Deutschlands Viertelfinal-Sieg Fluch, welcher Fluch?

In einem denkwürdigen Elfmeterschießen hat Deutschland Italien bezwungen und steht im EM-Halbfinale. Sami Khedira litt, Mesut Özil und Mario Gomez tauschten Rollen und Jonas Hector wurde zum Helden.
Foto: Federico Gambarini/ dpa

Die Ausgangslage: Deutschland gegen Italien - mehr Fußballklassiker geht kaum, beide Nationen kommen zusammen auf zwölf Welt- und Europameistertitel. Und es war das Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften, die bei dem Turnier am meisten überzeugen konnten. Beliebtester Begriff vor diesem erneuten Duell war in den vergangenen Tagen der des "Angstgegners". Bei acht Aufeinandertreffen bei großen Turnieren konnte Deutschland nie gewinnen. Zuletzt, beim EM-Halbfinale 2012, hatte das Team von Joachim Löw 1:2 verloren. "Vercoacht" habe sich der Bundestrainer damals, hieß es, von einem Italien-Trauma bei Löw war seitdem die Rede.

Das Ergebnis: 1:1 nach 90 Minuten, 1:1 nach 120 Minuten, 6:5 im Elfmeterschießen - Deutschland steht im Halbfinale (hier gehts zum Spielbericht)!

Held des Spiels: Vor sechs Jahren spielte Jonas Hector noch beim SV Auersmacher, nun hat der Saarländer Deutschland ins EM-Halbfinale geschossen. Es war der Schlusspunkt eines außergewöhnlichen Elfmeterschießens. Einige Fans von Hectors aktuellem Verein, dem 1. FC Köln, hatten schon so ein Gefühl, dass ihr Nationalspieler zu Höherem bestimmt ist.

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Die Aufstellungen: Auch diesmal hatte sich Löw etwas Besonderes einfallen lassen und seine Defensivtaktik auf Dreierkette umgestellt. Höwedes, Hummels und Boateng machten die Mitte dicht, Kimmich und Hector die Seiten. Das war zumindest der Auftrag. Leidtragender dieser Umstellung war Julian Draxler, der Star des Slowakei-Spiels, der aus der Startelf flog.

Deutschland: Neuer - Höwedes, Boateng, Hummels - Kimmich, Khedira, Hector - Müller, Kroos, Özil - Gomez
Italien: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini - Sturaro, Parolo, Giaccherini - Florenzi, De Sciglio - Pellè, Eder

Fan-Boy des Spiels:

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Die erste Hälfte: So akribisch Löw für dieses Spiel geplant hatte - nach einer Viertelstunde war Neuplanung gefordert. Sami Khedira musste verletzt ausgewechselt werden, Bastian Schweinsteiger ersetzte ihn. Beiden Teams war zwar keine Angst, aber doch der große Respekt für den Gegner anzumerken, es galt jeweils Safety First. Insgesamt blieben die Teams ihren Spielweisen bei dieser EM treu. Deutschland setzte auf Ballsicherheit und überlegten Spielaufbau, Italien hatte am Ball wenig Interesse. Wenn Contes Mannschaft doch mal am Zug war, griff sie sehr schnell an, war dabei allerdings hastig und oft ungefährlich. Die größte Chance für Deutschland vergab Thomas Müller, der freistehend aus rund zehn Metern den Ball nicht richtig traf (42. Minute). Im Gegenzug zischte ein Schuss von Sturaro gefährlich auf Manuel Neuer zu, doch Jérôme Boateng fälschte knapp neben das Tor ab.

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Die zweite Hälfte: Was die erste Hälfte noch hatte vermissen lassen, boten die zweiten 45 Minuten reichlich: Angriffe, Chancen - und Tore. Naja, zumindest zwei gab es, eins für Deutschland und eins für Italien. Das 1:0 erzielte Mesut Özil in der 65. Minute nach Vorlage von Jonas Hector, dazu später mehr. Italien glich in der 78. Minute per Elfmeter aus, nachdem Boateng den Ball auf eine Art und Weise mit der Hand gespielt hatte, dass die Aktion im Social Web sofort aufgegriffen wurde.

Verlängerung: Der eingewechselte Julian Draxler hatte die beste Chance, doch sein Schuss mit dem Rücken zum Tor war etwas zu hoch (107.). Italien wechselte von einer sehr defensiven Taktik zu einer total defensiven Taktik. Die deutsche Nationalmannschaft hielt ihr konzentriertes Spiel bis zur 120. Minute durch, kam aber nicht mehr zu Chancen.

