EM-Viertelfinale gegen Italien Wie Deutschland den Fluch beenden kann

Noch nie hat Deutschland ein Turnierspiel gegen Italien gewonnen. Und auch heute - vor dem EM-Viertelfinale - gibt es viele Pessimisten. Dabei hat das DFB-Team beste Chancen, die Pleiteserie zu beenden.
Boateng und Draxler

Boateng und Draxler

Foto: imago/Moritz Müller

33 Länderspiele gab es bisher zwischen Deutschland und Italien. Der DFB-Elf gelangen insgesamt acht Siege - bei Welt- und Europameisterschaften ist sie jedoch noch ohne Erfolg. Die Azurblauen werden zum Angstgegner stilisiert, das 1:2 gegen Italien im EM-Halbfinale 2012 war die bitterste Niederlage von Joachim Löw.

Wenn am Abend bei der EM 2016 der neunte Vergleich bei einem großen Turnier angepfiffen wird (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD), will Löw jedoch nichts von einem Trauma hören. "Wir wissen um unsere eigenen Stärken", sagte der Bundestrainer, "die Mannschaft hat Selbstbewusstsein." Es geht für den amtierenden Weltmeister um den sechsten Halbfinaleinzug in Serie - dafür wird eine Top-Leistung vonnöten sein.

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Länderspiel-Bilanz: Italien gewinnt, wenn es wichtig ist

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Rückblick: So lief die vergangene Partie

Jonas Hector erobert kurz hinter der Mittellinie den Ball. Julian Draxler übernimmt, setzt sich im Dribbling spielend leicht gegen Ricardo Montolivo, Matteo Darmian sowie Alessandro Florenzi durch und passt auf Mario Götze. Draxler bekommt den Ball nach Götzes Hackentrick zurück, auch, weil Leonardo Bonucci mit schlechtem Timing ausrutscht. Draxler zieht in den Strafraum, passt in den Rückraum und der durchgestartete Hector schießt mit links aus 14 Metern am chancenlosen Gianluigi Buffon vorbei ins rechte Eck des italienischen Tores.

Diese Szene ist 95 Tage alt. Die deutsche Nationalmannschaft gewann ein Testspiel in München 4:1 gegen Italien. Überbewerten darf man diese Partie aber genauso wenig wie die 1:2-Niederlage des DFB-Teams vor vier Jahren im Halbfinale der EM 2012. Beide Teams haben sich seitdem weiterentwickelt.

Vor allem auf italienischer Seite sind solche Gegentore wie das von Hector in der aktuellen Verfassung undenkbar. Schwache Zweikampfführung? Schlechtes Stellungsspiel? Nachlässige Rückwärtsbewegung? Solche vermeidbaren Fehler beging die Squadra Azzurra in Frankreich nicht - und wird es auch gegen Deutschland nicht tun.

Und trotzdem hat das Team Schwächen. So könnte ein Matchplan für das Viertelfinale in Bordeaux aussehen:

"Diese Niederlage war für mich eine gute Lehre." Löw musste im Vorfeld natürlich Fragen zur Pleite bei der EM 2012 beantworten. Löw hatte damals seine Formation umgestellt, Toni Kroos agierte als Bewacher für Andrea Pirlo und so geriet das Gefüge der deutschen Mannschaft in Ungleichgewicht. Dieser Fehler wird Löw nicht erneut unterlaufen: "Wenn wir unser Niveau abrufen, haben wir gute Chancen."

Konkret heißt das: Deutschland sollte bei der gegen Nordirland (1:0) und die Slowakei (3:0) bewährten offensiven Taktik bleiben und nicht - aus Respekt vor der deutlich höheren Qualität der Italiener - zurückweichen. Das DFB-Team hat von allen Viertelfinalisten den höchsten Ballbesitz-Anteil (64 Prozent), spielt mit dem überragenden Kroos die meisten Pässe und gab die meisten Torschüsse (83) ab.

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Insgesamt muss Löw aber eine grundsätzliche Entscheidung treffen. Italien spielt mit zwei Stürmern, was die beiden Innenverteidiger Mats Hummels und Jérôme Boateng mit hoch stehenden Außenverteidigern in brenzlige Situationen bringen könnte. Der Bundestrainer könnte auf Dreierkette umstellen, oder Joshua Kimmich und Hector tiefer stehen lassen, oder Bastian Schweinsteiger statt Sami Khedira bringen, um einen tieferen Sechser als Unterstützung zu haben.

