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Deutschland gegen Polen 1974 "Kann jetzt auch barfuß gespielt werden?"

Deutschland gegen Polen in Frankfurt, da war doch was? 1974 kämpften beide Teams im Waldstadion um den Einzug ins WM-Endspiel - und gegen die irregulären Platzverhältnisse.

Die ARD hatte bei der Wahl ihres Moderators für diesen Nachmittag eine gute Nase bewiesen. Hans-Joachim Rauschenbach hatte im Studio das entscheidende WM-Spiel zwischen Deutschland und Polen zu begleiten, und der Nachname des Redakteurs war Programm.

Nie zuvor und nie wieder danach hat es bei einem großen Turnier so irreguläre Verhältnisse aufgrund von Regenfällen gegeben. Die "Wasserschlacht von Frankfurt", so wurde jene Partie am 3. Juli 1974 genannt (oder: getauft), in der die Teams aus Deutschland und Polen um den Finaleinzug der WM spielten.

Robert Lewandowski, Bastian Schweinsteiger und die anderen Stars von heute waren damals noch gar nicht auf der Welt. Thomas Müller und Toni Kroos offenbarten in dieser Woche gar, dass ihnen das Spiel von damals überhaupt nicht geläufig sei. Aber wenn Deutschland und Polen am Freitag in Frankfurt zum wichtigen EM-Qualifikationsspiel (20.45 Uhr RTL, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) aufeinander treffen, dann geht die Erinnerung unweigerlich 41 Jahre zurück, als sich beide Nationen zum Wasserball im Waldstadion zusammenfanden.

14 Liter Regen pro Quadratmeter gingen in einer guten halben Stunde kurz vor Spielbeginn auf den Platz nieder. Riesige Pfützen standen auf dem Rasen und die wackeren Helfer versuchten, mit Walzen das Wasser vom Grün herunterzubekommen. Was, wenn man sich heute die Bilder von damals anschaut, nicht nur rührend aussah, sondern auch ziemlich vergeblich war. "Das ist eine regelrechte Seenplatte", stellte Fernsehreporter Ernst Huberty in seiner typisch emotionsfreien Lakonik fest. Und TV-Experte Uwe Seeler staunte vor Ort: "In meiner Stadt Hamburg regnet es ja auch viel, aber so etwas habe ich noch nie erlebt."

Im Fernsehstudio erklären sie die Abseitsregel

Der Anpfiff musste mehrfach verschoben werden. Um die Zeit zu überbrücken, beantwortete Rauschenbach im Studio Zuschauerfragen: "Herr Albert Müller aus dem Saarland hat sich bei uns gemeldet: 'Jetzt, wo mal Zeit ist: Können Sie noch einmal in Ruhe die Abseitsregel erklären?'" Und Günter Meier aus Hamburg wollte wissen: "Kann jetzt auch barfuß gespielt werden?"

Erst als die Frankfurter Feuerwehr anrückte, um das Wasser mit Schläuchen abzusaugen, erklärte der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr den Rasen für bespielbar. Was, wenn man das anschließende Spiel sah, ein schlechter Witz war.

Der Ball blieb immer wieder in Wasserlachen liegen, kein Flachpass im Mittelfeld ging weiter als über drei, vier Meter, bevor er von einer Pfütze gestoppt wurde. Es spritzte bei jedem Schritt, jede Grätsche eine Rutschpartie. Vor allem für die technisch hochbegabten Polen war das ein Nachteil: Ihr Offensivspiel war auf Schnelligkeit angelegt, auf rasche Passkombinationen. Das alles konnten der brillante Mittelfeldstar Kazimierz Deyna und die wendigen Stürmer Robert Gadocha und Grzegorz Lato nur begrenzt ausspielen.

Das Spiel des Lebens für Torwart Sepp Maier

Dennoch waren die Polen dominant, das Team von Trainer Kazimierz Gorski hatte schließlich bis dahin alle WM-Spiele gewonnen, keiner anderen Mannschaft war das gelungen, selbst den damals überragenden Niederländern um Johan Cruijff nicht. Und auch gegen Deutschland hatte die von Deyna dirigierte Elf Chance um Chance, aber auch das Pech, dass Torwart Sepp Maier vielleicht das beste seiner 95 Länderspiele absolvierte. Zwischen 1966 und 1979 hat Maier das deutsche Tor gehütet, aber so wertvoll wie an diesem 3. Juli 1974 war er nie.

Maier gegen Lato, Maier gegen Deyna, Maier gegen Gadocha, gegen Domarski - irgendwann mussten die Polen das Gefühl haben, dass sie an diesem Nachmittag nicht an dem Keeper des FC Bayern vorbeikommen würden. So kam es, wie es nach der gängigen Fußball-Psychologie häufig geschieht: Die spielentscheidenden Szenen spielten sich dann doch auf der Gegenseite ab.

Erst bekam das DFB-Team Mitte der zweiten Halbzeit einen Elfmeter zugesprochen, weil Bernd Hölzenbein im Strafraum zu Fall kam. Uli Hoeneß scheiterte jedoch am langen polnischen Keeper Jan Tomaszewski. Und dann war der zur Stelle, auf den zu jener Zeit immer Verlass war: Gerd Müllers Flachschuss an allen Wasserhindernissen vorbei ins Tor brachte in der 75. Minute die Entscheidung. Deutschland stand im Endspiel. Wie exakt 20 Jahre zuvor beim Wunder von Bern 1954, als Fritz Walter und Co. die hochfavorisierten Ungarn niederkämpften, hatte der Regen ein deutsches Team gerettet.

Der Spielverlauf ist heute bei vielen in Vergessenheit geraten. Aber die Bilder von den Frühpensionären, die mit ihrer Walze die spritzende Gischt vor sich her schieben - das ist ins kollektive Fußballgedächtnis eingegangen. "Diese WM ist um eine Attraktion reicher", befand Ernst Huberty. Er sagte dies nicht, als Müller das Tor des Tages schoss. Er sagte es, als die Frankfurter Feuerwehr ihre Schläuche entrollte.

Das gesamte Spiel Deutschlands gegen Polen von 1974 sehen Sie hier .