DFB-Pleite in Polen Abwehr außen vor

Die deutsche Nationalmannschaft bekommt ihre Probleme auf den Außenpositionen der Abwehr nicht in den Griff. Auch die Lösung mit Erik Durm und Antonio Rüdiger hat es nicht gebracht. Also wird weiter experimentiert.

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Aus Warschau berichten und


Am einfachsten wäre es, das Ganze auf diese Arena zu schieben: Das Warschauer Zentralstadion, das offenbar eine negative Ausstrahlung auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft besitzt. Deutschland hat seit dem Sommer 2010 lediglich zwei Pflichtspiele verloren, beide in diesem Stadion. 2012 gegen Italien, 2014 gegen den Gastgeber.

Der Bundestrainer gilt des Aberglaubens allerdings als unverdächtig. Joachim Löw hatte stattdessen die mangelnde Chancenverwertung als Hauptschuldigen für die EM-Qualifikationspleite gegen leidenschaftlich aufspielende Polen ausgemacht. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit dieses spätsommerlichen Herbstabends von Warschau. Wer seine Torgelegenheiten nicht nutzt, verliert dadurch nicht zwangsläufig 0:2. Vorne lief es nicht, aber hinten eben auch nicht.

Ein Vorwurf, den sich weniger die beiden routinierten Weltmeister-Innenverteidiger Jérôme Boateng und Mats Hummels gefallen lassen müssen. Die zwei verstellten Robert Lewandowski erfolgreich den Weg zum Tor, "in Sachen Torschuss habe ich von Lewandowski dadurch überhaupt nichts gesehen", lobte Löw ausdrücklich die Abwehrarbeit seiner beiden Stammverteidiger.

Durm und Rüdiger haben gemeinsam acht Länderspiele

Die Problemzone liegt auf den Außenpositionen, und man kann jetzt schon sagen, dass auch die von Löw präsentierte Lösung mit Erik Durm (links) und Antonio Rüdiger (rechts) keine dauerhafte sein wird. Da ist zum einen die mangelnde internationale Erfahrung der beiden Außenverteidiger: Sowohl für den Dortmunder Durm als auch für den Stuttgarter Rüdiger war es am Samstag erst das vierte Länderspiel.

Und man merkte vor allem Durm an, dass er diesen Herausforderungen zumindest derzeit nicht gewachsen ist. Vor dem ersten polnischen Tor tat er wenig, seinen Teamkollegen Lukasz Piszczek an der Flanke zu hindern. Vor dem 2:0 verlor er den entscheidenden Zweikampf. Mitspieler reklamierten dabei zwar ein Foul an Durm, aber der Schiedsrichter wollte sich dieser Interpretation nicht anschließen.

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Der Dortmunder hat seit dem Sommer einen gewissen Kursverfall hinter sich. In der Vorsaison machte er sich gerade in den Dortmunder Partien in der Champions League so hervorragend, dass Löw ihn kurzerhand ins WM-Aufgebot berief - nach gerade einmal 19 Bundesligaspielen. Nicht vielen WM-Fahrern in der Geschichte des DFB ist eine solche Blitzkarriere vergönnt gewesen. Durm kehrte ohne eine Minute Einsatzzeit aus Brasilien als Weltmeister zurück. Die Welt schien ihm offen zu stehen.

Danach kam das Testspiel gegen den Vizeweltmeister Argentinien (2:4) Anfang September. Durm stand in der Startelf und wurde von seinem Gegenspieler Ángel Di María nach allen Regeln der Kunst düpiert. Davon scheint sich der junge Abwehrspieler noch nicht erholt zu haben. Die sportliche Krise in Dortmund drückt zusätzlich auf seine Leistung. In der gegenwärtigen Form ist Durm kein Gewinn für die Nationalmannschaft.

Rüdiger sollte sich Boateng zum Vorbild nehmen

Bei seinem Pendant auf rechts sieht das anders aus. Bei Rüdiger spürt man in zahlreichen Aktionen, welches Potenzial er hat. Zu seiner körperlichen Robustheit gesellt sich ein jetzt schon hohes Spielverständnis. Aber all das erscheint noch ungeschliffen bis ungeschickt, gerade was die Aktionen nach vorn angeht. Rüdiger wirkt zuweilen wie der junge Boateng, der in seiner Lehrzeit beim DFB oft ungestüm in die Zweikämpfe ging und in seinem ersten Länderspiel deswegen gleich eine Rote Karte kassiert hatte. Heute ist Boateng einer der besten Verteidiger der Welt. Rüdiger sollte sich ihn zum Vorbild nehmen.

