DFB-Remis gegen Argentinien Doppelt sinnlos

Unter normalen Umständen wäre eine verspielte 2:0-Führung für die deutsche Nationalmannschaft ärgerlich. Doch an einem Tag mit einer antisemitischen Attacke ist nichts normal. Eine Absage wäre richtig gewesen.

Kapitän Joshua Kimmich und die deutsche Nationalmannschaft
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Kapitän Joshua Kimmich und die deutsche Nationalmannschaft

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Der neue DFB-Star: Luca Waldschmidt kam in 90 Minuten auf einen Torschuss. Robin Koch verschätzte sich als zentraler Abwehrspieler beim Gegentreffer von Lucas Alario. Die Debütanten der deutschen Nationalmannschaft reihten sich grundsätzlich gut ein, reelle EM-Chancen haben die beiden Freiburger jedoch nicht. Bei anhaltender Gesundheit sicher dabei sein wird jedoch Serge Gnabry. In seinem elften Länderspiel erzielte der Münchner sein zehntes Tor, war an vielen Offensivaktionen beteiligt und unterstrich seine herausragende Form.

Das Ergebnis: Das DFB-Team führte mit zwei Toren, am Ende reichte es doch nur zu einem 2:2 (2:0). Lesen Sie hier den Spielbericht.

Die Schweigeminute in Dortmund wurde von dieser Anzeige untermalt
Ina FASSBENDER/AFP

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Schweigeminute statt Absage: An einem Tag, an dem bei einer vermutlich rechtsextremen und antisemitischen Attacke in Halle zwei Menschen sterben, sollte jedes Fußballspiel, jede größere Sportveranstaltung in Deutschland abgesagt werden. Solch eine Absage hätte einen hohen symbolischen Wert. Der DFB, vor knapp vier Jahren mit der Nationalmannschaft selbst Ziel eines terroristischen Attentats, entschied sich - wenig überraschend - vor dem Test gegen Argentinien stattdessen für eine Schweigeminute. Dabei tendierte der sportliche Wert angesichts der vielen Spielerabsagen auf beiden Seiten gen null.

Weltmeisterfreie Zone: Der Albiceleste fehlten unter anderem Lionel Messi, Ángel di María und Sergio Agüero. Bundestrainer Joachim Löw trat erstmals seit dem Gewinn des WM-Titels 2014 in Brasilien ohne einen Spieler aus dem WM-Kader an. Neben zahlreichen Stammspielern fiel auch kurzfristig der eingeplante Debütant Niklas Stark aus und wurde durch den nächsten Debütanten Koch ersetzt. Für den Freiburger wird das wie für Waldschmidt ein unvergesslicher Abend gewesen sein - aber im Hinblick auf die EM 2020 bot dieses Spiel kaum Erkenntnisse. Das sahen auch die Zuschauer in Dortmund bei Eintrittspreisen von zehn bis 100 Euro so. So leer war das Stadion zuletzt bei der BVB-Saisoneröffnung 2018.

"Halt die Fresse": 42.000 Zuschauer füllten das Westfalenstadion zu zwei Dritteln, darunter war ein Unverbesserlicher. Während der Schweigeminute stimmte dieser Zuschauer mit "Einigkeit und Recht und Freiheit" die ersten Klänge der deutschen Nationalhymne an, wurde aber umgehend von einem anderen Fan zur Räson gebracht.

Erste Hälfte: Bei aller Kritik am sportlichen Wert solcher Testspiele im Oktober zeigte das DFB-Team überzeugenden Offensivfußball. Nach schöner Vorarbeit von Lukas Klostermann erzielte Gnabry die Führung, wenig später wurde das ebenfalls im Umbau befindliche argentinische Team ausgekontert. Klostermann eroberte den Ball, passte rechts hinaus auf Gnabry und der Münchner legte quer für den durchgestarteten Kai Havertz, der sein erstes Länderspieltor erzielte (22.). Marcel Halstenberg traf mit einem Freistoß noch die Latte (31.), auf der anderen Seite testete Rodrigo de Paul mit einem Weitschuss auch die Standfestigkeit des Dortmunder Aluminiums (33.).

