DFB-Sieg in der EM-Qualifikation Über außen in die Spur

Eine Hälfte lang war Deutschland auf Augenhöhe mit Nordirland. Dann drehte das DFB-Team auf. Der Schlüssel: die Außenbahnen - und Serge Gnabry.

DFB-Star Serge Gnabry: Ihm gehört die Zukunft
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DFB-Star Serge Gnabry: Ihm gehört die Zukunft

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Moment des Spiels: Vorn selten gefährlich, hinten Schreckmomente - der deutschen Nationalmannschaft war anzumerken, was im EM-Qualifikationsspiel in Nordirland auf dem Spiel stand. Dann kam Marcel Halstenberg. Die 48. Minute, eine Flanke von rechts flog in den Strafraum und wurde in Richtung des Linksverteidigers verlängert. Der holte weit aus und traf den Ball volley - ein wunderbarer Treffer. Es war Halstenbergs erstes Länderspieltor, und egal, wie viele noch hinzukommen mögen - viel schönere wird der 27-Jährige wohl nicht erzielen.

Ergebnis: 2:0 (0:0) für Deutschland. Neben Halstenberg traf auch Serge Gnabry (Minute 90.+2). Hier geht es zum Spielbericht.

Und das bedeutet? Ruhe für Bundestrainer Joachim Löw. Nach der Niederlage gegen die Niederlande am vergangenen Freitag war das eigentlich Undenkbare denkbar geworden: dass die deutsche Mannschaft die Qualifikation für die EM 2020 verpasst. Der drohende Worst Case ist durch diesen Sieg unwahrscheinlicher geworden, Deutschland (12 Punkte) ist in seiner Gruppe Erster vor Nordirland (12) und den Niederlanden (9, ein Spiel weniger absolviert).

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DFB-Sieg in Nordirland: Nach der Pause wurde es besser

Die erste Hälfte: Das Stadion eng, die Fans laut, der Gegner giftig - die deutsche Mannschaft fand nur schwer ins Spiel. Das Team schien überrascht vom hohen Pressing der Gastgeber. Sinnbildlich dafür war die siebte Minute, in der Toni Kroos tief in der eigenen Hälfte aggressiv angelaufen wurde und es nicht schaffte, den Ball zu klären. Der gelangte stattdessen zu Conor Washington, der an Manuel Neuer scheiterte.

Das nordirische Pressing führte zu vielen langen Bällen und noch mehr Zweikämpfen. Der technische Vorteil, den die DFB-Profis eigentlich haben, spielte kaum eine Rolle, Deutschland und Nordirland waren auf Augenhöhe. Am Ende hatten beide Teams je zwei Großchancen (zweimal Washington für Nordirland, Niklas Süle und Timo Werner für die Gäste).

Die zweite Hälfte: Lief aus deutscher Sicht viel besser. Weil Nordirland sein laufintensives Angriffspressing nicht durchziehen konnte und die Qualität der deutschen Mannschaft dadurch zur Geltung kam. Wenn Marco Reus, Julian Brandt und Gnabry miteinander kombinierten, sorgten sie für Momente zum Zungenschnalzen. Die Folge: ein klares Chancenplus für die Gäste, die nach dem frühen 1:0 so spielten, wie man das von einem DFB-Team in Nordirland erwarten darf. Stuart Dallas hatte nach Vorarbeit von Gavin Whyte eine Großchance zum Ausgleich (63.), es war die einzige für die Nordiren in Hälfte zwei.

Er ist die Zukunft: Viel wurde zuletzt geschrieben über Kai Havertz, 20, das Ausnahmetalent von Bayer Leverkusen. Gegen Nordirland wurde Havertz eingewechselt und bereitete sogar das 2:0 vor. Über den Torschützen selbst wird weniger geschrieben, dabei ist Gnabry, 24, in der Post-WM-Ära Deutschlands Schlüsselspieler. In nun zehn Länderspielen war der Bayern-Profi an elf Treffern direkt beteiligt. Gegen Nordirland übernahm er auch in tieferen Räumen Verantwortung, für das deutsche Spiel wird er immer wichtiger.

Außenbahn: frei. Als das DFB-Team 2014 Weltmeister wurde, gelang das mit Innenverteidigern auf den Außen. In den Jahren danach schoben die Außenverteidiger weit nach vorn, spielten wie verkappte Flügelstürmer. Gegen Nordirland interpretierten Halstenberg links und Lukas Klostermann rechts ihre Positionen ganz anders.

Vor ihnen rückten Brandt und Gnabry immer wieder ins Zentrum, oft begleitet von ihren Gegenspielern. So machten sie die Außenbahn frei. In diese Räume spielte das DFB-Team gezielt Bälle in den Lauf der schnellen Leipziger Verteidiger. Insgesamt waren sie an sieben Abschlüssen direkt beteiligt. Highlight war das 1:0, als Klostermann Halstenbergs Tor auflegte.

