Niedergeschlagene Nationalmannschaft "Jeder hätte gerne gegen uns gespielt"

Manuel Neuer wirkte nach der WM-Pleite fast schon erleichtert - und wie seine Kollegen ratlos. Immerhin: Die Mannschaft will mit Bundestrainer Löw weitermachen.
Manuel Neuer

Manuel Neuer

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Man muss den deutschen Nationalspielern zugutehalten, dass es selbst nach einem normalen Länder- oder Bundesligaspiel schwierig ist, treffende Analysen in die Mikrofone zu sprechen. Wie soll das erst nach dem historischen WM-Aus des DFB-Teams gelingen? Nach einem Ergebnis, das kühnste Pessimisten nicht für möglich gehalten hätten, das es in der Geschichte des vierfachen Weltmeisters noch nie gab.

Die Spieler machten nach der 0:2-Niederlage gegen Südkorea einen ratlosen Eindruck, so wie sie es über weite Strecken des Turniers in Russland getan haben. Erst recht gegen Südkorea, den vermeintlich schwächsten Gegner in dieser Gruppe. Als erster Spieler verließ Kapitän Manuel Neuer die Kabine und brachte seine Enttäuschung auf den Punkt:

"In keinem der Spiele hat man eine deutsche Mannschaft gesehen, vor der man Angst oder Respekt haben musste", sagte Neuer. "Jeder Gegner hat auf unsere Fehler gewartet. Und sie wussten, dass sie ihre Chancen bekommen werden." Dabei brauchten die Südkoreaner, anders als Mexiko und Schweden in den ersten beiden Gruppenspielen, verhältnismäßig lange, um die Chance auf den Sieg zu realisieren. Wenn das Team von Trainer Shin Tae Yong früher damit begonnen hätte, die vielen Konter mit mehr Mut zu Ende zu spielen, hätte es für das deutsche Team sogar ein Ergebnisdebakel werden können.

"Jeder hätte gerne gegen uns gespielt"

"Wir waren zu langsam und zu lethargisch", analysierte Neuer weiter - ohne eine Begründung für die Lethargie nennen zu können. "Selbst wenn wir weitergekommen wären, hätte doch jeder gerne gegen uns gespielt." Gegen Deutschland, gegen den Mythos der Turniermannschaft, gegen ein Team, das gegen Schweden vor wenigen Tagen doch gezeigt hatte, dass es selbst bei schwacher Leistung in der Lage ist, entscheidende Tore zu erzielen.

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Doch was dem Titelverteidiger Zuversicht und den Glauben an die eigene Stärke hätte wiedergeben müssen, verpuffte wie nahezu jeder Eckball in den drei Partien. "Wir haben das positive Gefühl aus dem Schwedenspiel nicht rübergebracht", sagte Toni Kroos, der als entscheidender Torschütze ganz besonders selbstbewusst hätte auftreten müssen. Doch: "Dafür war die erste Halbzeit zu leblos. Man hatte nie das Gefühl, dass es für uns ein Finale ist", sagte Kroos weiter.

Ein Finale hatte die Mannschaft vor vier Jahren, gewann es 1:0 gegen Argentinien und damit den vierten deutschen WM-Titel. Neun Weltmeister standen 2018 noch im Kader, alle immer noch im besten Fußballeralter - und doch war das eines der großen Rätsel dieser Mannschaft. Bis auf Matthias Ginter, der in Russland keine Minute spielte, trugen die anderen acht allesamt Probleme mit sich herum. Seien es Verletzungen, Formschwächen oder wie bei Mesut Özil eine öffentlich geführte Debatte über Heimat und Körpersprache.

Zwei Generationen, keine Harmonie

Und dann ist da noch ein Riss innerhalb der Mannschaft, den niemand bestätigen will - der sich aber nicht wegdiskutieren lässt. Bundestrainer Joachim Löw schaffte es nicht, aus den Weltmeistern auf der einen und der Generation der Confed-Cup-Sieger 2017 auf der anderen Seite eine harmonische Einheit zu formen. Wenn die Routiniers, Neuer sei hier ausgeklammert, nicht ihre gewohnte Leistung zeigen können und die jungen Spieler in deren Fahrwasser gehemmt wirken, kann kein funktionierendes Gefüge entstehen. "Wir haben es nicht geschafft, so zu reagieren, dass wir wieder die Mannschaft sind, die wir mal waren", sagte Sami Khedira, ein Vertreter der ersten Fraktion.

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Julian Draxler, als Weltmeister und Confed-Cup-Sieger ein Hybrid, wollte die These von der fehlenden Harmonie nicht bestätigen: "Darauf habe ich keine Antwort." Und sagte dann doch noch einen entlarvenden Satz. "Wir haben es nicht geschafft, zu vermitteln, dass wir Spaß an der Sache haben." Kein Spaß? Bei einer Weltmeisterschaft? Das wird wiederum den deutschen Fans nur schwer zu vermitteln sein.

Fragen zur Zukunft der Nationalmannschaft wurden, auch hier kein Vorwurf an die Spieler, ausweichend beantwortet. "Es gibt von Turnier zu Turnier Veränderungen", sagte Kroos. "Wie groß die dieses Mal sein werden, muss man sehen." Falls Spieler über einen Rücktritt nachdenken, wird das erst in den kommenden Tagen publik werden. Das Verhältnis zu Löw scheint aber intakt zu sein. "Es werden alle 23 Spieler sagen, dass wir den Weg des Bundestrainers gut finden", sagte Mats Hummels.

Löw selbst ließ seine Zukunft an diesem schmachvollen Abend offen.

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