Deutschland vs. Argentinien Duell der schnellen Schützen

Ein frühes Tor könnte das Viertelfinale entscheiden. Deutschland und Argentinien haben bei der WM bisher immer dann brilliert, wenn sie schnell in Führung gingen. Und dennoch hat die Löw-Elf einen entscheidenden Vorteil: Sie kennt den Druck, wenn man vor dem Turnier-Aus steht.

REUTERS

Aus Pretoria berichtet


Man glaubt es heute kaum noch, aber auch Argentinien war mal unsicher und der Druck groß. Argentinien war der WM-Favorit vor der WM, wegen Lionel Messi, dem besten Fußballer des Planeten. Wegen dieser unglaublichen Offensivkraft mit Gonzalo Higuaín, Carlos Tévez, Sergio Agüero, Angél di Maria. Aber der Zweifel schien größer als das Talent, der Zweifel war rund, trug Vollbart und stand an der Seitenlinie: Diego Armando Maradona.

Die Mannschaft, so hieß es, würde zwar an seinen Lippen hängen, Maradona sei ihr Idol. Aber konnte er diese Truppe lenken, ihr ein taktisches Konzept geben? Es gab jede Menge Unsicherheit vor der WM und die Furcht, Argentinien könnte sich auch in Südafrika so mühen, wie in der Südamerika-Qualifikation. Die größte Frage war deshalb: Wie würde der große Favorit in die WM starten?

Die Unsicherheit dauerte sechs Minuten, dann köpfte Gabriel Heinze den Ball ins nigerianische Tor.

Am Ende wurde es ein glanzloser Sieg zum Auftakt, aber ein souveräner. Und der Druck war weg. Argentinien schoss in den nächsten drei Spielen neun Tore und steht wie erwartet im WM-Viertelfinale. Gegen Deutschland.

Argentinien hat die Favoritenrolle

Es ist auch vor dem Duell mit dem DFB-Team am Samstag in Kapstadt (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch nicht klar, ob Argentinien wegen Maradona so weit gekommen ist oder trotz seiner Anwesenheit. Aber eines steht fest: Die "Albiceleste" ist immer noch ein großer WM-Favorit. Higuaín führt die Torjägerliste mit vier Treffern an, Tévez hat zweimal getroffen und Messi auch ohne Tor bezaubert. Vier Spiele, vier Siege, erst zwei Gegentore - selbst die Abwehr um Bayern-Profi Martin Demichelis ist stabiler, als man glauben könnte - mit Ausnahme des Aussetzers gegen Südkorea.

Argentinien spielt leicht, mühelos wirkt es, wenn Messi den Ball führt und immer wieder die Eins-gegen-eins-Situationen sucht oder Higuaín zum Doppelpass. Die argentinische Spielanlage kann zentrumlastig wie die der Brasilianer sein und effizient wie die der Holländer, aber sie ist viel variabler. Sie kann sogar altdeutsch sein, abwartend wie gegen die Beton-Griechen, als es eines Demichelis-Treffers in der 80. Minute bedurfte, um zu gewinnen.

Doch das argentinische Spiel braucht auch einen frühen Treffer, um an Schwere zu verlieren. Fünf von zehn Toren fielen in der ersten halben Stunde. Nur im Spiel gegen Nigeria bestätigte die Ausnahme die Regel: Hier führten die Argentinier zwar auch früh, trotzdem kam die Befreiung erst nach dem Abpfiff. Aber vielleicht war es auch der Restdruck? Argentinien muss ja nicht nur gewinnen, sondern dabei auch schön spielen.

Die Gegner haben viel gemeinsam

Es tun sich nicht nur deshalb erstaunliche Parallelen auf zum nächsten Gegner. Denn auch die DFB-Teams seit Jürgen Klinsmann haben das Offensivspiel zur Passion erklärt, Dominanz und Spektakel sollen sich mit abgeklärter Defensivarbeit zu einem Gesamtkunstwerk verbinden.

Auch die deutsche Mannschaft braucht frühe Tore für ihre Leichtigkeit, gerade in wichtigen Spielen, in denen der Druck zunächst beschwert. Das war schon 2008 im EM-Viertelfinale gegen Portugal so, als Deutschland unsicher wirkte, bis Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose nach 26 Minuten zum 2:0 getroffen hatten. Oder gegen Australien im ersten WM-Gruppenspiel - auch dort stand es nach 26 Minuten 2:0. Oder gegen England, als Klose und Podolski trafen. Vier von neun Toren hat das DFB-Team in der ersten halben Stunde erzielt, in beiden Partien wurde es am Ende ein Spektakel mit vier Treffern.

Wie Argentinien hat sich auch das Löw-Team schon einen Sieg erarbeitet, erkämpft. Löws Griechenland hieß Ghana, nach dem 1:0-Erfolg sagte Thomas Müller, dies sei zur Abwechslung mal "ein typisch deutscher Sieg" gewesen. Zweikampfhärte statt Zauberei, Intensität statt Individualität - der Erfolg gegen Ghana war schwerer als der gegen England. Es gibt beim DFB sogar die Meinung, dass das glänzende 4:1 gegen England nur möglich gewesen sei wegen des mühsamen 1:0 zuvor.

Den Druck spüren jetzt die Argentinier

Die Argumentation klingt schlüssig: Deutschland musste im Spiel gegen Ghana nicht nur gegen elf Spieler antreten und die Mehrheit des Stadions, sondern auch gegen die Angst vor dem Aus. Der Druck, der auf den deutschen Nationalspielern lastete, wurde noch erhöht durch den Zeitpunkt des möglichen Scheiterns - noch nie war ein DFB-Team bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden. Gegen England war der Druck nicht mehr neu. Der Klassiker wurde zudem im Vorfeld geschickt relativiert. England bekam die Favoritenrolle, und das Erreichen des Achtelfinales wurde sowohl von Assistenztrainer Hans-Dieter Flick als auch Manager Oliver Bierhoff zum Mindestziel erklärt.

Und hier hören die Parallelen zwischen Argentinien und Deutschland plötzlich auf. Die Südamerikaner treffen auf eine Mannschaft, die schon vor dem Aus stand. Und die Deutschen treffen auf eine Mannschaft, für die ein Aus im Viertelfinale ungefähr so enttäuschend wäre wie ein DFB-Aus in der Vorrunde. Für Argentinien zählt nur der Titel, und beim DFB erklären sie den Gegner natürlich wieder zum Favoriten. Der Druck ist so groß wie nie für die "Albiceleste", für Messi, Higuain, Tévez, Maradona. Ein frühes Tor könnte vieles ändern. Auf beiden Seiten.

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JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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