Nordirland - Deutschland 0:2 (0:0)
0:1 Halstenberg (48.)
0:2 Gnabry (90.+2)
Nordirland: Peacock-Farrell - Dallas, Cathcart, Jonny Evans, Lewis - McNair, Davis, Saville (ab 70. Magennis) - Corry Evans, Washington (ab 83. Lavery), McGinn (ab 59. Whyte)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter (ab 40. Tah), Süle, Halstenberg - Kimmich, Kroos - Reus (ab 85. Can) - Werner (ab 68. Havertz), Gnabry, Brandt
Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)
Zuschauer: 18.104 (ausverkauft)
Gelbe Karten: McNair, Saville - Gnabry



insgesamt 10 Beiträge
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RalfHenrichs 10.09.2019
1. Praktisch qualifiziert
Nordirland: auswärts Deutschland, zweimal Holland. Deutschland: zu Hause Nordirland, in Estland und zu Hause gegen Weißrussland. Wenn Deutschland daraus mehr Punkte holt, ist die Qualifikation geschafft. Das sollte möglich sein. Was Holland macht, ist dann egal.
saphir082 10.09.2019
2. schade nur...
dass das deutsche Spiel über weite Stecken der 2. Halbzeit von "Angsthasen-Fußball" bestimmt wurde. Wenn sich in der Spieleröffnung 2 bzw. 3 Optionen zum Spielen ergaben, wurde meisten die sichere Variante, das "Hinten rum" gewählt, statt mutig nach vorne zu spielen und damit Schwung ins vertikale Spiel zu bringen. Gestern habe ich schmerzlich Mats Hummels vermisst. Wenn dann die Offensivkräfte ebenso mutig das Erfassen des Spielraumes durch Bewegung in die Räume entwickeln, kann technische Überlegenheit auch greifen und Abschlüsse generieren.
stoffi 10.09.2019
3. Herr Löw tur sich immer schwer
junge neue Spieler ,,ran" zu lassen. Reus und Werner überschätzt er. Reus hat seinen Zenit bereits überschritten und Werner wirkt wie ein Fremdkörper.Kai Havertz und auch Luca Waldschmidt gehören bei einem Neuangang von Beginn an mit auf den Platz. Es wäre nützlich ein paar Termine zu finden, an denen sich die Nationalelf aufeinander einspielen kann. Für Oktober sehe ich aber schwarz, da wird das Deutsche Team in der jetzigen Form wohl eine Packung wegstecken müssen
volkerrachow 10.09.2019
4. Jogis Gurkentruppe
Angesichts der vielen CL-Teilnehmer in der deutschen Nati ein grausames und peinliches Spiel. Wieviel Verständnis und Rückschläge muss der Zuschauer denn noch ertragen. Wann übernehmen die Schönwetterspieler Reus und Kroos endlich und dauerhaft Verantwortung. Wo ist der Macher in Jogis Gurkentruppe? Und dann der ausgelutschte und ideenlose Trainer. Jogi kann es nicht. Wer aber glaubt, Jogi sollte endlich zurücktreten, berücksichtigt das Netzwerk des DFB nicht. Der Unsympath Bierhoff sichert sich und Jogi langfristig ab. Und jetzt kommt auch noch der neue Präsident aus Jogis Nachbarschafft dazu. Der deutsche Fußball ist unter der Konstellation nicht zu retten.
niroclean 10.09.2019
5. ..geht doch
Ja, zugegeben - die erste Halbzeit war die Deutsche Nationalmannschaft unter Druck und es sah so aus als wenn man unbedingt ein frühes Gegentor vermeiden wollte und sich deshalb kaum aus der eigenen Hälfte heraus wagte. zudem waren die Nordiren motiviert bis an die Haarspitzen und standen den Deutschen immer auf den Füssen. Der Zwölfte Mann (das Publikum) wirkte sich zusätzlich wie Doping auf die Nordiren aus. In der zweiten Halbzeit blitzte immer wieder die fussballerische Überlegenheit der Deutschen auf und es waren auch schöne Pässe zu sehen. In der Mannschaft steckt Potenzial aber es fehlt noch an Selbstbewusstsein und Konstanz. Das Jogi Löw auf Gnabry setzt ist völlig richtig wie man auch gestern wieder sehen konnte. Gebt ihnen genügend Zeit dann wird das wieder eine gute Mannschaft. Der Schrei nach Trainerwechsel ist meiner Ansicht nach unangebracht, denn wenn gesagt wird Klopp könnte das alles besser so hinkt der Vergleich doch stark; Klopp ist täglich mit seiner Vereinsmannschaft zusammen und hat natürlich viel mehr Einfluss auf die Mannschaft als ein Bundestrainer, der einen zusammengewürfelten Haufen (nicht negativ gemeint) innerhalb weniger Tage zu einer Mannschaft schmieden muss, die dann unter Beobachtung der ganzen Nation einen Kantersieg erzielen soll.
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