, 15 Niederlagen. Wenn es aber darauf ankam, dann siegten zuletzt meistens die DFB-Mannschaften.

Über Wembley 1966 muss man nicht mehr allzu viel sagen. Das berühmteste Endspieltor der WM-Geschichte durch Geoff Hurst zum 3:2 entschied das Finale zugunsten der Mannschaft von Trainer Alf Ramsey - es markierte aber auch gleichzeitig den Endpunkt der englischen Dominanz. Bis dahin hatten die Deutschen überhaupt noch kein Match gegen die Engländer gewonnen, schon zwei Jahre später kam es bei einem Freundschaftspiel in Hannover zu einem 1:0-Sieg der von Helmut Schön betreuten Elf. Torschütze: Franz Beckenbauer.

Nach Wembley kam der Wachwechsel

Das Spiel war wie ein Vorzeichen für das nächste Aufeinandertreffen beider Teams, das den Machtwechsel im internationalen Fußball symbolisierte. Bei der Mutter aller WM-Turniere, der atemberaubenden Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko, kam es in der Hitze von León zur Wachablösung: Das deutsche Team drehte im Viertelfinale einen 0:2-Rückstand noch zum Sieg. Beckenbauer, Uwe Seeler mit seinem berühmten Hinterkopftor und schließlich Gerd Müller in der Verlängerung schossen Deutschland in das Jahrhundert-Halbfinale gegen Italien.

Als zwei Jahre später, 1972, im Mairegen von London das DFB-Team auch noch das Wembleystadion stürmte und mit dem 3:1-Auswärtssieg den Weg zum Europameistertitel beschritt, war es mit der Fußballherrlichkeit Englands auf Dauer vorbei. Dieses Spiel ist von feuilletonistischen Schwarmgeistern als Symbol einer Aufbruchszeit gedeutet, die Mannschaft um Mittelfeldregisseur Günter Netzer als beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten gepriesen worden. Und Netzers lange Haare wehten im Wind.

Wer sich das Spiel heutzutage noch einmal anschaut, sieht zwar tatsächlich einen groß auftrumpfenden Netzer. Er sieht aber vor allem eine überalterte englische Mannschaft, die dennoch über weite Teile der 90 Minuten überlegen ist, Chance auf Chance vergibt und der 13 Minuten vor Schluss der verdiente 1:1-Ausgleich gelingt. Erst ein Elfmeter für Deutschland fünf Minuten vor dem Abpfiff drehte das Spiel zugunsten der Schön-Elf.

1990 wurde das Elfmeter-Trauma geboren

Bis 1990 trafen sich beide Teams nur noch einmal in einem wichtigen Spiel - das 0:0 im Spiel der Zwischenrunde bei der WM 1982 in Spanien war das logische Resultat zweier Teams, die in diesem Jahr den spielerischen Niedergang ihrer Fußballnationen verkörperten. Nach dieser WM, die aus DFB-Sicht vor allem durch das Skandalspiel von Gijon gegen Österreich und das brutale Foul von Torwart Toni Schumacher am Franzosen Patrick Battiston in Erinnerung bleiben wird, hatte die Fußballwelt das Feindbild der hässlichen Deutschen verinnerlicht. Die englische Boulevardpresse begann erst in diesen Jahren, sich auf das berüchtigte Weltkriegsvokabular festzulegen, wenn es gegen die "Krauts" ging.

Die britische Presse hatte in der Folgezeit genug Gelegenheit, sich gegen die "teutonischen Panzer" in Stellung zu bringen - es wurde das Elfmeter-Trauma der Engländer gegen die Deutschen geboren. 1990 im WM-Halbfinale von Turin waren es Stuart Pearce und Chris Waddle, sechs Jahre später bei der Europameisterschaft in London Gareth Southgate, die durch ihre Fehlschüsse die Finaleinzüge Deutschlands möglich machten. Nie wieder seit 1966, nie wieder danach waren englische Mannschaften bei einem Turnier so weit vorgedrungen wie in diesen beiden Jahren - und zweimal standen Deutschland und das Elfmeterschießen im Weg. Nichts fürchtet England seitdem so sehr wie die Entscheidung vom Elfmeterpunkt bei einem großen Turnier, nichts lässt die Nerven englischer Nationalspieler derartig flattern: 1998 schied England gegen Argentinien auf diese Weise aus, 2006 gegen Portugal.

Einmal nur, einmal, gab es dann doch noch Heilung für die geschundene englische Fußball-Seele. Am 1. September 2001 trafen beide Teams in der WM-Qualifikation aufeinander. Deutschland hatte das Hinspiel im letzten Länderspiel des ehrwürdigen Wembley-Stadions mit 1:0 durch ein Tor von Dietmar Hamann gewonnen, in München ging Deutschland schnell durch Carsten Jancker in Führung.

Was dann kam, wird Torwart Oliver Kahn nicht mehr vergessen. Jeder englische Schuss ein Treffer, jeder Auftritt von Stürmer Michael Owen vor Kahn ein Tor - Endstand 1:5. Es war fast wieder so wie 1899. Die englische Presse jubelte: "Wir haben den arroganten Deutschen endlich das Maul gestopft."

Bei der anschließenden WM 2002 flog England im Viertelfinale raus. Deutschland kam bis ins Endspiel.

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