Deutschland-Gegner Türkei Chaos als Prinzip

Sie feierte Last-Minute-Siege in Serie, jetzt bekommt die Türkei vor lauter Verletzten und Gesperrten kaum noch eine Mannschaft zusammen - und träumt trotzdem vom Sieg gegen Deutschland. Wenn sie es schafft, wird es nicht an ihrer Taktik liegen. Denn sie hat keine.

Sie ließen den Gastgeber Schweiz weinen, indem sie kurz vor Spielende noch schnell zwei Tore erzielten. Sie sorgten für Fassungslosigkeit bei den Tschechen, die mit zwei Treffern führten, aber in den letzten 17 Minuten noch drei kassierten. Und sie besiegten in einer beispiellosen Aufholjagd Kroatien. "Das ist der Siegtreffer", schrie der ARD-Kommentator ins Mikrofon, als Ivan Klasnic in der 119. Minute des Viertelfinales Kroatien in Führung schoss. Die Kroaten sahen das genauso, Trainer Slaven Bilic lief aufs Feld und sprang ekstatisch herum.

Am Ende kauerte sein Verteidiger Dario Srna am Boden und heulte. Bilic legte seinen Arm um Srna und tröstete ihn. Am Spielfeldrand lachte Fatih Terim.

Die Geschichte des türkischen Trainers und seiner Mannschaft ist die unglaublichste dieser EURO. Es ist die Geschichte eines Teams, das das Chaos zum Prinzip erklärt hat und trotzdem gewinnt, weil der Glaube an sich selbst offenbar stärker wirkt als Fehler durch Unordnung. Es ist ein Team, das dreimal tot war und immer noch lebt. Wie viele Leben hat die türkische Mannschaft?

Im Fußball haben Binsenweisheiten einen wichtigen Platz. Eine ist die, dass sich Glück aufbraucht. Im Fall der Türkei sei das jetzt der Fall, glaubt zum Beispiel Kroatiens Mladen Petric.

Oliver Bierhoff glaubt nicht daran, dass sich Glück aufbraucht, und er tut gut daran. Der DFB-Teammanager empfiehlt als Rezept gegen diese Mannschaft "Konzentration bis zum Ende" - aber am besten "einen möglichst hohen Torvorsprung" kurz vor Schluss. Vor allem aber, bitte, bitte, solle dieses Team nicht unterschätzt werden.

Diesen Fehler haben die Schweizer gemacht, die in der Halbzeit ihres Vorrundenspiels den Heimvorteil mit dem Führungstor multiplizierten und als Ergebnis einen Sieg folgerten. Aber die Rechnung ging beim 1:2 ebenso wenig auf wie die der Tschechen, die es nach einer Zwei-Tore-Führung ruhig angehen ließen und am Ende 2:3 verloren. Beide machten den Fehler, Aktion durch Reaktion zu ersetzen - und scheiterten.

Man darf diese Mannschaft aber nicht spielen lassen. Sie hat vielleicht kein erkennbares taktisches Korsett, aber technische Fähigkeiten. Sie hat Tuncay, der an guten Tagen wie Michael Ballack spielen kann. Sie hat Nihat Kahveci, der zweimal gegen Tschechien traf, und Hamit Altintop, der beide Treffer vorbereitete. Sie hat mit Arda Turan einen brillanten Außen. Und sie hat Semih Sentürk. Der Stürmer erzielte bisher zwei Tore, sein wichtigstes gegen Kroatien in der 122. Minute. Von der Strafraumgrenze in den linken Torwinkel.

Die Verlockung, die türkische Mannschaft zu unterschätzen, ist auch diesmal wieder sehr groß. Denn vor dem Deutschland-Spiel hat sie vor allem eins: personelle Probleme. Durch Verletzungen oder Sperren sind nur 14 Spieler einsatzfähig. Inklusive der zwei Torhüter. Nihat fehlt verletzt, Arda, Tuncay und Emre sind gesperrt. Trainer Terim überlegt nun ernsthaft, seinen Ersatzkeeper Tolga als Feldspieler aufzubieten. "Als Einwechselspieler könnte er zum Ende des Spiels als letzter Mann oder als Mittelstürmer zum Einsatz kommen", sagt Terim.

Ein Torwart als Mittelstürmer. Er hört sich nicht so an, als wäre das ein Scherz. Es klingt, als wolle der Trainer nun selbst das Glück herausfordern. Bisher hatte es sich die Türkei erarbeitet. "Wir haben bereits mehrfach gezeigt, dass wir das Unmögliche möglich machen können. Ich glaube fest an mein Team und an das Finale", sagt Terim trotzig. Und es gibt niemanden, der nach den vergangenen drei Spielen dagegen ein Argument hätte.

Rationale Analysen sind derzeit verpönt. Wer will es schon wagen, über die Pannen des türkischen Keepers Recber Rüstü während der 122 Minuten gegen Kroatien zu schreiben? Rüstü hielt doch einen Elfmeter. Kann man die lethargische Innenverteidigung kritisieren, die sich durch simple Vertikalpässe aushebeln ließ? Die fehlende Ordnung des gesamten Teams, die vielen frühen Ballverluste im Mittelfeld? Es gibt keine Argumente gegen einen Halbfinalisten, der drei Spiele in den letzten Minuten gedreht hat.

Die deutsche Mannschaft muss gegen die Türkei am Mittwoch "unsere eigenen Stärken durchsetzen", wie es Simon Rolfes im Interview mit SPIEGEL ONLINE fordert. Sie darf nicht nachlassen, sich nicht sicher fühlen, vor allem nicht in den letzten Minuten. Wenn plötzlich der türkische Ersatzkeeper als Feldspieler aufläuft, dann darf es das DFB-Team nicht überraschen. Das Glück kann Fatih Terim nicht einwechseln. Auch er kann nur darauf hoffen.