DFB-Sieg über die Slowakei Bloß nicht berauschen

Gegen die Slowakei kam der Fußball der DFB-Elf den eigenen Idealvorstellungen sehr nahe. Und was macht Joachim Löw? Er bremst die Euphorie: Der Bundestrainer hat schon den nächsten Gegner im Blick.

Aus Lille berichten und


Diesmal hat alles gepasst. Ein frühes Tor, viele Chancen, eine sichere Abwehr, ein schwungvolles Mittelfeld. Die deutsche Mannschaft hat beim 3:0 über die Slowakei ihr bestes Spiel bei der EM gemacht, ihre Stärke und ihre Möglichkeiten demonstriert, kaum Fehler gemacht. Und trotzdem hört man schon im Hintergrund den Chor der Skeptiker: Es war doch nur die Slowakei. Das ist normal in Deutschland.

Nicht so normal ist es, dass auch der Bundestrainer einstimmt: "Die Slowakei ist bei allem Respekt nicht der Gradmesser zu beweisen, dass wir dieses Turnier dominieren", sagt Joachim Löw. Alles scheint in Ordnung, das ist für Löw oft schon ein Anlass gewesen, die Euphorie herunterzufahren. Nur nicht von der Begeisterung mitreißen lassen und dann unvermittelt böse abstürzen - das hat Löw einmal erlebt, bei der EM vor vier Jahren, seitdem hat man den Eindruck, zu viel Rausch ist ihm nicht geheuer. "Wir müssen uns weiter steigern, wenn wir den Titel gewinnen wollen", schließlich warten jetzt die Teams "der Marke Top-Favorit".

Joachim Löw
Getty Images/ UEFA

Joachim Löw

Löw hatte das souverän gewonnene Achtelfinale schon abgehakt, den Eindruck hatte man nur eine Stunde nach dem Spiel. Der Blick geht allein auf den Samstag, auf die Viertelfinalpartie von Bordeaux, wo man entweder auf Titelverteidiger Spanien oder Erzrivale Italien trifft.

Löw gibt den Mahner

Also mahnte der Bundestrainer weiter, als sei Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer in ihn eingefahren. Gegen den nächsten Gegner werde man sich "keine Nachlässigkeiten erlauben: Die werden sofort ausgenutzt", und ohnehin komme eine ganz andere Gefährlichkeit auf die deutsche Abwehr zu: "Die Schwere der Aufgabe wird eine ganz andere sein."

Damit hatte er schon mal die Richtung für die nächsten Tage vorgegeben: Abheben ist im deutschen Team trotz des starken Auftritts in Lille streng untersagt. Entsprechend fielen die internen Bewertungen des Slowakei-Spiels aus: "Die Offensive hat zuletzt schon mehr Schwung bekommen", übte sich Thomas Müller in Understatement, und Bastian Schweinsteiger, der diesmal für zehn Minuten mittun durfte, erkannte: "Das Spiel gegen den Ball und das Anlaufen können wir noch verbessern."

EM-Video-Highlights: Deutschlands Galavorstellung gegen die Slowakei

Selbst der Gala-Auftritt von Julian Draxler, der in der Nationalmannschaft noch nie so aufgetrumpft hatte wie am Sonntag, wurde vom Bundestrainer lediglich mit einem: "Er hat seine Sache sehr gut gemacht", bedacht. Für den Torschützen zum 2:0, Mario Gomez, hatte er immerhin übrig: "Ich freue mich für ihn, er hat Selbstsicherheit bekommen."

Selbstsicherheit - die strahlte das gesamte Team über 90 Minuten aus und ließ sich auch durch einen vergebenen Elfmeter von Mesut Özil nicht aus dem Konzept bringen. Zu diesem Zeitpunkt stand es schon 1:0, weil Jérôme Boateng in seinem 63. Länderspiel erstmals ein Tor erzielt hat. Wer sonst als der Bayernspieler hätte die Mannschaft auch in Führung bringen sollen? Es sind die Boateng-Festspiele bei diesem Turnier.

Lukas Podolski
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Lukas Podolski

Deutsche Mannschaft wie die Musterschüler

Dreimal hatte die Mannschaft zuvor in der Gruppenphase gespielt, dreimal hatte sie jeweils eine andere Schwäche offenbart, und dreimal wurde die Schwäche wie von strebsamen Musterschülern im nachfolgenden Spiel abgestellt. Jetzt, beim vierten Auftritt, gab es nur noch Nuancen zu kritisieren. Die Flanken von Jonas Hector könnten noch mehr Genauigkeit vertragen, Sami Khedira muss noch mehr Tempo aufnehmen, Toni Kroos würde man noch mehr Impulse für die Offensive wünschen. Aber das alles waren am Sonntag Kleinigkeiten.

Dass damit die Startelf von Bordeaux feststeht, ist allerdings in keiner Weise gesagt. Die Slowakei und Spanien oder Italien - unterschiedlicher kann man sich die Aufgaben kaum vorstellen. Die Italiener würden nie im Leben solche Defensivlücken anbieten, wie es die Slowaken getan haben. Die Spanier würden sich niemals die Kontrolle über das Spiel so rauben lassen.

Es wird Lösungen brauchen, um eines der Lieblingswörter der Nationalmannschaft zu zitieren. Möglicherweise gebieten die wartenden Gegner wieder eine defensivere Aufstellung, die "Option Höwedes" sozusagen. Und dann stünde auch der auf Flanken angewiesene Gomez zur Disposition. Auch wenn man sich das im Moment nicht wirklich vorstellen kann.

Joachim Löw hat sechs Tage Zeit. Bis jetzt hat er für jedes Problem die Lösung gefunden. Aber jetzt kommt Spanien. Oder Italien. Und man weiß nicht, was schlimmer wäre.



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Seite 1
neinsoetwas 27.06.2016
1. das Schlimme ist
Zit: 'Aber jetzt kommt Spanien. Oder Italien. Und man weiß nicht, was schlimmer wäre.' ES KOMMT DER BESSERE VON BEIDEN!!!
mcbaren 27.06.2016
2.
Egal ob gegen ESP oder IT, das deutsche Aus kommt in jedem Fall.
TscheffichheißeTscheff 27.06.2016
3. Ein Turnier ist ein Turnier ist ein Turnier
Spanien-Holland 1:5; Italien-Costa Rica 0:1 bei der letzten WM. Alles kann passieren. Bis jetzt sehen Vorbereitungen und Verlauf des Turniers aber einmal mehr sehr gut aus. Und manglenden Respekt kann man dem deutschen Team sicher nicht vorwerfen, im Gegensatz zu einigen Foristen hier, die offensichtlich keine gute Kinderstube genießen durften.
Maverlized 27.06.2016
4. Wortklauberei
Zitat von neinsoetwasZit: 'Aber jetzt kommt Spanien. Oder Italien. Und man weiß nicht, was schlimmer wäre.' ES KOMMT DER BESSERE VON BEIDEN!!!
Sie wissen, wie's gemeint ist und schreiben trotzdem so klugscheißerisch daher. Außerdem muss eben nicht der bessere kommen, sondern einfach der, welcher heute gewinnt. Das ist nicht dasselbe!
Nonvaio01 27.06.2016
5. egal
vor keinem muss man sich verstecken. Nach Italien/Spanien kommt dann eh wohl Frankreich, da die sich gegen England oder Island durchsetzten werden.
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