Deutschland-Polen Klinsmanns Joker stechen in letzter Minute

Was für ein Spiel! Die deutsche Elf kämpfte bis zum Schluss – erst in der Nachspielzeit gelang Oliver Neuville das erlösende Siegtor gegen Polen. Trainer Klinsmann bewies sein glückliches Händchen: Er wechselte den Torschützen ein. Und den Flankengeber.

Dortmund - "Joker" Oliver Neuville hat der deutschen Nationalmannschaft die Tür zum WM-Achtelfinale weit aufgestoßen: Mit seinem Treffer zum 1:0 (0:0) in der ersten Minute der Nachspielzeit bescherte der eingewechselte Mönchengladbacher der deutschen Auswahl den zweiten Sieg im zweiten Gruppenspiel. "Der Treffer war ein bisschen glücklich, aber letztendlich hochverdient", so Neuville.

Das späte Tor war der verdiente Lohn nach einer Partie, in der die Gastgeber teilweise drückend überlegen waren, mehrere gute Torchancen besaßen, aber im Abschluss glücklos blieben. Sekunden vor dem Siegtreffer hatten Miroslav Klose und Michael Ballack innerhalb weniger Augenblicke nur die Latte getroffen. Wenn Costa Rica am Nachmittag (Liveticker auf SPIEGEL ONLINE, 15 Uhr) in Hamburg nicht gegen Ecuador gewinnt, ist die deutsche Mannschaft sicher in der K.o.-Runde. "Wir haben gezeigt, welche Moral in der Mannschaft steckt. Wir haben immer an uns geglaubt. Lange hat uns das Quäntchen Glück gefehlt", sagte Klose.

Trainer Klinsmann gab der Abwehrformation, die gegen Costa Rica nicht immer sattelfest war, eine neue Chance. Die einzige Änderung in der deutschen Anfangself war erwartungsgemäß die Hereinnahme von Spielmacher Ballack. Für ihn musste der Bremer Tim Borowski weichen. Polens Trainer Pawel Janas nahm gegenüber dem 0:2 gegen Ecuador zwei Wechsel vor: Der frühere Nürnberger Bartosz Bosacki rückte für Mariusz Jop in die Abwehr, Stürmer Ireneusz Jelen spielte an Stelle von Miroslaw Symkowiak im Mittelfeld.

Ballack stand häufig sehr tief und hatte Mühe, entscheidende Akzente zu setzen. Dies lag auch an den Polen, die wie erwartet sehr entschlossen und aggressiv in die Zweikämpfe gingen und der deutschen Mannschaft kaum Platz zur Entfaltung ließen. Erst nach einem 16-Meter-Schuss von Maciej Zurawski, den Jens Lehmann sicher festhielt (9.), kam auch die DFB-Auswahl zur ersten großen Chance. Polens Torhüter Artur Boruc parierte aber glänzend gegen Miroslav Klose, den Ballack geschickt freigespielt hatte (10.).

Klose war es auch, der rund zehn Minuten später den Führungstreffer fast schon fahrlässig vergab. Nach einer gut getimten Hereingabe von Philipp Lahm, der ausnahmsweise mit dem schwachen linken Fuß flankte, stieg der Bremer völlig unbedrängt am Fünf-Meter-Raum hoch, sein Kopfball strich aber knapp am langen Pfosten vorbei (21). Beinahe nach demselben Muster vergab kurz vor dem Pausenpfiff Kloses Angriffspartner Lukas Podolski eine flache Vorlage von Lahm: Er zielte knapp am Tor vorbei (45.+1).

In der zweiten Halbzeit brachte nach einem gefährlichen Schuss von Klose (57), den erneut Boruc parierte, erst ein Personalwechsel neuen Schwung. Klinsmann erlöste Friedrich und setzte mit der Hereinnahme von David Odonkor ein Zeichen für noch mehr Offensive.

Der Flügelflitzer von Borussia Dortmund machte über die rechte Seite mächtig Dampf und bereitete den Siegtreffer vor. In der zunehmend turbulenten Schlussphase drängte die DFB-Auswahl auf die Entscheidung: Auch der starke Lahm und der für Podolski eingewechselte Neuville scheiterten aber an Boruc im polnischen Tor (80.). Erst durch Neuville erreichte der Ball endlich sein Ziel: das gegnerische Tor.

"Der Zusammenhalt in der Truppe auf und außerhalb des Platzes ist sensationell, da ist man als Trainer stolz und glücklich", sagte Klinsmann über seine Mannschaft und ergänzte: "Wie sie heute gespielt haben, das war wirklich beispielhaft." Kapitän Ballack war ebenfalls erleichtert: "Wir haben gut gestanden und immer wieder Druck nach vorne entwickelt. Dass das Tor spät fällt, ist natürlich glücklich aber auch hochverdient."

Deutschland - Polen 1:0 (0:0) 
1:0 Neuville (90.+1)
Deutschland: Lehmann - Friedrich (64. Odonkor), Mertesacker, Metzelder  Lahm - Schneider, Frings, Ballack, Schweinsteiger (77. Borowski) - Klose, Podolski (71. Neuville)
Polen: Boruc - Baszczynski, Bak, Bosacki, Zewlakow (83. Dudka) - Sobolewski, Radomski - Jelen (90. Brozek), Zurawski, Krzynowek (77. Lewandowski) - Smolarek
Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 65 000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Odonkor, Ballack, Metzelder / Krzynowek, Boruc
Gelb-Rote Karte: Sobolewski (75./wiederholtes Foulspiel)

mig/sid

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