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Knapper DFB-Sieg gegen Algerien Wandeln am Abgrund

Die deutsche Nationalmannschaft hatte beim 2:1 im WM-Achtelfinale gegen Algerien große Probleme. Die Defensive zeigte erschreckende Defizite, die Offensive vergab beste Chancen. Doch Bundestrainer Löw wird sein System wohl nicht ändern.

Der Fanklub Nationalmannschaft feierte noch bis in die Nacht in einem Steakhaus nahe der WM-Arena von Porto Alegre. Als Ehrengast war Comedian Tom Gerhardt geladen, es wurde gesungen und zugeprostet, als ob die DFB-Elf in ihrem Achtelfinale gegen Algerien einen triumphalen Auftritt hingelegt hätte.

Feierstimmung hatten zuvor im Stadion eher die in der Verlängerung 1:2 unterlegenen Nordafrikaner verbreitet. Die Verlierer wurden vom Publikum mit Sprechchören bejubelt, die Gewinner schlichen eher betreten vom Feld. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat das Viertelfinale erreicht. Aber die Art und Weise, wie die DFB-Elf dem Turnier-Aus entkommen ist, wird in den nächsten Tagen noch viel diskutiert werden.

Eine über weite Strecken an der Grenze zur Überforderung agierende Verteidigung und eine Offensive, die hochkarätige Chancen ausließ - wie ein Turnierfavorit präsentierte sich die Mannschaft von Trainer Joachim Löw gegen die leidenschaftlich kämpfenden und spielenden Algerier nur in einigen Passagen. Löw wollte das anschließend aber nicht so gelten lassen. "Probleme haben wir nur in der ersten Halbzeit gehabt", befand er nach der Partie, danach habe sein Team das Spiel beherrscht: "man kann ja wohl nicht besonders schlecht gespielt haben, wenn man sich acht, neun Riesenchancen erarbeitet."

Mustafi mit seiner Aufgabe überfordert

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Es stimmt: Das DFB-Team hätte das Spiel bei einer effektiven Chancenauswertung früher entscheiden können. Genauso wahr ist allerdings auch: Niemand hätte sich beschweren können, wenn der Außenseiter früh in Führung gegangen wäre. Die Algerier überraschten die DFB-Deckung immer wieder mit schnellen Angriffen über die Flügel. Es hat sich bei den deutschen Gegnern herumgesprochen, wie verwundbar das Team über außen ist, weil mit Benedikt Höwedes und in diesem Fall Shkodran Mustafi Verteidiger stehen, die es einfach nicht gewohnt sind, regelmäßig an der Linie zu spielen.

Mustafi musste den kurzfristig wegen Grippe ausgefallenen Mats Hummels ersetzen und war mit der Aufgabe, den rechten Flügel abzudecken, schlicht überfordert. Dass er sich später auch noch einen Muskelbündelriss zuzog, war der Tiefpunkt eines gebrauchten Tages.

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Der Bundestrainer meldete aber auch hier seine eigene Sicht der Dinge an. "Der Musti hat seine Sache ordentlich gemacht", sagte Löw. Fehler, die sein Team gemacht hätte, seien ohnehin weniger der Verteidigung anzulasten, sondern dem Mittelfeld, das immer wieder im Aufbau Ballverluste produziert habe. Insgesamt habe sich das System mit vier Innenverteidigern in der Abwehr "bewährt", so Löw.

Ohnehin hatten sich Trainer und Mannschaft offenbar darauf verständigt, nach außen die Parole auszugeben: Alles halb so schlimm, Hauptsache weitergekommen. "Solche Spiele gibt es immer wieder mal im Turnier", sagte Löw. Der Gladbacher Christoph Kramer, in der Verlängerung für den entkräfteten Bastian Schweinsteiger eingewechselt, bescheinigte den Algeriern gar, sie "hätten nur hinten drin gestanden und verteidigt, dann wird es auch gegen eine Kreisliga-A-Mannschaft schwer". Es handelte sich allerdings nicht um einen Kreisligisten, sondern um den WM-Achtelfinalisten Algerien, der selbst in der Verlängerung, als die Reserven längst geschwunden waren, noch große Chancen hatte.

"Wir sind weiter. Alles andere ist wurscht"

Wenn Torwart Manuel Neuer nicht seine Libero-Qualitäten entdeckt und wiederholt durch mutiges Herauslaufen algerische Chancen zunichte gemacht hätte - Tom Gerhardt und dem Fanklub Nationalmannschaft wäre wahrscheinlich nicht zu feiern zumute gewesen.

Per Mertesacker, der gemeinsam mit Nebenmann Jérôme Boateng ebenfalls das eine oder andere Mal in höchster Not zu retten hatte, erkannte immerhin: "Wir haben noch Raum für Verbesserung." Kurz zuvor hatte er jedoch ZDF-Reporter Boris Büchler nach einer kritischen Frage noch angeraunzt: "Wir sind weiter. Alles andere ist wurscht. Sollen wir etwa wieder schön spielen und ausscheiden?"

Stengers Schnellanalyse
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Er traf damit genau den Nerv seines Bundestrainers, der anmerkte: "Wir haben in der Vergangenheit öfter fantastischen Fußball geboten und sind dann ausgeschieden. Man muss nicht fantastisch spielen, sondern gewinnen." Ein Satz, der ein Abschied ist von Überzeugungen, die Löw über Jahre hatte.

Im Viertelfinale am Freitag geht es in Rio de Janeiro gegen die wiedererstarkten Franzosen (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Angreifer André Schürrle, der nicht nur das wunderschöne Führungstor erzielt, sondern nach seiner Einwechslung ohnehin für viel Schwung gesorgt hatte, brachte es auf den Punkt: "Wenn wir am Freitag so spielen wie heute, dann fliegen wir gegen Frankreich raus."

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