"Wir können uns auf die Zukunft mit diesen tollen, jungen Leuten freuen", sagt Torwart Manuel Neuer. Das Problem ist eher die Gegenwart.

Der Rücktritt von Weltmeister Philipp Lahm, die Verletzung von Weltmeister Benedikt Höwedes - das hat die Misere auf den Außenpositionen in Deutschland noch einmal überdeutlich gemacht. Löw formuliert allgemein: "Nach der WM hat es dann doch einschneidendere Veränderungen gegeben, als mir gepasst haben." Er meint damit auch die Verletzungsserie im defensiven Mittelfeld, vor allem aber dürfte er die Flügelpositionen der Abwehr ansprechen. Außen ist die deutsche Defensive undicht, mehr denn je.

Der junge Kölner Jonas Hector, der schon erfahrenere Gladbacher Tony Jantschke - es gäbe auch in der Liga Kandidaten, die sich durch ihre Leistungen auf außen aufdrängen könnten. Bei dem dauerverletzten Bayern-Verteidiger Holger Badstuber lebt die Hoffnung weiter, dass seine Pechsträhne auch einmal endet. Es gibt Alternativen. Aber so wie im Moment sollte es nicht bleiben.

insgesamt 73 Beiträge
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Mähtnix 12.10.2014
1.
Endlich wird Jonas Hector auch mal in den Printmedien außerhalb von Köln ernsthaft erwähnt. Für mich ist er der taktisch und läuferisch am besten agierende Linksverteidiger in Deutschland. Vielleicht ist es schwer für den DFB-Tross zuzugeben, dass da jahrelang ein Juwel durch die Maschen des angeblich so tollen Nachwuchsnetzes des DFB geschlüpft ist.
Boesor 12.10.2014
2.
Zum Glück scheint Löw das etwas entspannter zu sehen. Er wird, das hat er gestern Abend gesagt, zumindest an Durm erstmal länger festhalten. Und das ist logisch, denn es bringt eben nichts jedes Spiel ein neues Experiment zu starten. Auch wenn Spon das gerne hätte...und die präsentierten Alternativen sind ja auch nicht gerade das was man sonderlich vielversprechend nennt.
sportimtv-fan 12.10.2014
3. Verstehe ich nicht...
Bis die bisher zusammengestellte N 11 Weltmeister wurde, hat es auch 'ne ganze Weile gedauert, oder etwa nicht? Jetzt sind ein paar Spieler ausgestiegen, ein paar verletzt. Wie wäre es mit etwas mehr Geduld? Es muss doch allen klar gewesen sein, dass man unter den gegebenen Umständen nicht nahtlos an den WM-Titel anknüpfen kann.
phrasenmaeher 12.10.2014
4. Liebe Herren Ahrens und Buschmann,
es entbehrt schon nicht einer gewissen Komik, wenn Sie sich einerseits auf die Unerfahrenheit der gestrigen Außenverteidiger - insbesondere in Hinblick auf erst vier Länderspiele seitens Erik Durm, der als Neuling gegen einen Weltklassespieler wie Di Maria naturgemäß einen schweren Stand hat und darsu nur lernen kann - stürzen, andererseits als Alternative Jonas Hector und Tony Jantschke aus dem Hut zaubern. Ich bin mir sicher, die sähen bei ihren ersten Auftritten auf internationalem Parkett (hier: N11) natürlich besser aus als Durm und Rüdiger. Bei denen müsste gweiss auch nichts mehr - wie bei letztgenanntem - "geschliffen" werden. Vielleicht sollten Sie sich noch einmal den Werdegang von Spielern wie Hummels und Özil in Erinnerung rufen? Die wurden auch nicht als Jungspunde ohe Erfahrung einfach so Weltmeister. Eine gewisse Entwicklung und ein Wachsen an den jeweiligen Aufgaben sollte man den Spielern auch heute noch durchaus zugestehen, auch wenn es natürlich klasse wäre, wenn ein 18-jähriger Nobody auf der Außenposition plötzlich die gesamte Weltspitze an Stürmern zur Verzweiflung brächte, ob seines abgeklärten und routinierten Spiels. Dann wäre die EM 2016 reine Formsache. Sei's drum, auch Sportjournalisten dürfen sicherlich einmal träumen. Nur sollten sie diese Träume nicht Jungnationalspielern als Hypothek an die Schoner nageln, gell?
marius-beck94 12.10.2014
5.
Wenn man Rüdigers Auftritt auf der Außenposition kritisiert, sollte man aber auch bedenken, dass er im Verein nie auf dieser Position spielt. Wie im Text richtig beschrieben wird besitzt Rüdiger eine starke Physis und ein gutes Spielverständnis; genau die Merkmale die einen guten Innenverteidiger kennzeichnen.
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