Martin Meissner/AP

Zweite Hälfte: Der argentinische Nationaltrainer Lionel Scaloni wechselte insgesamt fünfmal, sein Team wurde dadurch deutlich besser. Gleichzeitig unterliefen der deutschen Mannschaft mehr Fehler in der Defensive. Ausdruck dieser Veränderung war der Anschlusstreffer des eingewechselten Leverkusener Stürmers Lucas Alario (66.). In der Schlussphase wurde die Überlegenheit der Albiceleste immer größer. Alario bereitete auch den Ausgleich durch Lucas Ocampos vor (85.).

Erkenntnis des Spiels: Tja. Die Zufriedenheit auf Seiten des Bundestrainer wird angesichts der Leistung im ersten Durchgang stattlich sein. Doch Marco Reus, Leroy Sané, Toni Kroos, Leon Goretzka, Nico Schulz, Julian Draxler, Timo Werner und Ilkay Gündogan werden nach und nach zurückkehren. Und erst dann wird im kommenden Jahr die EM-Formation gefunden werden.

Deutschland - Argentinien 2:2 (2:0)
1:0 Gnabry (16.)
2:0 Havertz (22.)
2:1 Alario (66.)
2:2 Ocampos (85.)
Deutschland: Ter Stegen - Süle, Koch, Can - Klostermann, Kimmich, Havertz (83. Rudy), Halstenberg - Gnabry (72. Serdar), Waldschmidt, Brandt (67. Amiri)
Argentinien: Marchesín - Foyth, Otamendi, Rojo (46. Acuna), Tagliafico - Paredes, - Pereyra (76. Saravia), Correa (46. Ocampos), de Paul (90.+3 Rodriguez) - Dybala (62. Alario), Martínez
Schiedsrichter: Turpin
Gelbe Karten: Kimmich - Otamendi, de Paul, Ocampos
Zuschauer: 45.197

insgesamt 60 Beiträge
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naeggha 09.10.2019
1. nicht Absagen!
Eine Absage hätte dem Anschlag doch nur eine noch größere Plattform geboten. der mann gehört hinter Gitter und zwar für immer. Allerdings muss nicht die ganze Welt politisiert werden. So wie die Presse den Fall medialisiert, ist mit Nachahmern zu rechnen.
slowboarder 09.10.2019
2. Absage ja oder nein
bei allem Respekt vor den Opfern: eine Absage des Spiel wäre das falsche Signal an dein bzw die potentiellen Täter der Zukunft. Wir müssen den Terroristen klar machen, dass ihr Terror uns nicht einschüchtern kann und dass ihr Terror nutz- und wirkungungslos ist.
11erspet 09.10.2019
3. Bedauern über den Anschlag
Bei allem Respekt für die Opfer und meinem Bedauern über den Anschlag bin ich trotzdem oder auch gerade deswegen der Meinung, dass sich nicht immer das ganze öffentliche Leben mit Anschlägen dieser Art beschäftigen sollte. Nur durch eine normale Fortführung des geplanten Lebens zeigen wir den Tätern, dass wir es unbeeindruckt hinnehmen, wenn jemand unseren Alltag stören oder sogar zerstören will. Wir zeigen, dass diese Attentäter und ihre Taten uns nicht beeindrucken und wir unsere Art zu Leben weiterführen werden. Im Übrigen bedauere ich es, dass es bei einer anderen Art von Anschlag vermutlich nicht zur Forderung gekommen wäre, irgendetwas abzusagen (ist aber meine persönliche Vermutung). Ich bin nicht der Meinung, dass wir antisemitische (und ich verwende den Begriff, weil er allgemein verstanden wird, obwohl er komplett falsch ist) stärker, wichtiger oder höher bewerten sollten als andere Anschläge oder Terroraktionen. Jede Form von Agression ist aus meiner Sicht zu verurteilen.
boony 09.10.2019
4. Absage ist keine Methode
Immer wieder denken Menschen, dass eine Absage von Sportereignissen irgendetwas hilft. Das ist völlig erfunden. Noch nie hat es geholfen....lasst die Leute spielen. Die zwei Dinge haben nichts miteinander zu tun. Denk mal nach.
blue_surfer77 09.10.2019
5. Besser noch: Alle Spiele für immer absagen.
So traurig es ist, aber dann müsste man auch jedes Wochenende die Bundesliga absagen, denn irgendetwas passiert immer. Insofern ist dieser Vorschlag des Autors, Spiel absagen, schon reichlich merkwürdig.
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