100 Spiele Löw Mehr Erfolg, weniger Liebe

Deutschland-Italien ist ein Klassiker - und für Bundestrainer Löw das 100. Länderspiel. Seine bisherige Bilanz ist stolz, doch für Kritiker ist er vor allem der Titellose. Die WM 2014 ist wohl seine letzte Chance, das zu ändern.

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Es sind ein paar Zahlen, die hier am Anfang stehen sollen: Joachim Löw war 99 Mal für die Nationalmannschaft als Cheftrainer verantwortlich, davon wurden 68 Spiele gewonnen, 15 Mal ging die DFB-Elf als Verlierer vom Platz, es gab 16 Remis. Die Statistik weist Löw als erfolgreichsten Bundestrainer aus, den der deutsche Fußball bislang hatte.

Und trotzdem ist Löw, der am Freitag in Mailand beim Spiel gegen Italien (20.45 Uhr ZDF, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seine 100. Partie als Bundestrainer begeht, in der Öffentlichkeit nie der unumstrittene Souverän gewesen, den man bei einer solchen Bilanz erwarten könnte. Rudi Völler, Franz Beckenbauer, auch Helmut Schön, die wurden geliebt. Löw nicht.

Dass seine Elf aus drei Turnieren eine Endspiel- und zwei Halbfinalteilnahmen mitnahm, dass die Mannschaft mittlerweile offensiv zu den beeindruckendsten Teams der Welt gehört, zählt bei vielen deutlich weniger als der Umstand, dass trotzdem immer noch kein Titel gewonnen wurde.

Die hohen Ansprüche in Deutschland sprechen für Löw

Die Ansprüche in Deutschland sind mittlerweile maximal. Und man könnte sagen, dass genau dies eher für Löw als gegen ihn spricht. Dass das deutsche Team unter diesem Trainer titelreif geworden ist, belegt niemand besser als die Löw-Kritiker, die einen verpassten Turniersieg immer noch als höchsten Trumpf für ihre Argumente betrachten.

In den Augen derer, die diesen Bundestrainer ablehnen, ist Löw stur. Zu einem bestimmten Grad beratungsresistent, hart gegen jeden, der seinen Kurs nicht mitmacht, allergisch gegen sämtliche Ratschläge von außen, auch wenn sie wohlmeinend sind. Und tatsächlich trifft das alles auf den 53-Jährigen zu. Möglicherweise sind das auch genau seine Qualitäten.

Löw glaubt genau zu wissen, was gut für die Nationalmannschaft ist. Sehr genau. Er und sein Team haben im Lauf der Jahre dadurch eine gewisse Wagenburgmentalität ausgebildet, die Nationalmannschaft ist auch innerhalb des DFB längst eine Art Staat im Staate geworden. Das gefällt vielen nicht, aber Löw ist der Überzeugung, dass er anders diesen Job nicht ausfüllen kann.

Populismus kann man ihm nicht vorwerfen

Wenn Löw einen Mats Hummels in der Öffentlichkeit herunterputzt, wenn er einen Stefan Kießling systematisch ignoriert, so regelmäßig dieser auch in der Liga trifft, wenn er Mal für Mal nibelungentreu einen Lukas Podolski in den Kader beruft, obwohl sich nur die älteren Beobachter an dessen letztes wirklich gutes Länderspiel erinnern können, dann macht er es dem Publikum nicht leicht. Wenn Löw eines nicht ist, dann ein Populist.

Er könnte es sich leicht machen, zum Beispiel dadurch, Kießling ins Aufgebot zu berufen. Die Öffentlichkeit wäre ruhig gestellt, und Löw könnte trotzdem wie eh und je seinen Liebling Miroslav Klose im Sturm aufstellen. Aber so funktioniert Löw nicht.

Kompromisse werden nur gemacht, wenn sie sich in den Plan des Bundestrainers einpassen. Die Berufung des Dortmunder Keepers Roman Weidenfeller zeigt dies beispielhaft. Löw hat die jungen Torleute Marc-André ter Stegen und Ron-Robert Zieler, die er an sich vorzieht, in der Nationalmannschaft getestet. Beide haben bei ihren Auftritten teilweise unglückliche Figuren abgegeben. Mit Weidenfeller hat er jetzt einen Torwart-Routinier in der Hinterhand, einer, den besondere Spiele nicht mehr aus der Ruhe bringen. Das hat auch das von Weidenfeller souverän bestrittene Champions-League-Finale gegen Bayern München gezeigt.

Dass der Dortmunder Schlussmann so lange auf eine Berufung warten musste, hat zudem den Effekt, dass Weidenfeller jetzt keine weitergehenden Ansprüche auf den Platz eins anmelden dürfte, sondern eher dankbar ist, überhaupt dabei sein zu können. Löw ist also ein denkbar geringes Risiko eingegangen, er musste dafür von seinem Weg nicht abgehen - dann ist er auch bereit, den öffentlichen Druck aufzunehmen. Mit Nachgiebigkeit hat das aber nichts zu tun.

