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17. Oktober 2018, 07:25 Uhr

DFB-Niederlage gegen Frankreich

Wer nur soll ein Tor schießen?

Aus Paris berichtet

Mit einer ordentlichen Leistung gegen den Weltmeister hat sich Joachim Löw erst einmal eine Atempause verschafft. Dass eine knappe Niederlage schon als Erfolg gilt, zeigt allerdings den Kursverfall des Teams.

Es gibt bei der Nationalmannschaft einen Lieblingssatz. Am Dienstagabend nach der 1:2-Niederlage von Paris führte ihn fast jeder im Mund, Trainer, Spieler, sogar der DFB-Präsident. Es ist der Satz: "Wir haben uns nicht belohnt."

Der Satz wabert im Grunde schon durch das gesamte DFB-Länderspieljahr und soll ungefähr so viel besagen: Wir spielen gut, wir haben Chancen, aber am Ende verlieren wir dann doch. Mit diesem Satz hat sich die Mannschaft schon so manche Niederlage in diesem verflixten Länderspieljahr schöngeredet, gegen die Franzosen hatte er dagegen ausnahmsweise mal seine Berechtigung.

Der Bundestrainer hatte nach der Partie, "viele gute Gründe, ermutigt zu sein". Und einer der Gründe dürfte aus seiner persönlichen Sicht sein, dass nach einer so knappen Niederlage beim Weltmeister nicht mehr so intensiv über seinen Job diskutiert wird wie vor dem Spiel. Einige Medien hatten sogar schon von Löws Endspiel geschrieben. Das wäre aber wohl nur denkbar gewesen, wenn sich die DFB-Auswahl eine fürchterliche Klatsche eingehandelt hätte.

Die Jungspund-Fraktion nutzte ihre Chance

Das wurde es nicht - auch weil Löw ganz gegen seine Gewohnheiten die Mannschaft auf zahlreichen Positionen gegenüber dem desaströsen Niederlande-Spiel vom Samstag verändert hatte. Fünf Wechsel in der Startelf, und das in einem zumindest relativ relevanten Pflichtspiel - so eine Maßnahme hätte man Löw fast nicht mehr zugetraut.

Endlich, so muss man es ja formulieren, bekam City-Angreifer Leroy Sané seine Startelfchance. Auch Serge Gnabry und Thilo Kehrer, zwei weitere Vertreter der Jungspund-Fraktion, durften von Beginn an spielen - und alle drei Personalien zahlten sich zunächst aus.

Die erste Halbzeit gehörte zumindest zum Besten, das man seit Langem von diesem Team gesehen hatte. "Die Mannschaft hat ihr Herz in die Hand genommen", sagte Löw. Schnelle Konter, eine stabile Deckungsformation und sichere Kombinationen aus dem Mittelfeld heraus - das gab es eine gefühlte Ewigkeit nicht. Ein Problem blieb allerdings nach wie vor ungelöst: Wer soll in dieser Mannschaft ein Tor schießen?

Timo Werner und Leroy Sané sind keine Torjäger, das wurde an dem Abend von Paris überdeutlich. Die Konter wurden schlampig abgeschlossen, im Strafraum war die Herrlichkeit meistens vorbei. So musste schon ein umstrittener Elfmeter zur Führung herhalten. Toni Kroos zitterte ihn zur Führung ins Tor.

Neun Tore hat die Mannschaft in elf Spielen in diesem Jahr erzielt, in den sechs Pflichtspielen des Jahres blieb das Team viermal ohne Treffer. Wenn das nur im Ansatz so weitergeht, wird der Satz: "Wir haben uns nicht belohnt" noch in das DFB-Vereinslogo eingewebt.

Von liebgewonnenen Gewohnheiten getrennt

Eine Niederlage gegen die Franzosen wird jetzt schon als Erfolg angesehen. Das kann man als Indiz werten, wie sehr der Aktienkurs der Nationalmannschaft vom Weltmeister bis zum möglichen Nations-League-Absteiger innerhalb von vier Monaten gefallen ist. Andererseits war dieser Abend nach dem Auftritt von Amsterdam zumindest ein sportlicher Fortschritt.

Ein Fortschritt, den Löw zudem dadurch erreichte, dass er über seinen Schatten gesprungen ist. Thomas Müller und Jonas Hector ließ er draußen, zwei bewährte Stammkräfte, die aber nur noch wenig zum Erfolg dieser Mannschaft beitragen. Löw fällt es bekanntermaßen schwer, sich von den Getreuen im Team zu trennen. Jetzt ging es jedoch auch um seinen Job. Da muss er auch von liebgewordenen Gewohnheiten lassen.

"Wir waren keinesfalls schlechter als die Franzosen", sagte Gnabry nach dem Spiel, und aus Sicht von Kapitän Manuel Neuer habe die Elf das Spiel gar "im Griff gehabt". Das mag für die erste Halbzeit gelten. In der zweiten Hälfte sah man allerdings auch, was dieser Mannschaft fehlt. Als die Équipe Tricolore den Druck erhöhte, wurde das DFB-Team zaghaft, ängstlicher und ängstlicher, es ging nur noch darum, möglichst Tore zu verhindern. Und der Status dieser Mannschaft ist derzeit so, dass dies dann auch nicht gelingt. Antoine Griezmann drehte die Partie mit seinen Toren - dass der Siegtreffer ebenfalls durch einen Elfmeter fiel, den nicht jeder Schiedsrichter pfeift, schloss den Kreis dieses Spiels.

Löw hat jetzt vier Wochen Zeit bis zum letzten Länderspielzyklus des Jahres. Das schlechteste DFB-Jahr seiner Geschichte ist es mit sechs Niederlagen jetzt bereits. Die Diskussionen um den Kurs dieser Mannschaft, um den Trainer und das richtige Personal sind seit Dienstag etwas abgeebbt. Beendet sind sie noch lange nicht.

Frankreich - Deutschland 2:1 (0:1)
0:1 Kroos (14./Handelfmeter)
1:1 Griezmann (62.) 2:1 Griezmann
(80./Foulelfmeter)
Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Kimpembe, Hernandez - Pogba, Kanté (90.+4 N'Zonzi) - Mbappé (86. Dembelé), Griezmann (90.+1 Ndombelé), Matuidi - Giroud
Deutschland
: Neuer - Kehrer, Süle, Hummels - Ginter (84. Brandt), Kimmich, Schulz - Kroos - Gnabry (88. Müller), Werner, Sané (75. Draxler)
Schiedsrichter: Milorad Mazic (Serbien)
Gelbe Karten: - / Ginter
Zuschauer: 75.000

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