Nations-League-Spiel gegen Italien Flicks kleiner FC Bayern läuft noch nicht rund

Bundestrainer Hansi Flick sucht nach der richtigen Mischung für die Nationalelf, doch der Bayern-Block, auf den Flick setzt, birgt Risiken. Joshua Kimmich ist fast überall – und fehlt an einer Position womöglich doch.
Hansi Flick sucht nach seiner besten Elf

Hansi Flick sucht nach seiner besten Elf

Foto: ALBERTO LINGRIA / REUTERS

Trocken analysiert: Ein Unentschieden kennt keine Matchwinner. Gäbe es trotzdem einen solchen, Joshua Kimmich wäre ein heißer Kandidat: Deutschlands Nummer Sechs hatte gegen Italien zum Ausgleich getroffen, herausragende 107 Ballkontakte gesammelt und am Ende eines schwülen Abends in Bologna noch die Luft, als Erster selbstkritisch vor dem RTL-Mikrofon zu analysieren, was zum Sieg gefehlt hatte: Vor allem die »Intensität«, allerdings seien die Bedingungen auch nicht für Leistungssport gemacht gewesen: »Vielleicht lag es am Ende auch an der Luftfeuchtigkeit, wir waren das nicht ganz so gewohnt.« Man kann das als Ausrede werten, nach einem Spiel mit Trinkpause und zahlreichen Rutschern auf dem feuchten Rasen ist es allerdings eine durchaus plausibel erscheinende.

Das Ergebnis: Der Auftakt zur Nations League, also den zu Pflichtspielen erhobenen Testkicks in Turnierform, ist der deutschen Nationalmannschaft nur zum Teil geglückt: 1:1 (0:0) hieß es nach 90 Minuten im Stadio Dall’Ara gegen Gastgeber Italien, ein Ergebnis, das den Leistungen entsprach. Hier finden Sie den Spielbericht.

Aus vollen Kehlen: Wie schade es ist, dass die Italiener, die die sportliche Qualifikation für die WM verpasst haben, in Katar fehlen werden, zeigte sich schon bei den Nationalhymnen. Nicht nur, weil das inbrünstig mitgesungene Lied der Italiener schon der Melodie halber mit guter Laune ansteckt – vor allem, weil die italienische Reaktion auf vereinzelte Pfiffe während der deutschen Hymne herzerwärmend war: Die Störenfriede wurden von Fans und Spielern einfach überklatscht. So geht Fairplay unter Rivalen.

Die erste Hälfte: Sportlich näherte Trainer Roberto Mancini sich dem Umbruch an, der den schwächelnden Europameister wieder in die Konkurrenzfähigkeit holen soll: Aus der EM-Finalelf stand gegen Deutschland nur noch Torwart Gianluigi Donnarumma auf dem Platz. Und um dessen Tor herum spielte sich die Partie lange ab. Die DFB-Elf sorgte durch ein Solo von Serge Gnabrys (15.) für erste Gefahr. Gianluca Scamacca, turmhohe Sturmspitze von Italiens neuer Generation, traf wie aus dem Nichts den Außenpfosten (36.). Ein Startschuss für den Rest der Squadra Azzura, die nun besser ins Spiel fand.

Gianluca Scamacca (r.) im Zweikampf mit Thilo Kehrer

Gianluca Scamacca (r.) im Zweikampf mit Thilo Kehrer

Foto: Claudio Villa / Getty Images

Sein Block: Auch die DFB-Elf gilt als Mannschaft im Umbruch. Doch Bundestrainer Hansi Flick scheint sich darauf einzustellen, in Katar vor allem seiner Erfolgsgeschichte als Klubtrainer des FC Bayern einen Epilog hinzuzufügen: Ein Block aus gleich sieben Profis des Rekordmeisters, darunter das komplette deutsche Mittelfeld, bildete gegen Italien das Herz des Teams. Frei nach dem Motto: Was vor zwei Jahren die Champions League gewonnen hat, kann heute nicht falsch sein.

Fragezeichen eins und zwei: Beim Gewinn der Königsklasse 2020 verteidigte Kimmich, heute im defensiven Mittelfeld gesetzt, noch rechts hinten. Auf so ein Experiment lässt sich Flick beim DFB-Team nicht ein – noch nicht. Anlass dazu gäbe es: Benjamin Henrichs' Startelf-Comeback im Nationalteam geriet durchwachsen. Gegenpart Thilo Kehrer ist mit seiner konservativen Spielweise unter Flick gesetzt, bei Paris Saint-Germain aber nur Rotationsspieler. Noch scheint das richtige Flügel-Duo für die WM nicht gefunden, als Kimmich-Vertreter im Zentrum stünde für den Fall der Fälle zumindest Ilkay Gündogan bereit.

Die zweite Hälfte: So ganz überraschte dann auch nicht, dass die italienische Führung über die Außenbahn eingeleitet wurde: Joker Wilfried Gnonto, gerade unter André Breitenreiter Schweizer Meister geworden, flankte von Kehrers Seite ins Zentrum auf den unbewachten Lorenzo Pellegrini, gerade unter José Mourinho Conference-League-Sieger geworden. Pellegrini schob aus kurzer Distanz ein. Das italienische Umbruchs-Allerlei war nach dem Seitenwechsel die bessere Mannschaft, die Führung ging in Ordnung – und war drei Minuten später dank Kimmich wieder Geschichte, ehe zahlreiche Wechsel Mancinis der Partie ihren Rhythmus nahmen.

Das dritte Fragezeichen: Flicks Entscheidung, das Nationalteam fast komplett dem FC Bayern nachzuempfinden, trägt auch ein Problem von der Säbener Straße in den Kreis des DFB: Wie legt man bei Leroy Sané wieder den Schalter um, der den Offensivdribbler vom Zauderer zum Zauberer macht? Im Klub wartet Sané seit Februar auf eine Torbeteiligung, gegen Italien äußerte sich das fehlende Selbstverständnis in Stockfehlern und Ballverlusten. Früh in der zweiten Hälfte puzzelte Flick für den verhinderten Ausnahmekönner mit Jamal Musiala den nächsten Bayern-Profi ins Mittelfeld.

Der Ball ist oft sein Freund, doch zur Zeit ist es kompliziert: Leroy Sané

Der Ball ist oft sein Freund, doch zur Zeit ist es kompliziert: Leroy Sané

Foto: Federico Gambarini / dpa

Länderspiel dahoam: Weiter geht es aus dem schwülen Italien ins milde München, wo am Dienstagabend (20.45 Uhr, TV: RTL) gegen England die nächste Partie in der Nations League ansteht. Die Three Lions hatten zuvor eine Niederlage gegen die Ungarn hinnehmen müssen – und ungarische Pfiffe gegen eine antirassistische Geste, die leider niemand wegklatschen wollte.

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