DFB-Gala gegen Norwegen Alles wieder gut?

Ein 6:0 als Therapie: Dank des hohen Siegs gegen Norwegen spricht keiner mehr von den Neonazifans der DFB-Auswahl. Beflügelt von einem beseelten Stuttgarter Publikum zeigte die Löw-Elf, was sie kann.

Aus Stuttgart berichtet


In der 79. Minute hatte die Regie ihr Werk vollendet. Mario Gomez, verlorener Sohn des VfB Stuttgart, in der Nationalmannschaft oftmals verspottet vom Publikum, war kurz zuvor ins Spiel gekommen, gefeiert von den Zuschauern, eingewechselt für Timo Werner, verlorener Sohn des VfB Stuttgart, in der Nationalmannschaft verspottet vom Publikum, jetzt gefeiert von den Zuschauern.

In dieser 79. Minute segelte mal wieder eine Flanke in den norwegischen Strafraum, Gomez schraubte sich in den Ball und wuchtete ihn mit dem Kopf zum 6:0 ins Netz. Das Stuttgarter Publikum wusste kaum noch, an sich zu halten. Es war der Schluss- und Höhepunkt einer Gala, wie man sie besser nicht inszenieren konnte. Dieser Spätsommerabend war ein Gesamtkunstwerk, im Fernsehen hätte man es allerdings eine Seifenoper genannt. Fußball kann manchmal auch so wunderbar kitschig sein.

Vergessen die pöbelnden Fans von Prag, der mühsame Sieg über die Tschechen, die üblen Begleitumstände mit den rechtsradikalen Zwischenrufen und den Timo-Werner-Schmähungen. All das sollte an diesem einen Abend weggewischt werden, durch ein von bestem Willen beseeltes Heimspielpublikum, aber auch von einer Mannschaft, die den besten Fußball spielte, den man seit Langem von ihr gesehen hat.

"Heute erlebt, wie schön Fußball sein kann"

"Wir haben heute erlebt, wie schön Fußball sein kann", war auch der Bundestrainer nach der Partie für seine Verhältnisse fast euphorisiert. "In der ersten Halbzeit haben wir brillant kombiniert", sagte er, und wer wollte ihm nach dem 4:0-Pausenstand und einem Offensivfeuerwerk ernsthaft widersprechen? Mesut Özil in bester Spiellaune, Toni Kroos als Passmaschine, Julian Draxler, der endlich mal wieder aufspielen darf, und vorne verwandelte Timo Werner die Vorlagen mit einer in der DFB-Elf lange nicht mehr gesehenen Kaltblütigkeit.

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Deutschland in der Einzelkritik: Glänzendes Ehemaligentreffen

"Ich konnte nicht erwarten, so gut hier empfangen zu werden", sagte der Leipziger und freute sich, dass er "den Fans dies mit Toren zurückzahlen konnte". Er musste gar nicht so bescheiden sein, sechs Tore hat er in seinen bisherigen acht Länderspielen erzielt, man wird lange zurückblättern müssen, um so eine Anfangsbilanz eines Nationalspielers zu finden. "Timo hat einen brutalen Zug zum Tor", sagte Löw, und das Wort brutal war fast das einzige, das nicht so ganz in die rosarote Peace-Atmosphäre des Abends hineinpassen wollte.

Werner war wie bei seinen bisherigen Auftritten im DFB-Dress auch noch zuletzt in Prag mit einem auf Mallorca populär gewordenen Schmählied mit ihm in der Hauptrolle konfrontiert worden. Das hatte nicht nur ihn ziemlich genervt, auch Löw hatte sich bereits vor dem Confed Cup im Juni massiv verärgert darüber gezeigt. Aber auf das Stuttgarter Publikum kann sich der Deutsche Fußballbund verlassen, das Stadion inmitten des Mercedes-Benz-Kosmos ist die wahre Heimspielarena des DFB.

Im Video: Joachim Löw - "Wir haben erlebt, wie schön Fußball sein kann"

Stuttgart ist die heimliche Heimat des DFB

Der Verband und Stuttgart, da gab es immer eine ganz große Nähe, mehr noch als zu Frankfurt, der Stadt, in der der DFB residiert. Nicht nur, aber auch wegen des (Noch-)Hauptsponsors, nicht nur, weil der Großteil des Trainerstabs aus dem Dunstkreis des VfB Stuttgart stammt, auch zahlreiche Nationalspieler sind der Jugend des Vereins entwachsen. Sechs von ihnen, Werner und Gomez an der Spitze, wurden von Löw am Montagabend eingesetzt, und dass alle sechs mittlerweile nicht mehr beim VfB spielen, scheinen die Zuschauer entweder vergessen oder verziehen zu haben.

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DFB-Sieg gegen Norwegen: Schützenfest im Ländle

Jedenfalls passte alles an diesem Abend zusammen, die Ovationen für Gomez und Werner, die Tore, die Gäste, die alles taten, um den hohen Sieg der deutschen Mannschaft zu ermöglichen, und diesmal gaben sich die Nationalspieler auch alle erdenkliche Mühe, ihren Dank den Fans auszusprechen. Den Dank, den sie am Freitag noch so demonstrativ den "Sieg Heil"-Rufern verweigert hatten. Diesmal drehten sie eine lange Ehrenrunde durchs Stadion, wieder mit Mats Hummels an der Spitze, der in Prag die Hauptverantwortung für die Aktion gegen die Pöbelfans auf sich genommen hatte.