Pressen, hoch verteidigen, Bälle früh erobern

Die italienische Mannschaft hat bei der EM viele Facetten gezeigt:

  • Exzellente Umschalt- und Konterbewegungen,
  • Spielerische Lösungen,
  • Taktische Flexibilität,
  • Kompromissloses Zweikampfverhalten,
  • Effizienz vor dem gegnerischen Tor.

Trainer Antonio Conte hat aus einer der ältesten Mannschaften des Turniers eine tadellos aufeinander abgestimmte Einheit geformt, die seine Pläne vor allem gegen Belgien (2:0) und Spanien (2:0) nahe der Perfektion umgesetzt hat. Das Spiel gegen die Selección hat gezeigt, dass Italien eben nicht nur über Konter Torgefahr entwickeln kann (siehe Grafik). Die spanischen Probleme resultierten in erster Linie aus schlechten und inhomogenen Pressingbewegungen. Als dem Titelverteidiger das in der zweiten Hälfte besser gelang, geriet Italien mehr unter Druck. Und genau hier lagen die deutschen Stärken in den vergangenen beiden Partien.

Auf Standardsituationen setzen

Die deutsche Mannschaft hat bereits zwei Tore nach Standards erzielt: Gegen die Ukraine verwertete Shkodran Mustafi einen Kroos-Freistoß per Kopf, gegen die Slowakei traf Draxler im Anschluss an eine Kroos-Ecke. Solche Gelegenheiten muss einem der Gegner erstmal ermöglichen - genau das tat Italien im bisherigen Turnierverlauf aber. Die Squadra Azzurra foulte von allen Teams am häufigsten und ließ im Schnitt sechs Ecken pro Spiel zu.

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Schusspräzision im Rückraum

Schon aus dem Spiel heraus ist die italienische Defensivstrategie darauf ausgelegt, für den Gegner nur Chancen aus der zweiten Reihe zuzulassen. 29-mal schossen Italiens Gegner von außerhalb des Strafraums auf das Tor - das DFB-Team ließ im Vergleich 15 Fernschüsse zu. Die Idee dahinter ist einfach: Bei Fernschüssen ist die Präzision geringer - und Italien hat mit Gianluigi Buffon einen der besten Torhüter der EM als Absicherung. Deutschland hat mit Kroos, Draxler und Mesut Özil aber erstklassige Distanzschützen.

Boateng trifft gegen die Slowakei

Boateng trifft gegen die Slowakei

Foto: Frank Augstein/ AP

Geduldig bleiben

Gegen die Ballbesitzmannschaft Spanien spielte Italien eine starke, aber auch intensive erste Halbzeit. Contes Team agierte mit Mannorientierungen im Mittelfeld, verschob exzellent auf die ballnahe Seite und lief insgesamt fast acht Kilometer mehr als der Gegner. Als Folge traten in der zweiten Hälfte konditionelle Probleme auf, die Spanien zum Ausgleich hätte nutzen müssen. Das wird sich gegen Deutschland wiederholen.

Spanien, hier Piqué, kam im zweiten Durchgang zu guten Torchancen

Spanien, hier Piqué, kam im zweiten Durchgang zu guten Torchancen

Foto: David Ramos/ Getty Images

Bonucci unter Druck setzen

Daniele De Rossi ist fraglich. Thiago Motta fehlt gelbgesperrt. Und Montolivo, Marco Verratti sowie Claudio Marchisio stehen verletzt gar nicht im Kader. Italien hat personelle Probleme im defensiven Mittelfeld und so übernimmt Abwehrchef Bonucci wichtige Aufgaben im Spielaufbau. Er schlägt pro Spiel nicht mehr lange Pässe (8) als seine Abwehrkollegen Giorgio Chiellini (9) und Andrea Barzagli (5,5), hat in der vertikalen Spieleröffnung aber eine bessere Quote. So fiel auch das 1:0 gegen Belgien, als er Emanuele Giaccherini freispielte. So unbehelligt sollte Bonucci gegen Deutschland nicht passen dürfen - eine Aufgabe für den deutschen Stürmer, vermutlich Mario Gomez.

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