DFB-Sieg gegen Georgien Weltmeister im Chancenvergeben

Erneut ließen die deutschen Angreifer im Qualifikationsspiel gegen Georgien beste Torgelegenheiten ungenutzt. Bis zur Europameisterschaft muss Bundestrainer Löw sich noch was einfallen lassen.

Aus Leipzig berichtet


Es ist ja nicht so, dass der Bundestrainer vorher nicht gemahnt hätte. Seine Spieler müssten vor dem Tor wieder "tödlicher" sein, sie müssten "jede Chance so begreifen, als sei es die einzige und letzte im Spiel", hatte Joachim Löw nach dem 0:1 gegen die Iren am Donnerstag gesagt.

Dann kam das Spiel gegen Georgien, dieser überaus bemühte 2:1-Erfolg am Sonntagabend von Leipzig, und Löw blieb nur zu sagen: "Eigentlich kann ich das gleiche Lied anstimmen wie vor drei Tagen." Wieder hatten seine Angreifer teilweise klarste Torgelegenheiten ausgelassen. Die mangelnde Chancenverwertung wächst so langsam zu einem echten Problem und lässt die alte Debatte um das stürmerlose Spiel der Nationalmannschaft wieder aufleben.

Es war nicht das erste, auch nicht das zweite oder dritte Mal, dass sich die Mannschaft selbst in Probleme gebracht hat, weil sie beste Chancen ungenutzt ließ. "Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Qualifikation", befand DFB-Boss Wolfgang Niersbach leicht säuerlich und empfahl den Spielern, "demnächst doch mal wieder ein frühes Tor zu machen".

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Fotostrecke: Deutschland müht sich zur EM

Mit Pech ist das nicht mehr zu erklären

Das haben Marco Reus, Mesut Özil, Thomas Müller und die anderen gegen die mittelmäßig begabte Truppe Georgiens durchaus versucht, aber wie allein Reus mit seinen Möglichkeiten umging, war mit dem Begriff Pech irgendwann allein nicht mehr zu greifen. "Wir hätten auch locker mit einem 3:0 zur Pause in der Kabine sitzen können, dann wäre die Angelegenheit entspannter gewesen, und keiner würde mehr schreiben, dass wir schlecht gespielt hätten", so Toni Kroos, der Ballverteiler der Mannschaft.

War aber nicht 3:0 zur Pause, sondern 0:0, und die ohnehin leicht geisterhafte Stimmung im Leipziger Stadion verwandelte sich phasenweise in Enttäuschung, in Unmut. Pfeifen, verzweifeltes Raunen, Buhrufe - der Weltmeister hat in Leipzig wenig fürs Herz seiner Fans getan.

"Hauptsache, Gruppensieger, das ist das Einzige, was zählt", versuchte Torschütze Max Kruse die gute Laune in den späten Abend hinüberzuretten. Und durch Kruses späten 2:1-Siegtreffer, direkt nach seiner Einwechslung, ging die Löw-Elf zumindest noch als Gewinner vom Platz. Aber die Mängel und Defizite der Mannschaft traten überdeutlich zutage. Das Angriffsspiel mit seinen stets flachen Hereingaben von außen in den Rücken der Abwehr, in der Vergangenheit das deutsche Erfolgsrezept, ist mittlerweile viel zu schematisch, selbst die Georgier hatten sich irgendwann darauf eingestellt.

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DFB-Team in der Einzelkritik: Kruse zeigt, wie es geht

Ohnehin sind die Außenpositionen nach wie vor die, die Löw am meisten Kopfschmerzen bereiten. "Uns fehlt derzeit einfach die Variante, dass einer mal von außen durchbricht", alles "drängt in die Mitte" - ein klarer Fingerzeig an die jungen Außenverteidiger Jonas Hector und Matthias Ginter, in der Offensive mehr Gesicht zu zeigen. Er wolle beiden "keinen Vorwurf machen, sie sind es aus dem Verein gewohnt, eher defensiv zu spielen", aber die Hauptproblemzone hatte er damit benannt.

Nur keine neue Stürmerdiskussion

Löw wehrt sich nach wie vehement dagegen, eine Stürmerdebatte aufkommen zu lassen. "Einen Typen wie einst Horst Hrubesch benötigen wir nicht mehr", sagte er. Hrubesch, der Brecher, das Kopfballungeheuer, der traf, wenn nichts mehr ging. Löw ist die Vorstellung, einen solchen Stürmer in seinem Team zu haben, ein Gräuel, er verweist darauf, dass seine Angreifer "normalerweise schon Vollstreckerqualitäten haben". Bei der WM in Brasilien sei es schließlich gerade die Effizienz gewesen, die sein Team ausgezeichnet habe. Die es seit der WM aber verloren zu haben scheint.

