Konkurrenz in der DFB-Offensive Umbruch mit Sorgfalt

Viel ist in der Nationalmannschaft derzeit von Wechselstimmung die Rede. Dennoch setzt Interimstrainer Marcus Sorg auch gegen Estland auf die eingespielte Mannschaft - und nimmt Härtefälle in Kauf.

Ersatz-Bundestrainer Sorg scheut Experimente
Vasily Fedosenko/REUTERS

Ersatz-Bundestrainer Sorg scheut Experimente

Aus Mainz berichtet


Würde man Pressekonferenzen des DFB in diesen Tagen als Trinkspiel betrachten, bei dem man bei jeder Erwähnung des Wortes "Umbruch" einmal das Glas zu heben hat, würde man derzeit regelmäßig schwankend den Raum verlassen. Umbruch hier, Umbruch dort, Umbruch überall - Wechselstimmung soll bei der Nationalmannschaft in der Luft liegen. Das ist die Botschaft. Ersatzbundestrainer Marcus Sorg verkündet sie momentan, wo er nur kann.

Wechsel - das bedeutet allerdings nicht Rotation. Gegen Weißrussland spielte fast die Mannschaft, die schon im März in Amsterdam gegen die Niederlande auflief, und auch in der Qualifikationspartie gegen Estland am Abend in Mainz (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) setzt Sorg "auf eine gewisse Stabilität". Was für Serge Gnabry, Leroy Sané und Marco Reus bedeuten dürfte, dass sie wieder die Offensive bilden. Und andere erneut zuschauen, die sich genauso große Hoffnungen auf Einsätze gemacht haben.

Viel wird daher zurzeit über Timo Werner geredet, der vor einem Jahr noch der große Hoffnungsträger im Sturm war und jetzt hintenansteht. Aber man könnte genauso über Kai Havertz, den hochveranlagten Leverkusener, seinen zu Dortmund wechselnden bisherigen Teamkollegen Julian Brandt oder Bayerns Leon Goretzka sprechen. Oder über den Weltmeister Julian Draxler, der beim Confed Cup vor zwei Jahren der DFB-Kapitän war und im Moment bestenfalls Ergänzungsspieler.

Fast schon wieder ein Überangebot

Der DFB produziert derzeit eine Menge Härtefälle, was für die Betroffenen nicht schön ist. Für den Verband aber ein eher gutes Zeichen. Es gibt wieder eine größere Auswahl an Offensivkräften. Die Situation ist fast schon wieder so wie in den guten Tagen der Ära Joachim Löw, als er von Spiel zu Spiel entscheiden musste, wen er nun aufstellt, weil sich so viele aufdrängten: Mario Götze, Thomas Müller, Miroslav Klose, Mesut Özil, Marco Reus, André Schürrle gar.

Nun haben Löw und Sorg eine ähnliche Ausgangssituation, ein Spiel gegen die Esten wäre normalerweise eine gute Gelegenheit, auch den Anderen eine Chance zu geben. Julian Brandt zum Beispiel, der in seinen öffentlichen Äußerungen keinen Hehl daraus macht, dass er sich eine Führungsrolle in der Nationalmannschaft zutraut. Oder Goretzka, der beim FC Bayern ohne Scheu vor großen Namen den Konkurrenzkampf aufgenommen hat.

Aber die Nationalmannschaft ist nach den Tiefschlägen der vergangenen Saison argwöhnischer geworden, defensiver in ihrem Auftreten. Lieber die Spieler noch einmal bringen, die in den vergangenen Spielen überzeugt haben, die bewiesen haben, dass sie miteinander funktionieren. Lieber erst einmal die Qualifikationspunkte in Sicherheit bringen. Zeit fürs Ausprobieren, fürs Rotieren, besser ein anderes Mal. Es ist auch der Abschied, oder besser die Auszeit von einer gewissen Selbstsicherheit, die beim DFB in den Vorjahren in Hochmut umgekippt war.

