Nationalmannschaft gegen Georgien Sturmfreie Bude

Bundestrainer Joachim Löw macht zu Beginn dieses Länderspieljahres den Schnitt: Die Nationalmannschaft wird auf weiteres ohne klassischen Stürmer antreten. Für Mario Gomez ist das keine gute Nachricht.

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So offensiv hatte Joachim Löw die Georgier nicht erwartet. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel bestürmten Journalisten aus dem Kaukasus den Bundestrainer für Händedrücke und gemeinsame Selfies, Löw kam in die seltene Situation, dass ihm von Reportern der Gegenseite Präsente überreicht wurden.

Dabei soll die Reise nach Tiflis doch eigentlich dazu dienen, die Offensivqualitäten der deutschen Gäste unter Beweis zu stellen. Schließlich erwarten nicht nur die Fans in der Heimat, sondern ganz augenscheinlich auch die Georgier selbst so etwas wie ein Schützenfest in der EM-Qualifikationspartie am Sonntag (18 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ob denn in Tiflis wieder ein 16:0 für Deutschland vorstellbar war, wurde Löw von georgischer Seite gefragt, eine Frage, die dem Bundestrainer eher unangenehm war.

16:0 - das ist immer noch der höchste Sieg einer deutschen Nationalmannschaft, er datiert aus dem Jahr 1912, der Gegner hieß Russland, und der Karlsruher Gottfried Fuchs erzielte damals zehn Treffer. "Ein Vergleich mit solchen Ergebnissen ist wenig hilfreich", befand Löw - nicht nur deswegen, weil solche Typen wie Fuchs, die vorne drin standen und den Ball versenkten, bei dem Bundestrainer ohnehin nicht mehr gefragt sind.

Gegen Georgien gelten Kruse und Götze als Stürmer

Zum Qualifikationsspiel gegen Georgien reist der Bundestrainer mittlerweile komplett ohne echten Stürmer an. Nominell sind der Gladbacher Max Kruse und Bayerns Mario Götze als Angreifer aufgeboten, aber beide reihen sich eher in die Serie offensiv begabter Mittelfeldspieler ein. Auch Kruse und Götze sind keine Spieler, die sich vorzugsweise im gegnerischen Strafraum tummeln, sie rochieren, holen sich die Bälle an der Mittellinie, lassen sich zurückfallen - genau wie die Anderen in Löws Offensivkonzept, ob Marco Reus, Mesut Özil, André Schürrle, Lukas Podolski, Karim Bellarabi oder Thomas Müller.

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"Wir haben mittlerweile andere Spielertypen im Angriff, den klassischen Stürmer gibt es nicht mehr", hat Löw noch einmal sein Offensiv-Credo formuliert, und in Florenz gibt es jemanden, der dort genau hingehört haben wird.

Mario Gomez hat jahrelang zum festen Bestandteil dieses Teams gehört, er hat in 60 Länderspielen 25 Tore für Deutschland erzielt, bei der EM 2012 hat er mit seinen Treffern fast im Alleingang dafür gesorgt, dass das DFB-Team die schwere Gruppenphase überstand. Zuletzt hat er, von einer Verletzung zurückgekehrt, gleich zwei Treffer für seinen Verein AC Florenz erzielt, aber beim Bundestrainer genießt die Personalie Mario Gomez nur noch nachrangige Priorität.

Der Abgesang auf Gomez scheint angestimmt

"Der Mario ist immer noch bei uns im Blickfeld", sagt Löw, und: "wenn Mario Gomez in Topform ist, wird er für uns eventuell auch ein Thema für die EM 2016 sein." Das klingt alles schon sehr nach Abgesang. Das Problem von Mario Gomez ist, dass er zu sehr aufs Toreschießen fixiert ist. Eigentlich sollte man denken, dass das im Zielspiel Fußball eher förderlich ist, aber Löw sind andere Qualitäten wichtiger.

Gomez ist ihm einfach in seiner Spielanlage, in seiner Konzentration auf den Strafraum, zu unmodern. Einer, für den Defensivarbeit zu weit weg ist, der zudem Probleme mit flüssigem Kombinationsspiel hat. Löws Glaubensbekenntnis heißt Flexibilität - und das ist eine Eigenschaft, die Gomez nicht erfüllt. Da greift der Bundestrainer lieber auf Kruse zurück, der im Verein seit Oktober nicht mehr aus dem Feld getroffen hat. Aber einer ist, für den Mittelfeldspiel, das Arbeiten nach hinten, keine Fremdworte sind.