Elfmeterschießen: Die deutsche Fußballgeschichte ist um ein legendäres Elfmeterschießen reicher. Sieben (!) Schützen vergaben vom Punkt, den entscheidenden Schuss verwandelte Jonas Hector. Manche Elfer waren so skurril, dass die Netz-Reaktionen nicht lange auf sich warten ließen.

Fotostrecke

Deutschland gegen Italien: Sieg nach Elfmeterkrimi

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Keine Wiederholung: Nach Bekanntgabe der deutschen Startelf war die Skepsis groß. Wieder eine Änderung! Wieder ein bewährtes Konstrukt geändert! Alles wie 2012? Nein, Löw passte seine Formation klug an. Die Dreierkette nahm die italienische Offensive nahezu vollständig aus dem Spiel. Da aber auch Antonio Conte ein großer Taktiker ist und ihm mit der Mannorientierung gegen Kroos ein entscheidender Schachzug gelang, entwickelte sich ein taktisch geprägtes Duell mit wenigen Höhepunkten. Geduld war gefragt - und das gehörte zu Löws Plan.

Rollentausch des Spiels: Es gibt einen ziemlich schlechten Film mit dem Namen "Freaky Friday" (deutscher Titel: "Ein voll verrückter Freitag"). Die Handlung ist schnell erzählt. Durch zwei Glückskekse in einem chinesischen Restaurant tauschen eine Mutter (Jamie Lee Curtis) und ihre pubertierende Tochter (Lindsay Lohan) unfreiwillig ihre Körper. Wahrscheinlich haben Mesut Özil und Mario Gomez nach einer Stunde Spielzeit keine Glückskekse gegessen, aber beim 1:0 schienen die beiden auch in den Körper des anderen geschlüpft zu sein. Gomez dribbelte samtfüßig und spielte dann einen Pass auf Jonas Hector in die Tiefe des Strafraums, wie es eigentlich nur Özil kann. Hector passte direkt vors italienische Tor und Özil kam angerauscht und vollstreckte, wie es eigentlich nur Mittelstürmer Gomez kann. Freaky Saturday.

Foto: Fehim Demir/ dpa

Zweikampf des Spiels: Joachim Löw sah ihn kommen, dachte aber gar nicht daran, aus dem Weg zu gehen. Emanuele Giaccherini war einem Ball nachgejagt und hatte versucht, diesen per Grätsche noch im Spiel zu halten. Auf dem nassen Rasen von Bordeaux schien die Schlitterpartie von Giaccherini gar kein Ende nehmen zu wollen, genau in Richtung Bundestrainer flog der Italiener mit gestrecktem Bein zu. Löw, der unter seiner Stoffhose vermutlich keine Schienbeinschoner trug, hüpfte erst im letzten Moment zurück und schien sich über den Beinahezusammenprall zu amüsieren. Er lächelte und tätschelte Giaccherini die Schulter.

Foto: Christian Charisius/ dpa

Reflex des Spiels: Hier hätte auch das Kapitel "Eigentor des Spiels" stehen können, wäre da nicht Gianluigi Buffon gewesen. Mesut Özil hatte Gomez mit einem Traumpass freigespielt, der Stürmer stand mit dem Rücken zum Tor und versuchte, den Ball mit Hacke zu erwischen. Abwehrchef Giorgio Chiellini rauschte heran, kam noch vor dem Deutschen an den Ball - und fabrizierte dabei einen höchstgefährlichen Torschuss. Buffon, 38 Jahre alt und 160 Länderspiele reif, riss im Fallen noch die rechte Hand empor und rettete mit einem Wahnsinnsreflex.

Foto: Michael Dalder/ REUTERS

Folgen des Spiels: Definitiv fehlen wird im Halbfinale am Donnerstag in Marseille Mats Hummels, der Abwehrspieler sah die zweite Gelbe Karte und ist gegen Frankreich oder Island gesperrt. Khedira hat bis Donnerstag Zeit, seine Adduktorenverletzung auszukurieren. "Ob es bis Donnerstag reicht, weiß ich nicht", sagte Löw. Mario Gomez hatte mit "muskulären Problemen" (Löw) ebenfalls ausgewechselt werden müssen und Jérôme Boateng plagte über die gesamte Spielzeit seine Wade. "Sie hat zugemacht", sagte Boateng. Aber keine Sorge, bis zum Halbfinale werde das schon wieder.

Foto: NICOLAS TUCAT/ AFP
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