Sogar das Wort Stammelf kursiert

Insofern wird der Konkurrenzkampf derzeit zwar ausgerufen, es wird gesagt, dass sich keiner seines Platzes sicher sein, aber gehandelt wird eher vorsichtiger. Sorg hat in den Vortagen sogar ein, zwei Mal das Wort Stammelf in den Mund genommen, das gab es lange Zeit nicht mehr.

In vielen Medien fokussiert sich dieses Thema gerade auf Timo Werner. Was auch daran liegt, dass seine Situation im Verein ungeklärt ist. Ein Wechsel zum FC Bayern galt vielen als ausgemacht, die Münchner scheinen ihr Interesse zurzeit aber mehr auf Werners Offensivkollegen beim DFB, Leroy Sané, verlagert zu haben. Werner ist nicht mehr ganz die heiße Ware aus dem Vorjahr, trotz einer guten Saison bei RB Leipzig. Sorg hat sich vor dem heutigen Spiel noch einmal vor seinen Stürmer geworfen: Werner habe "fantastische Leistungen gezeigt", er bleibe "in jedem Fall ein fester Bestandteil dieser Mannschaft". Nur nicht der derzeit bevorzugten ersten Elf.

Wenn so viel von Konkurrenz und Wechsel gesprochen wird, dann darf sich auch Joachim Löw nicht wundern, wenn er in diesen Zusammenhang gerät: Nach einer am Dienstag veröffentlichten aktuellen "Kicker"-Umfrage haben nur 38 Prozent der Bundesligaprofis Löw als den noch richtigen Mann als Chefcoach der Nationalmannschaft bezeichnet. Ebenfalls 38 Prozent sprachen sich gegen Löw aus, und immerhin 24 Prozent hatten dazu keine Meinung. Das ist eben auch unter einer Umbruchsituation zu verstehen.



insgesamt 8 Beiträge
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Nonvaio01 11.06.2019
1. tja
voellig falsch find eich das. Gegen teams wie Estland sollte man experimentieren, gewinnen tun wir eh...also warum nicht testen? Wenn man immer mit den gleichen spielt wird sich nichts aendern.
chaosimall 11.06.2019
2. Es ist doch verständlich,
dass der Assistenztrainer die Spiele gewinnen und nicht rumexperimentieren will. Das muss dann wieder der Chefcoach machen und wird es auch. Aber vielleicht kommt es ja in Halbzeit zwei. Also, erst nach dem Spiel urteilen!
kreisklasse 11.06.2019
3. Umbruch?
Habe ich eine spezielle Wahrnehmung? Für mich sah das weitgehend nach der WM-Vorrunde aus. Erdrückender Ballbesitz, wenig echte Chancen, viele Dutzend Flachpässe in den Rücken der Abwehr und ins Nirvana. Unterschiede: Sane und Reuss haben ihre Chancen genutzt. Und Neuer ist wieder in Form. Mit einem Neuer in WM-Form wäre der Ausgleich gefallen. Und dann wären weitere Konter gekommen. Sorry, aber Umbruch ohne echte 9 wird nichts.
widower+2 11.06.2019
4. Echte 9?
Zitat von kreisklasseHabe ich eine spezielle Wahrnehmung? Für mich sah das weitgehend nach der WM-Vorrunde aus. Erdrückender Ballbesitz, wenig echte Chancen, viele Dutzend Flachpässe in den Rücken der Abwehr und ins Nirvana. Unterschiede: Sane und Reuss haben ihre Chancen genutzt. Und Neuer ist wieder in Form. Mit einem Neuer in WM-Form wäre der Ausgleich gefallen. Und dann wären weitere Konter gekommen. Sorry, aber Umbruch ohne echte 9 wird nichts.
Und wer soll das sein? Werner ist das für mich nicht und Gnabry, Sané und Reus sind spielerisch nun mal eine Klasse besser als Werner.
kreisklasse 11.06.2019
5. Echte 9
Werner ist sicher keine echte 9. Man sollte den deutschen 9ern, die es in der Bundesliga durchaus gibt, eine Chance geben. Und wenn es Uth oder Terodde sind. Die reissen Lücken und können auch mal köpfen.
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