DFB-Gegner Tschechien Rückschläge sind sie gewohnt

Das tschechische Nationalteam war gerade dabei, sich aus dem Leistungsloch der Vorjahre zu befreien. Dann kam Corona. Schon vorher musste die Mannschaft einen Schicksalsschlag hinehmen.
Aus Leipzig berichtet Peter Ahrens
Jaroslav Silhavy gibt seit 2018 den Ton an

Jaroslav Silhavy gibt seit 2018 den Ton an

Foto: STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL / imago images/Buzzi

Das skurrilste Länderspiel des Jahres hat die tschechische Nationalmannschaft schon hinter sich. Im September musste das Team nach zwei positiven Coronafällen im Betreuerstab die Nations-League-Partie gegen Schottland mit einer kompletten Ersatzmannschaft bestreiten, weil die ursprünglich vorgesehene Elf vollständig in Quarantäne gehen musste und die Uefa das Spiel nicht absagen wollte.

So feierten gleich neun tschechische Profis gegen die Schotten ihre Länderspielpremiere, eine Debütantenzahl, die selbst Joachim Löw noch beeindrucken würde. Angeführt wurde die Mannschaft vom früheren Herthaner Roman Hubnik, der eigentlich schon Jahre zuvor seinen Rücktritt aus dem Nationalteam verkündet hatte. Schottland gewann mit aller Mühe 2:1.

Gegen Deutschland am Mittwochabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: RTL) haben die Tschechen demnach vergleichsweise geringe Probleme. Mit Ersatztorwart Filip Nguyen fällt nur ein Profi nach einem positiven Test aus.

Hart von der Pandemie getroffen

Der tschechische Fußball hat in diesem Jahr seine harten Erfahrungen mit der Pandemie machen müssen, härter noch als anderswo. Das Land ist vom Ausbruch des Virus schwer betroffen, die Infektionszahlen sind konstant hoch, die Liga musste Anfang Oktober ihren Betrieb für vier Wochen wieder einstellen und hat erst am vergangenen Wochenende erstmals wieder gespielt. Pausiert wurde schon von Anfang März bis Ende Mai, ähnlich wie in der Bundesliga, die letzten sechs Spieltage der Saison wurden danach in zweieinhalb Wochen durchgepeitscht.

Matej Vydra ist die neue Stirmhoffnung der Tschechen

Matej Vydra ist die neue Stirmhoffnung der Tschechen

Foto: Ariel Schalit / AP

Corona trifft die Tschechen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Nationalmannschaft gerade dabei war, sich wieder zu berappeln. Nach den großen Jahren der Reprezentace, wie das Team in der Heimat genannt wird, nach dem EM-Finale 1996 also, und noch mehr nach dem Halbfinale 2004, als man vermutlich das beste Team Europas war und den Titel gegen Otto Rehhagels Defensivspezialisten aus Griechenland leichtfertig herschenkte, waren Tschechiens Fußball und sein Nationalteam in ein tiefes Loch gefallen.

Die Nachfolgegeneration der Pavel Nedveds, Jan Kollers und Milan Baros' tat sich schwer, die Talente blieben Talente, seit 2006 hat Tschechien an keiner WM mehr teilgenommen. Bei der vergangenen Europameisterschaft in Frankreich schied man sang- und klanglos als Gruppenletzter in der Vorrunde aus – während die Slowakei, das alte Schwesterland und seit der Trennung des Landes der natürliche Rivale – es zumindest bis ins Achtelfinale gegen Deutschland schaffte.Tiefpunkt war ein 1:5 gegen Russland in einem Testspiel im September 2018, danach musste Nationaltrainer Karel Jarolim gehen, Jaroslav Silhavy wurde sein Nachfolger, und seitdem ist es besser geworden.

Erfahren als Vereinstrainer

Silhavy gehört in Tschechien zum Fußball-Inventar, als Profi absolvierte er mehr als 450 Ligaspiele, erst in der Tschechoslowakei und nach 1990 in der tschechischen Liga, keiner aus der Garde der Berühmten, es reichte als Spieler für ihn immerhin zu vier Länderspielen. Aber als Klubtrainer hatte er schon seine Meriten erworben, bevor er in die Dienste des Verbandes trat. Mit Sparta, Slavia und Dukla hatte er alle drei großen Prager Vereine trainiert, deren ehrgeizigen Konkurrenten Viktoria Pilsen ebenso. Silhavy kennt seine Pappenheimer.

Hertha-Profi Vladimir Darida gehört zu den Leistungsträgern

Hertha-Profi Vladimir Darida gehört zu den Leistungsträgern

Foto: Thomas Eisenhuth / Getty Images

Als Nationaltrainer setzt er vor allem auf die Spieler, die im Ausland ihr Geld verdienen: den derzeit allerdings verletzten Leverkusener Patrik Schick, die Torleute Jiri Pavlenka (Werder Bemen) und Tomas Vaclik (FC Sevilla), den Herthaner Vladimir Darida, den begabten Alex Kral von Spartak Moskau und die England-Profis Tomas Soucek von West Ham United und Matej Vydra vom FC Burnley. Nicht die ganz großen Namen, die gibt es derzeit im tschechischen Fußball nicht, aber nach Jahren wieder eine Mannschaft, die in Europa gehobene Ansprüche anmelden kann. Zeitweise bemühte sich der Verband auch um die Dienste des Bremers Davie Selke, der eine tschechische Mutter hat.

Tragisches Unglück in der Türkei

Die ersten Erfolge kann Silhavy schon verbuchen: Im Vorjahr brachte sein Team den Engländern die erste Niederlage in einem Qualifikationsspiel seit zehn Jahren bei. Den Siegtreffer beim 2:1 erzielte der Länderspieldebütant Zdenek Ondrasek, sein erstes Länderspiel machte er mit 30. Silhavy macht bei seiner Personalauswahl keinen großen Unterschied zwischen Routiniers und jungen Spielern. Die Besten sollen es sein.

Zu denen sollte auch Josef Sural zählen. Bei Alanyaspor in der türkischen Süper Lig wollte sich der Offensivspieler die nötige internationale Erfahrung holen und war deswegen im Januar 2019 von Sparta Prag in die Türkei gewechselt. Drei Monate später, am 29. April vergangenen Jahres, verursachte der Fahrer des Mannschaftsbusses des türkischen Teams einen schweren Verkehrsunfall, sechs Spieler wurden verletzt, für Sural kam jede Rettung zu spät.

Josef Sural, 20 Länderspiele, wurde 28 Jahre alt.

Fünf Wochen später hatte das Team wieder anzutreten, gegen Bulgarien, den Rivalen um die EM-Qualifikation. Tschechien gewann 2:1, es war der Grundstein für die EM-Teilnahme. Sie werden dabei auch an Josef Sural gedacht haben.

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