DFB-Allzweckwaffen Ginter und Can Nicht mittendrin, aber auch nicht außen vor

Matthias Ginter gehört seit Jahren zum DFB-Kader, auch Emre Can hat sich etabliert. Nur ins Herz des Teams haben sie es noch nicht geschafft. Werden sie nun zur Lösung auf einer Dauerbaustelle von Bundestrainer Löw?
Aus Seefeld berichtet Peter Ahrens
Matthias Ginter und Emre Can dürfen sich Hoffnungen machen – aber nicht auf ihre Lieblingspositionen

Matthias Ginter und Emre Can dürfen sich Hoffnungen machen – aber nicht auf ihre Lieblingspositionen

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kolbert-press/Christian Kolbert / imago images/kolbert-press

Der Abwehrspieler Matthias Ginter hat gegenüber der Konkurrenz im DFB-Team einen großen Vorteil einzubringen: »Ich verstehe mich ganz gut mit den Schiedsrichtern«, sagt er. Das scheint sich auszuzahlen, in 38 Länderspielen hat er erst zweimal Gelb gesehen, in mittlerweile mehr als 200 Ligaspielen für den SC Freiburg, Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach hat er sich nie eine Gelbsperre eingefangen, von Platzverweisen ganz zu schweigen.

»Ich hatte allerdings schon in zwei Saisons am letzten Spieltag meine fünfte Gelbe Karte gesehen«, sagt er dem SPIEGEL, und er wäre damit eigentlich gesperrt, wenn es nicht der Abschlussspieltag gewesen wäre: »Das war auch gutes Timing von mir«, sagt Ginter. Gutes Timing ist auch keine schlechte Eigenschaft für einen Verteidiger. Es ist nur die Frage, inwieweit ihm das bei er bevorstehenden EM nützt. Einen Platz in der deutschen Defensive zu ergattern, war schon einmal leichter als bei dieser Europameisterschaft.

Ginter spielt im Verein in der Innenverteidigung, das ist sein angestammter Platz, auch sein Lieblingsplatz, den wird er bei dieser EM vermutlich nicht bekleiden können. Mats Hummels und Antonio Rüdiger sind die erste Option, dazu kommt mit Niklas Süle noch ein Spieler, der mit den Bayern regelmäßig in der Champions League spielt. Ginter zählt zwar definitiv zu denen, die man Löw-Liebling nennen darf, er hat in den vergangenen Jahren fast immer gespielt, aber wenn es einen Platz für ihn in der EM-Mannschaft gibt, dann ist es nicht die Abwehrzentrale, sondern die rechte Defensivseite.

Abwehrseiten als Ausweichpositionen

Ein gestandener Innenverteidiger, der nach hinten rechts ausweichen muss – damit ist die Schwäche dieser Mannschaft schon gut beschrieben. Seit Philipp Lahm nicht mehr für den DFB spielt, und das sind jetzt auch schon sieben Jahre, sind zig Texte darüber geschrieben worden, dass die Außenverteidiger-Position die Baustelle dieser Mannschaft ist. Eine Dauerbaustelle. Löw hat zahlreiche Spieler links und rechts ausprobiert, dass er am Ende meist auf den soliden Ginter zurückgreift, einen, der nicht nur lieber, sondern auch besser woanders spielt, sagt viel aus.

Can am Ball, Ginter will ihn erobern

Can am Ball, Ginter will ihn erobern

Foto: imago images/kolbert-press

Zu denen, die mittlerweile Erfahrung darin haben, auf dem Spielfeld hin- und hergeschoben zu werden, gehört auch der Dortmunder Emre Can. Eigentlich ein Mittelfeldspieler, aber auch in der Abwehr einsetzbar. Beim BVB hat er schon als Innenverteidiger ausgeholfen, in der Nationalmannschaft wurde er auf dem Abwehrflügel eingesetzt, links wie rechts. Can ist der Mann für die Lücken, vielfältig einsetzbar, genau das ist sein Problem. »Es kann ein Vorteil sein, aber auch ein Nachteil«, sagt er dem SPIEGEL.

Es sei »nicht immer einfach, sich ständig auf neue Jobs auf dem Platz einzustellen«, sagt er. Wer auf vielen Positionen eingesetzt werden kann, ist nirgendwo so richtig gesetzt. Über seine Rolle bei der EM kann der 27-Jährige nur die Achseln zucken: »Ich habe noch keine Ahnung, was der Bundestrainer mit mir plant.«

Spieler aus dem Mittelbau

Ginter und Can, sie gehören zu dem Mittelbau dieser Mannschaft, immer dabei, aber so richtig zum Kern des Teams vorgedrungen sind sie bisher dennoch nicht. Ginter ist in Brasilien Weltmeister ohne einen Einsatz geworden, die WM 2018 hat er ebenfalls ohne eine Spielminute erlebt, was ihm wahrscheinlich im Nachhinein nicht geschadet hat. Beide haben den Confed Cup 2017 gewonnen, beide sind fester Bestandteil des Kaders, nah dran an der ersten Elf, Roll-on-Roll-off-Startelfspieler.

Ginter sagt: »Ich bin sicher, dass wir im Turnierverlauf nicht nur elf oder 14 Spieler brauchen.« Darin bestehen die Chancen für Leute wie ihn und Can.

Die Abwehrarbeit hat bei Joachim Löw selten so sehr im Mittelpunkt der Turniervorbereitung gestanden wie diesmal, »es muss wieder schwer sein, gegen uns ein Tor zu schießen«, sagt Ginter. Das war es zuletzt nicht.

In welcher Aufstellung man dieses ambitionierte Ziel umsetzen will, ist eher halb offen. Hummels und Rüdiger innen, das scheint klar zu sein. Links hinten darf sich Robin Gosens von Atalanta Bergamo, von dem Löw viel hält, gute Chancen ausrechnen. Dann sind da noch die beiden Leipziger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg, die das Schicksal haben, meistens in einem Atemzug genannt zu werden.

Und für die rechte Seite gäbe es immer noch die Option, mit Joshua Kimmich einen Arrivierten der Mannschaft aus dem Mittelfeld abzuziehen. Der Bayern-Spieler hat allerdings nun sehr lange auf der zentralen Sechserposition gespielt, nicht nur er selbst sieht dort seine Stärke, auf dem Flügel ist er einiger seiner besten Qualitäten beraubt: das Spiel vor sich herzuschieben, mit einem intelligenten Pass in die Spitze das Spiel schnell und für den Gegner gefährlich zu machen. Sein scheidender Münchner Teamkollege Javi Martínez hat Kimmich erst als »besten Sechser der Welt« geadelt. Den dort abziehen? Kaum vorstellbar.

Kimmich hat zudem mittlerweile ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, wenn es darum geht: Wo spielt er? Das ist dann eben der Unterschied zu Ginter oder Can.

Denen bleiben dann nur, solche Fußballersätze zu sagen wie der von Ginter: »Ich versuche, mich im Training anzubieten und mein Bestes zu geben.« Immerhin hat er sich den Klassiker verkniffen: Ich spiele da, wo der Trainer mich hinstellt.

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