Deutschland im Tipp-Fieber Jetzt sind die Punkte weg!

Kantersieg von Brasilien gegen Nordkorea? Von wegen! Spanien macht den sicheren Durchmarsch in seiner Gruppe? Längst überholt. Während der torarme Fußball die Fans eher langweilt, sorgt er bei den WM-Tippspielen für Spannung. Davon kann auch Smudo ein Lied singen.

DDP

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Sie sind so etwas wie die Weihnachtsfeiern im Sommer. Nur ohne Alkohol. Sie schweißen Menschen zusammen, die sonst nicht viel miteinander am Hut haben und entzweien Freunde. Am Ende gibt es Gewinner und Verlierer und manchmal ist man auch beides gleichzeitig. Fußball-Tippspiele sind auch bei dieser WM wieder zum Volkssport geworden. Allein beim Tippspiel von SPIEGEL ONLINE zocken fast 20.000 Teilnehmer um tolle Preise.

Allerdings haben die Kicker es den Tippern in der ersten Runde nicht gerade einfach gemacht. Meist herrschte ziemliche Torflaute, zudem gab es zahlreiche Unentschieden und manch eine dicke Überraschung wie beispielsweise das 0:1 der Spanier gegen die Schweiz. Was die Fußballfans am Fernseher frustriert, scheint sie am Rechner zu beflügeln. "Von WM-Frust kann bei uns keine Rede sein", sagt Rainer Steffen, einer der Organisatoren des Tippspiels auf laut.de

Rund 7500 spielen mit, darunter auch zwei Promi-Mannschaften: Das Viva-con-Agua-Team, in dem unter anderem der St.-Pauli-Profi Marcel Eger, die Musiker Culcha Candela, Phillip Boa und Revolverheld mittippen, tritt gegen das "Laut-gegen-Nazis"-Team an, in dem beispielsweise Musiker Smudo und Schauspieler Peter Lohmeyer ihr Glück versuchen. Lohmeyers leiblicher Sohn Louis Klamroth, der im Wortmann-Film "Das Wunder von Bern" die Rolle des jungen Matthias spielte, versorgt die Tipper mit einem Blog aus Südafrika.

Phillip Boa deutlich vor Smudo

"Von den Promis steht Phillip Boa derzeit am besten da. Auf einem sensationellen zweiten Platz in der Einzelwertung", sagt Steffen, der täglich nach der Arbeit "noch eine halbe Stunde in das Tippspiel steckt." Die Mitspieler können als Hauptpreis einen Monsterkühlschrank eines bekannten Kräuterschnapsherstellers gewinnen, dementsprechend ernst nehmen sie das Spiel. "Ich bin da eher das Mädchen", sagt Smudo SPIEGEL ONLINE: "Ich tippe nur alle zwei Jahre bei Großereignissen."

Obwohl er von Spiel zu Spiel hätte tippen können, hat der Frontmann der Fantastischen Vier sich bereits komplett festgelegt. Daher sind ihm Torflaute und Rasenschach, wie ihn die Akteure in der ersten Woche oft geboten haben, "total egal. Ich hab eh keine Ahnung vom Fußball. Und mir ist der Unterhaltungswert des Tippspiels viel wichtiger als das Handeln der Fußballer".

Zumindest in Sachen Deutschland scheint Smudo seherische Fähigkeiten zu haben: "Gegen Australien hab ich 4:1 getippt, mein Weltmeister heißt natürlich Deutschland, da ist Stumpf bei mir Trumpf", sagt Smudo und trotzt dabei dem Trend. "Wie viele andere Tipper hab ich meine Ergebnisse nach den torarmen Spielen der ersten Runde abgeschwächt", gibt Steffen zu.

"Die haben ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt"

So flexibel konnten die Mitspieler in der privaten Tipprunde von Wolfgang Heilmann nicht auf die Realität reagieren. Die 87 Teilnehmer mussten vor dem Turnier die komplette Vorrunde, die zwei Besten jeder Gruppe sowie den besten Torwart und den Torschützenkönig festlegen. "Da haben einige natürlich hoch auf die Favoriten gesetzt, beispielsweise auf ein 6:0 von Brasilien gegen Nordkorea", sagt Heilmann: "Die haben nach der ersten Runde ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt."

Das gilt auch für den einzigen Mitspieler, der England-Keeper Robert Green zum besten Torhüter gewählt hat. "Der musste sich natürlich einiges anhören", erzählt Heilmann, der allabendlich rund eine halbe Stunde die seitenlange Excel-Tabelle pflegt. Da alle die gleichen Bedingungen haben, komme trotz der Torflaute keine Fruststimmung unter den Zockern auf, so Heilmann. Der 41-Jährige, der hauptberuflich im Auftrag des Sportrechtevermarkters IMG Sponsoren für den 1. FC Köln akquiriert, glaubt ohnehin, dass die Zurückhaltung spätestens in der zweiten Runde vorbei ist. "Da haben einige Mannschaften nichts mehr zu verlieren, es werden sicher mehr Tore fallen als bisher."

Obwohl Heilmann als Experte gilt - der ehemalige Drittliga-Fußballer schlug sogar mal ein Angebot zu einem Probetraining bei einem Zweitligisten aus und hat immerhin ein Jahrzehnt Erfahrung im Ausrichten von Tippspielen - darf man getrost an seinen Worten zweifeln. Derzeit führt sein fünfjähriger Sohn Henri die familieninterne Tippspiel-Tabelle an. "Das Erfolgsgen wird er von seinen Eltern haben", tröstet sich Heilmann.

Segen und Fluch in der Tipprunde von SPIEGEL ONLINE

Auch in der internen Tipprunde von SPIEGEL ONLINE haben sich einige bizarre Szenen in der ersten Woche abgespielt. Derzeit führt ein Praktikant aus dem Sport, der als einziger überhaupt auf die Schweiz als Weltmeister gesetzt und seit dem Sieg am Mittwoch über Spanien penetrant gute Laune hat. Sein Erfolgsrezept: Die Joker zur richtigen Zeit einsetzen und öfter mal vom Mainstream abweichen!

Zudem profitierte er zuletzt von einem Kollegen, der sich und seine Tipps bereits früh aufgegeben hat und seither der festen Überzeugung ist, auf ihm laste ein Fluch. Wer sich unsicher ist, solle ihn einfach nach seinem Tipp fragen, so könne man dann immerhin schon ein Ergebnis sicher ausschließen, so seine Logik. So sind Tippspiele eben: Es gibt Gewinner und Verlierer…

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