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Nationalmannschaft Zwischen außen und draußen

Sebastian Rudy ist in diesem Jahr bereits der neunte Außenverteidiger, den Bundestrainer Joachim Löw eingesetzt hat. Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm probiert er fröhlich aus, doch wirklich zufrieden ist er noch nicht.

Jetzt also Sebastian Rudy. Ob Joachim Löw selbst noch weiß, wen er in seiner Zeit als Bundestrainer alles auf den Außenverteidigerpositionen schon ausprobiert hat? Die Auflösung: Rudy, der gegen Schottland auf rechts agieren durfte und dies auch ganz ordentlich tat, ist allein in diesem Jahr der neunte Nationalspieler, der sich als Außenverteidiger präsentieren durfte. Und das Casting wird weitergehen.

"Ich werde in den kommenden Wochen einfach mal nachschauen, wer in der Liga auf diesen Positionen spielt und eine gute Form hat", so Löw nach dem Schottland-Spiel: "Und dann werde ich sicherlich noch einiges auf dieser Position probieren." Der Bundestrainer hat bisher noch nicht viel Vertrauen in die Fähigkeiten der nominellen Außenverteidiger in der Bundesliga.

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien stellte er in der Vorrunde lieber vier Innenverteidiger in die Abwehrreihe, die im Turnier-Kader für Außen vorgesehenen Erik Durm und Kevin Großkreutz von Borussia Dortmund saßen die Weltmeisterschaft auf der Ersatzbank ab. Ihr Vereinskollege Marcel Schmelzer war schon zuvor aus dem vorläufigen Aufgebot rausgeflogen.

"Ich habe gesehen, wie ballsicher er war"

Jetzt, zum Auftakt der EM-Qualifikation, bot er mit Rudy einen Spieler auf, der sich vermutlich nur dunkel daran erinnern kann, überhaupt einmal auf dieser Position aufgelaufen zu sein. Löw behauptete anschließend zwar, Rudy habe "schon mehrfach auf rechts hinten gespielt", während seiner Hoffenheimer Zeit, die jetzt immerhin auch schon vier Jahre währt, war das aber nie der Fall.

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Deutschland gegen Schottland: Das Außenverteidiger-Roulette

Foto: Federico Gambarini/ dpa

"Ich habe ihn im Training bei uns beobachtet und habe gesehen, wie ballsicher er ist", begründete Löw seine Entscheidung. Tatsächlich gab Rudy dem Spiel in der Offensive durchaus Impulse, aber seine Defizite in der Verteidigungsarbeit traten nicht nur beim schottischen Ausgleichstor zu Tage. Löws anschließendes Lob - "ich war sehr zufrieden mit seinen Ansätzen" - klang denn auch leicht vergiftet.

In jedem Fall hat der Hoffenheimer bessere Karten als BVB-Spieler Großkreutz, der sich in der Vorwoche gegen Argentinien (2:4) mehr oder weniger erfolglos auf hinten rechts ausprobierte. "Großkreutz ist wertvoll, weil man ihn flexibel einsetzen kann", fing Löw auch bei ihm mit einem Lob an, aber: "Ich gehe davon aus, dass er auch bei Borussia Dortmund künftig nicht mehr als Außenverteidiger spielen wird." Das klingt das wie: Er hatte seine Chance, er hat sie nicht genutzt, das Thema ist jetzt abgehakt.

Zwei Freiburger und ein Stuttgarter im Gespräch

Die nächsten Anwärter für den Job auf dem Flügel brachte Löw auch gleich ins Gespräch: Die beiden Freiburger Oliver Sorg und Christian Günter gehören dazu, vor allem aber der junge Stuttgarter Antonio Rüdiger, der sich bei seinem Kurzeinsatz gegen Argentinien sogar Sprechchöre abholte. Sie werden wohl im Herbst ihre Chancen beim Außenverteidiger-Roulette erhalten.

Eine Dreierkette in der Abwehr, so wie sie zum Beispiel Josep Guardiola beim FC Bayern schon hat spielen lassen, wird es bei Löw dagegen vorerst nicht geben. Der Bundestrainer befürchtet, dass seine "Offensivspieler auf den Flügeln dann zu sehr nach hinten arbeiten müssen und an Qualität vorne einbüßen." Verklausuliert traut er Spielern wie Marco Reus, André Schürrle, Mesut Özil oder Lukas Podolski eine so konsequente Arbeit nach hinten nicht zu. Und er kennt diese Spieler sehr genau.

Philipp Lahm: Das ist einer, den man besten Gewissens sowohl links als auch rechts einsetzen konnte. Aber Lahm ist nicht mehr da, sein Abgang in der Nationalmannschaft hat aus einem Problem auf einer Abwehrseite gleich zwei gemacht.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann vor der EM 2016 die ersten Versuche aus der Öffentlichkeit kommen werden, Lahm zu einer Rückkehr zu bewegen. Löw weiß, dass das erfolglos sein wird. Lahm ist zu schlau, um sich umstimmen zu lassen und als dann 32-jähriger Außenverteidiger bei dem Turnier eventuell den jungen Stürmern hinterherlaufen zu müssen.

Lahm wird nicht zurückkommen. Also wird weiterprobiert. Von Rudy bis Rüdiger.

Deutschland - Schottland 2:1 (1:0)
1:0 Müller (18.)
1:1 Anya (66.)
2:1 Müller (70.)
Deutschland: Neuer - Rudy, Höwedes, Boateng, Durm - Kramer, Kroos - Müller, Reus (90.+2 Ginter), Schürrle (83. Podolski) - Götze
Schottland: Marshall - Hutton, Hanley, R. Martin, Whittaker - D. Fletcher (58. McArthur), Mulgrew - Anya, Morrison, Bannan (58. S. Fletcher) - Naismith (82. Maloney)
Schiedsrichter: Moen (Norwegen)
Zuschauer (in Dortmund): 60.209
Gelb-Rote Karte: Mulgrew (90.+3) wegen unsportlichen Verhaltens
Gelbe Karten: Durm, Müller - Hanley, Morrison

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