Alles ist jetzt wieder gut rund um die Nationalmannschaft, und dass die Qualifikation noch nicht perfekt gemacht wurde, weil parallel auch die Nordiren ihr Spiel gegen Tschechien gewannen, stört keinen großen Geist. Den Gruppensieg wird man entweder in Belfast oder spätestens zu Hause gegen Aserbaidschan einfahren, darüber hat beim DFB niemand irgendwelche Zweifel. Und wenn es sie je gegeben haben sollte, so sind sie nach diesem Galaabend verschwunden.

Deutschland - Norwegen 6:0 (4:0)
1:0 Özil (10.)
2:0 Draxler (17.)
3:0 Werner (21.)
4:0 Werner (40.)
5:0 Goretzka (50.)
6:0 Gomez (79.)
Deutschland: ter Stegen - Kimmich, Rüdiger, Hummels, Hector - Rudy (61. Khedira), Kroos - Müller (46. Goretzka), Özil, Draxler - Werner (66. Gomez)
Norwegen: Jarstein - Elabdellaoui, Nordtveit, Skjelvik, Aleesami, - Elyounoussi (58. Svensson), Berge (46. Valsvik), Selnaes (75. Linnes), Möller Daehli - King, Berget
Schiedsrichter: Mazeika (Litauen)
Zuschauer: 53.814
Gelbe Karten: - / Selnaes, Linnes

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
inge-p.1 05.09.2017
1. Ein überwältigendes Spiel der deutschen NM
Ein Punkt ist mir bei aller Euphorie aufgefallen: der Stern von Müller scheint auch in der Nationalmannschaft zu sinken. Nach einer Halbzeit war Schluss, da täuschen auch keine seiner spärlichen Vorlagen hinweg. Bei den Bayern schon bedeutungslos, jetzt auch in der Nationalmannschaft. Selbst, wenn Löw ihn, wie seinerzeit Podolski, immer noch mitschleppt. Es ist Zeit für ein Wechsel.
cmann 05.09.2017
2. Da können sich einige BL Vereine
"eine Scheibe abschneiden", was gute oder "hervorragende Jugendarbeit" betrifft, man könnte auch noch Serge Gnabry dazu zählen um das Glück perfekt zu machen. Weder der BvB und schon garnicht Bayern können sich da als "Talentschmiede" bezeichnen. Schade nur das es Stuttgart nicht schafft derartige Spieler auf Dauer zu binden.
ge1234 05.09.2017
3. Sinkender Stern?
Zitat von inge-p.1Ein Punkt ist mir bei aller Euphorie aufgefallen: der Stern von Müller scheint auch in der Nationalmannschaft zu sinken. Nach einer Halbzeit war Schluss, da täuschen auch keine seiner spärlichen Vorlagen hinweg. Bei den Bayern schon bedeutungslos, jetzt auch in der Nationalmannschaft. Selbst, wenn Löw ihn, wie seinerzeit Podolski, immer noch mitschleppt. Es ist Zeit für ein Wechsel.
Nun, in der zweiten Halbzeit hat er ja auch gar nicht mehr gespielt, insofern war nach einer Halbzeit tatsächlich "Schluß"! Davor eine geniale Vorlage blind per Hacke genau in Werners Lauf und die andere von der Seitenlinie als passgenaue Flanke auf Werners Kopf. Wurde auch von Lehmann in der Halbzeitpause extra noch einmal hervorgehoben! Müller hat in allen Fachmagazinen Bestnoten für sein gestriges Spiel bekommen und Sie behaupten, er wäre bedeutungslos? Ist das komplette Ahnungslosigkeit oder das übliche Bashing, weil Müller beim FCB spielt?
gnarze 05.09.2017
4. Sah gut aus
Erste Halbzeit war gegen überforderte Norweger nahezu perfekt. Müller bärenstark, nicht nur wegen der zwei brillianten Vorlagen zu den Toren, Kroos als Ballverteiler Weltklasse im Zusammenspiel mit Rudy. Draxler sprühte vor Spielfreude. In der zweiten Halbzeit wurde ein wenig mehr experimentiert, es gab aber keinen großen Bruch im Spiel. Für die Zukunft - sprich WM 2018 - (mit Neuer und Boateng) kann man positiv schauen, zumal jetzt auch in der Breite die Mannschaft keine großen Ausfälle mehr verzeichnet(man überlege sich, wer bei der WM 2014 keine Sekunde gespielt hat).
mostly_harmless 05.09.2017
5.
Zitat von cmann"eine Scheibe abschneiden", was gute oder "hervorragende Jugendarbeit" betrifft, man könnte auch noch Serge Gnabry dazu zählen um das Glück perfekt zu machen. Weder der BvB und schon garnicht Bayern können sich da als "Talentschmiede" bezeichnen. Schade nur das es Stuttgart nicht schafft derartige Spieler auf Dauer zu binden.
Der BVB ist nach Stuttgart der Verein mit den meisten Titeln bei der A-Jugend. Und die letzte Finaltteilnahme von Stuttgart ist 12 Jahre her
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