Da zudem zahlreiche Leistungsträger der Mannschaft von Reus über André Schürrle bis hin zu Mats Hummels derzeit ihre Form mehr oder weniger vergeblich suchen, musste die Elf am Ende heilfroh sein, mit diesem knappen Sieg davongekommen zu sein. Torwart Manuel Neuer musste in der zweiten Halbzeit mehrfach sein ganzes Können zeigen, um gar einen Rückstand gegen den 110. der Fifa-Weltrangliste zu verhindern.

Eigentlich hatte man gedacht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen allein der Torwart einer deutschen Mannschaft den Hals rettet. Aber die Vorstellung, dieser Mannschaft würden Neuer und Innenverteidiger Jérôme Boateng bei einem wichtigen Spiel fehlen, ist derzeit keine angenehme.

Wenige Monate vor der WM 2014 hatte Bundestrainer Joachim Löw alarmiert von dem Leistungsstand seiner Spieler gesprochen und damals den drohend klingenden Satz gesagt: "Die Uhr tickt." Jetzt ist es noch ein Dreivierteljahr bis zur Europameisterschaft in Frankeich, und das Ticken der Uhr ist schon wieder richtig laut zu vernehmen.

Deutschland - Georgien 2:1 (0:0)
1:0 Müller (50., Foulelfmeter)
1:1 Kankava (53.)
2:1 Kruse (79.)
Deutschland:
Neuer (29 Jahre/62 Länderspiele) - Ginter (21/7), Boateng (27/56), Hummels (26/43), Hector (25/9) - Gündogan (24/15), Kroos (25/62) - Müller (26/67, Özil (26/70), Reus (27/27) ab 90. Bellarabi (25/10) - Schürrle (24/49) ab 76. Kruse (27/14).
Georgien: Revishvili (28/28) - Kverkvelia (23/12), Amisulashvili(33/43), Kashia (28/26) - Lobjanidze (28/45), Navalovsky (29/9) - Kankava (29/58), Kvekveskiri (23/2) ab 76. Minute Khizanishvili/ (34/94) - Kasaishvili (22/11) ab 90. Kobakhidze (28/29), Okriashvili (23/26) - Gelashvili (30/25) ab 46. Vatsadze (26/13).
Schiedsrichter: Pavel Kralovec (Tschechien)
Zuschauer: 43.630 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Hummels - Nawalowsky, Rewischwili, Okriaschwili

Sehen Sie Manuel Neuers Statement zum Spiel im Video:

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Racer77 12.10.2015
1. Reuß ein Reinfall in der Nationalmannschaft
Reuß ist beim BvB ja echt gut und ein wichtiger Spieler. Aber in der Nationalmannschaft kann ich mich nicht erinnern, wann er da zuletzt wirklich mal etwas gebracht hat. Vielleicht hätte man doch eher Müller auf seiner Position spielen sollen. Und was man merkt: Wenn Müller mal nicht trifft, dann ist es schwierig zu gewinnen. Aber die Nationalmannschaft sollte nicht so sehr von einem Spieler abhängig sein.
eryx 12.10.2015
2.
Ich bin ja immer sehr amüsiert über die Berichterstattung über diese Spiele. Gewinnt Deutschland ziemlich deutlich: Jubel, Trubel, Heiterkeit, einzelne Spieler werden über den Klee gelobt, Optimismus überall. Jetzt war es offensichtlich etwas wackelig und schwupps: Krisenstimmung! Alarm! Betretene Stimmen. Vielleicht muss man ja Fußballfan sein, um daran Gefallen zu finden.
hatrecht 12.10.2015
3.
Ich meine, ab der 55.Minute ganz Fußball-Deutschland schreien gehört zu haben:"Wechsel doch endlich mal, wechsel doch endlich mal!" Mir unerklärlich, warum Löw das erst so spät tat, als hätte er es schlicht verpennt. Ansonsten hat die Mannschaft punktgenau auf den Positionen der nach der WM zurückgetretenen Spieler noch keinen Ersatz gefunden Lahm (vor allem), Mertesacker, Klose!
ichsagemal 12.10.2015
4.
...Spiele wie diese wecken keinen Appetit auf mehr. Wenn's nicht bald anders wird, dann steige ich aus und verabschiede mich von solch einem Elend. Es gibt Alternativen, schließlich sind wir hier nicht im.politischen Bereich.
bernhard29 12.10.2015
5. Das war wohl garnix
Ich fand es überhaupt wichtig das Löw in der 90 Minute noch einen neuen Mann gebracht hat um das Spiel rumzureissen. Immerhin hätte er ja auch in der 93 Minute erst den Spieler einwechseln können. So konnte sich der Einwechselspieler wirklich noch 3 Minuten voll entfalten. Tolle Trainerentscheidung. PS. Was Reus und Schürle in diesem Aufgebot verloren haben, verschließt sich mir vollkommen. Gegen den Weltranglisten 110 so ein Spiel abzuliefern war wohl das Allerletzte.
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