Löw hat Gomez im Vorjahr vor der WM vorzeitig aus seinem Kader für Brasilien gestrichen, unnötig schnell, wie viele sagen. Der ehemalige Stuttgarter und Münchner war damals gerade dabei, sich nach langer Verletzung zurückzuarbeiten. Er selbst glaubt, er hätte es noch rechtzeitig zur WM geschafft, in Form zu kommen. Aber das hat Löw nicht besonders interessiert.

2015 wird für den Bundestrainer das Jahr, in dem er konsequent wie nie die Abkehr vom alten Sturm-Konzept hin zur flexiblen Offensivreihe geht. Der alte Löw-Stürmer Miroslav Klose ist zurückgetreten, diesen Moment hat Löw, der Klose so unendlich vertraut hat, noch abgewartet. Jetzt baut er an seinem Modell einer Nationalmannschaft von vielseitig einsetzbaren Spielern, die die alten Grenzen zwischen Abwehr, Mittelfeld und Sturm aufheben.

Von daher hatten und haben auch der Leverkusener Stefan Kießling und der Frankfurter Alexander Meier bei Löw keine Chance. So treffsicher sie in der Liga auch waren (Kießling) und sind (Meier) - ihr Spiel ist dem Bundestrainer zu statisch.

Für Gomez hält Löw noch den Satz bereit: "Er besitzt großartige Fähigkeiten im Sechzehner." Nach der Philosophie des Bundestrainers ist das kein Kompliment.

Zusammengefasst: Joachim Löw baut die Nationalmannschaft in seinem Sinne um. So soll es den Stürmer alter Schule nicht mehr geben. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Mario Gomez noch einmal seine Chance bekommt.

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asce414 28.03.2015
1. .....
Mario gomez steht vor einem freien Tor und er schafft es immer noch daneben zu schießen... nicht nur für Deutschland sondern auch für ac Florenz. Es gibt viel stärkere und leistungsfähige Spieler warum sollte Jogi auf so einen Spieler zurück greifen???
tobo5824-09 28.03.2015
2. Knipser werden gebraucht
Man braucht einen abschluss- und kopfballstarken "Brecher" oder "Knipser" vielleicht nicht zwingend für die Startelf. Wohl aber zumindest auf der Bank für Spielsituationen, in denen es darauf ankommt, auch mal mit Flanken oder hohen Bällen aus dem Halbfeld eher "rustikal" zu Werke zu gehen und einem 9er, der so was verwerten kann. Um nicht am Ende ggf. mit leeren Händen dazustehen und 1:2 zu verlieren. Gerade hinsichtlich der Kopfballstärke kann man doch keinen der im Artikel als "offensiv begabten" Mittelfeldspieler besonders hervor heben (am ehesten noch Müller). Kein Wunder, dass man bei Standards auf die "langen" Verteidiger wie Hummels, Boateng und Höwedes hofft. Falls Löw die Option eines "klassischen" Strafraumstürmers ganz aufgibt, wäre das zu kurz gedacht. Sogar die Bayern gönnen sich ein solches Knipser-Backup auf der Bank. Nicht umsonst hat Guardiola kürzlich Pizarro als "unseren besten Stürmer im Strafraum" bezeichnet (wie Lewandowski sich dabei vorgekommen ist, ist nicht bekannt). http://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2015/03/trainer-des-fc-bayern-deutet-einsatz-von-pizarro-an
walter13 28.03.2015
3. noch Hoffnung
Ich finde das jedenfalls toll, wenn der Trainer des Weltmeisters im Interview betont, dass er fest daran glaubt, dass die Mannschaft den Gegner Georgien schlagen kann !! (den 126.) ....
Binideppert? 28.03.2015
4. Wir haben...
... genug Filigrantechniker, die immer noch eine Girlande dranhängen und torlos in Schönheit sterben (und Häme und Spott ertragen müssen: "What humans see - what Özil sees"). Es gibt viele Situationen, in denen der Torwart nur abklatschen kann oder der Abwehrspieler den Ball nicht aus den 16er bekommt. Und da steht im Strafraum fast nie einer, der den zweiten Ball verwerten könnte. Das ärgert mich bei der Nationalelf und erst recht beim FC Bayern. Aber das ist ja unmodern!
ttvtt 28.03.2015
5. Alte Muster
Löw gräbt wieder seine alten Ideen aus, schon macht es mir wieder keinen Spass. Und die Ansagen an Gomez sind von Löw mal wieder typisch.
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