2014 soll es der WM-Triumph werden. Löw hat lange den Eindruck erweckt, ein Titel sei ihm weniger wichtig, als die Manschaft zu entwickeln. Damit ist es aber jetzt vorbei: Löw weiß, dass es seine mutmaßlich letzte Chance sein wird. Der Vertrag mit dem DFB ist zwar vorzeitig bis 2016 verlängert, aber dass der Bundestrainer über die WM hinaus weitermachen wird, kann sich derzeit niemand vorstellen, egal wie es ausgeht. Löw hat, rechnet man die Jahre als Assistent von Jürgen Klinsmann hinzu, zehn Jahre Aufbauarbeit hinter sich, deren Lohn er 2014 endlich einstreichen möchte. Die Mannschaft ist mittlerweile komplett auf seine Vorstellungen zugeschnitten.

Das war sie 2012 zur Europameisterschaft allerdings auch schon, Löw war sich schon damals sicher, dass dieses Team den Titel holen kann, er war sich zu sicher. Die Schockstarre, mit der er und die Mannschaft auf die Halbfinalpleite gegen Italien reagierten, zeigte, wie wenig man in der Nationalmannschaft damit gerechnet hatte, dass etwas schiefgehen konnte. Es war eine bittere Lehre für Löw, er war für das Aus letztlich verantwortlich, die von ihm gewählte Aufstellung ein Fehler. "Ich war damals von dieser Taktik hundertprozentig überzeugt. Das hat danach an meinen Nerven gezerrt", sagte er am Mittwoch.

In Brasilien kann er beweisen, dass er daraus wirklich gelernt hat. Er muss es auch. Sonst nützt ihm seine ganze schöne Bilanz nichts. Die Weltmeister-Coaches Sepp Herberger, Franz Beckenbauer und Helmut Schön sind im Ranking der erfolgreichsten Bundestrainer nicht unter den ersten drei.

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Seite 1
Andr.e 13.11.2013
1.
Zitat von sysopDPADeutschland-Italien ist ein Klassiker - und für Bundestrainer Löw das 100. Länderspiel. Seine bisherige Bilanz ist stolz, doch Kritiker nennen ihn den Titellosen. Die WM 2014 ist wohl seine letzte Chance, das zu ändern. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-italien-100-mal-nationalmannschaft-unter-jogi-loew-a-933296.html
Herrlich simpler Satz... Den kann man so auch auf sport1.de äußern. Supi, Herr Ahrens!
ofelas 13.11.2013
2. besser jetzt als zur WM
ich hoffe das wir gegen Italien die Huette voll bekommen, das wir gegen derren Abwehr (bestens organisiert) keine Tore schiessen - den der DFB muss sich endlich um unsere Abwehr kuemmern, nur vorne was machen hilft nicht weiter. Loew ist anscheinend nicht dazu bereit.
freigeist1964 13.11.2013
3. na
Zitat von sysopDPADeutschland-Italien ist ein Klassiker - und für Bundestrainer Löw das 100. Länderspiel. Seine bisherige Bilanz ist stolz, doch Kritiker nennen ihn den Titellosen. Die WM 2014 ist wohl seine letzte Chance, das zu ändern. http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-italien-100-mal-nationalmannschaft-unter-jogi-loew-a-933296.html
bei den ganzen Nationaltrainern in den deutschen Kneipen wird man Löw auch dann kritisieren, wenn er den Weltmeistertitel zweimal hintereinander gewinnt. hauptsache Meckern! Der typische Deutsche ist ein miesgelaunter Klugscheisser und Besserwisser der vor Neid und Missgunst platzt. Ein Blick ins Spiegelforum und diese Aussage wird Tag für Tag bestätigt!
stefansaa 13.11.2013
4.
Zitat von freigeist1964bei den ganzen Nationaltrainern in den deutschen Kneipen wird man Löw auch dann kritisieren, wenn er den Weltmeistertitel zweimal hintereinander gewinnt. hauptsache Meckern! Der typische Deutsche ist ein miesgelaunter Klugscheisser und Besserwisser der vor Neid und Missgunst platzt. Ein Blick ins Spiegelforum und diese Aussage wird Tag für Tag bestätigt!
Meckern Sie nicht auch gerade? ;-) Wenn er nach dem Turnier, sofern er nichts gewinnt, abtritt, ist das alles in Ordnung. Egal wie es kommt, Löw wird als Trainer zur WM fahren und daher sollten alle hinter ihm stehen.
Shantam 13.11.2013
5. Die Spinnen die Deutschen
Da haben wir hier eine der besten Fußballmannschaften in der Welt und der Deutsche nölt daran rum! Was für ein bescheuertes Land von Rumkotzern ist das hier eigentlich? Und wen dann, der Titel kommen sollte werden bestimmt wieder viele Rummosern, oder?
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