0:2-Pleite in Polen "Heute hat es uns halt mal erwischt"

Trotz deutlicher Überlegenheit und etlicher Torchancen verlor die deutsche Nationalelf erstmals gegen Polen. Dem Weltmeister fehlte es an Effektivität, der personelle Umbruch im Team von Bundestrainer Löw braucht noch Zeit.

Aus Warschau berichten und


Das Spiel war noch keine 15 Minuten abgepfiffen, da stand Joachim Löw zwischen zwei Bussen. Wie ein Pennäler versteckte sich der Bundestrainer in den Katakomben des Warschauer Stadions und rauchte zügig eine Zigarette. Nervenberuhigung.

Kurz zuvor kassierte das deutsche Team eine 0:2-Niederlage gegen die polnische Nationalmannschaft. Es war eine historische Pleite, denn erstmals verlor ein DFB-Team gegen eine Nationalmannschaft Polens. Der anschließende Jubel in der EM-Arena in Warschau war hemmungslos. Die polnischen Spieler fielen sich um den Hals, zwei Zuschauer rannten aufs Feld und versuchten, mit ihren Helden zu jubeln. Die Fans sangen minutenlang "Bialo-Czerwoni" und feierten damit die weiß-roten Nationalfarben des Landes.

Dass die Zuschauer so ausgelassen sein durften, ist angesichts des Spielverlaufs verwunderlich. 28 Schüsse gab das DFB-Team insgesamt auf das gegnerische Tor ab, daraus resultierten annähernd ein Dutzend gefährlicher Torszenen. "Aber heute hätten wir auch noch weitere eineinhalb Stunden spielen können, wir hätten kein Tor mehr gemacht", sagte Mario Götze.

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Fotostrecke: Niederlage für den Weltmeister
Das polnische Team beschränkte sich hingegen größtenteils darauf, auf Konter zu lauern oder über Standardsituationen den Erfolg zu suchen. Mit ihrer ersten wirklichen Chance erzielten sie durch den ehemaligen Leverkusener Arkadiusz Milik direkt den Führungstreffer.

"Ich finde, wir haben heute ein gutes Spiel gemacht. Wir haben uns viel besser bewegt, sind rochiert, waren anspielbar, haben uns Chancen erarbeitet", sagte Toni Kroos. Und tatsächlich war in der spielerischen, kreativen Grundausrichtung eine deutliche Steigerung im DFB-Team im Vergleich zu den anderen beiden Post-WM-Spielen gegen Argentinien und Schottland zu erkennen.

In Polen schaffte es die Offensivabteilung um den für den verletzten Spielmacher Mesut Özil als Regisseur eingesetzten Götze viel besser, eine tiefstehende Defensivreihe in Bewegung zu versetzen und immer wieder neue Räume aufzureißen. Der Dauerläufer im vordersten Angriffsbereich, Thomas Müller, nervte die polnischen Abwehrspieler ungemein, indem er sich kaum einmal eine Ruhepause verordnete, sondern stattdessen durchweg nach neuen Lücken suchte. Seine teils wirren Laufwege eröffneten insbesondere dem von Löw überraschend in die Startaufstellung beorderten Karim Bellarabi beste Abschlusschancen. Der Außenspieler von Bayer Leverkusen hätte allein drei oder vier Tore erzielen können.

"Uns hat heute die allerletzte Konsequenz, vielleicht auch etwas die Konzentration gefehlt", sagte Kroos. Müller brachte die Abschlussschwäche noch etwas besser auf den Punkt: "Manchmal war der Torwart im Weg, einmal die Latte und ansonsten unser Unvermögen."

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Das deutsche Team in der Einzelkritik: Ein Debütant überragte alle
Ist das ein grundsätzliches Problem des DFB-Teams? Fehlt der Mannschaft nach dem Rücktritt von Rekordschütze Miroslav Klose ein echter Stürmer? Mangelt es an Durchschlagskraft? Das sind Fragen, die Löw seit Jahren verfolgen. Er muss sich immer wieder dafür rechtfertigen, warum er einen echten Stürmer wie Stefan Kießling nicht nominiert, warum er Kevin Volland erneut nicht einlud, warum Max Kruse erst so spät in die Partie kam. Gleichzeitig sind es Diskussionen, die den Kern des Problems unzureichend erörtern.

Denn mit Müller steht ein zehnfacher WM-Torschütze, der bereits mit 23 Jahren einmal Torschützenkönig und einmal Zweiter in dieser Kategorie bei zwei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften wurde. Mit Götze hat die Mannschaft einen technisch hochtalentierten Spieler, der nicht nur im WM-Finale gezeigt hat, dass er auch wichtige Tore schießen kann. Auch der eingewechselte Lukas Podolski, der kurz vor dem Spielschluss eine Volleyabnahme sogar noch an die Latte des polnischen Tores drosch, ist immer für einen Treffer gut. Genauso wie Kroos, Bellarabi oder Schürrle.

Zudem fehlten auch diesmal mit den verletzten Özil, Marco Reus oder Mario Gomez Spieler, die für ihre Torgefährlichkeit nicht nur in Deutschland geachtet werden.

Ohne die verletzten Akteure, ohne die zurückgetretenen Weltmeister Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker fehlt es dem DFB-Team derzeit an gewachsener Konstanz und dadurch vielleicht auch ein wenig an der letzten Konsequenz im Abschluss.

"Ich sehe das nicht zu dramatisch. Nach 33 Qualifikationsspielen haben wir heute mal eine Niederlage bekommen. Aber ich bin mir sicher, dass wir das im Lauf der Qualifikation wieder ausgleichen werden", sagte Löw. Müller merkte an, dass dies "eine Niederlage sei, wie sie im Sport vorkommt. Heute hat es uns halt mal erwischt."

insgesamt 104 Beiträge
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lupenrein 12.10.2014
1. ..................
Was soll die Aufregung ? Fussball ist doch die" schönste Nebensache der Welt". Wenn da der schnöde Mammon nicht wäre......
petermartin 12.10.2014
2. Was solls
Wenn so viele Schlüsselfiguren ersetzt werden müssen bleibt so etwas eben nicht aus. Keine Panik Am Ende des Tages sieht die Tabelle anders aus. Was mich vielmehr umtreibt ist die Tatsache dass man die Übertragung mit den unqualifizierten Kommentaren und Interviews von RTL ertragen muss. Selbst Jens Lehmann, sonst ein fachkundiger und sachlicher Mensch, wurde scheinbar von RTL genötigt diesen Schwachsinn von sich zu geben. Neuer hätte auch in der Vergangenheit Probleme in bestimmten Torsituationen. Und das weiß auch Lehmann selbst. Er hatte nicht annähernd die Qualitäten von Neuer. Hoffentlich haben wir bald diese von RTL erworbenen Spielübertragungen hinter uns
sappelkopp 12.10.2014
3. Das war zu erwarten,...
...insofern, alles OK. Kein Grund zur Aufregung!
surfer574 12.10.2014
4. Gutes Spiel, aber die Außenverteidiger...
sind jetzt noch mehr denn je das Problem. Beide konnten gestern nicht überzeugen. Vielleicht doch mal wieder die Dreierkette raus holen. Die entsprechenden Spieler dafür hätten wir jedenfalls und könnten unset Überangebot an exzellenten Mittelfeldspielern noch besser nutzen.
unknownlegend 12.10.2014
5. Schade
Es gibt über diesen runden, feinen Artikel nichts zu diskutieren. Fast schon schade.
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