Thomas Müller in der Krise Gaudibursch war gestern

Er war das große Thema dieser Woche: Thomas Müller. Bei den Bayern ist er derzeit kein Stammspieler - und jeder sagt seine Meinung dazu. Das Beste zur Beruhigung wären jetzt ein paar Länderspieltore.

imago

Aus Prag berichtet


Wer nachliest, was in den vergangenen Tagen so alles über Thomas Müller gesagt und geschrieben wurde, muss zu dem Schluss kommen: Entweder hat den Bayernprofi irgendein grausamer Schicksalsschlag ereilt, oder aber er hat Silberlöffel in der DFB-Zentrale geklaut oder eine andere fürchterliche Dummheit begangen.

Es herrscht großes Drama um Müller - und eigentlich nur deswegen, weil er im Auswärtsspiel bei Werder Bremen 70 Minuten auf der Ersatzbank der Bayern gehockt hatte und darüber nachvollziehbar nicht besonders glücklich war. Seitdem wird die große Müller-Krise ausgerufen, und jeder darf mitreden von Lothar Matthäus bis Matthias Sammer und seine Ratschläge geben, ob Müller sie hören mag oder nicht.

So machte sich Matthäus um den Ur-Bayern "große Sorgen". Und Ex-Bayern-Sportdirektor Sammer, mittlerweile TV-Experte, appellierte gar, man dürfe die "Lebensleistung" des Münchners nicht vergessen. Wohlgemerkt, die Lebensleistung eines 27-Jährigen. Ottmar Hitzfeld, Thomas Helmer, jeder durfte mal, es fehlte eigentlich bisher nur eine Stellungnahme von Reiner Calmund, aber die wird sicherlich noch nachgereicht.

Demonstrativ gut gelaunt

Müller macht das, was er gerne tut, wenn es nicht läuft bei ihm. Er tut so, als sei es ihm egal. Demonstrativ gut gelaunt gab Müller sich beim Training der Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen die Tschechen (Freitag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL), speziell dann, wenn eine Kamera in der Nähe war, und ließ ansonsten die Anderen für sich reden.

Ein gut gelaunter Thomas Müller
DPA

Ein gut gelaunter Thomas Müller

Den Bundestrainer zum Beispiel, der sich vehement für seinen Angreifer ins Zeug legte: "Er ist ein unheimlich positiver Faktor in unserem Team, ein Führungsspieler", sagte Joachim Löw, und: "Bei uns hat er immer seine Leistungen gebracht."

Das ist allerdings nicht mehr ganz richtig. Tatsächlich hat Müller seit 2010 im Grunde sechs Jahre ununterbrochen die Sonnenseiten des Profifußballs erfahren und genießen dürfen. Er hat selbst viel dafür getan, aber er hatte auch die Aura eines Glückskinds. Wenn er mit seinen Storchenbeinen durch den Strafraum lief und immer da zu sein schien, wo der Ball hinkommt, bevor er ins Tor geht. Auf Müller war stets Verlass, er war nie verletzt, er war immer zur Stelle, und er schoss meistens das Tor, das gebraucht wurde. Im Verein wie in der Nationalmannschaft, und wenn es mal nicht gut lief, dann lag es bestimmt nicht an ihm.

Mit der EM im Vorjahr hat sich das geändert. Turnierspiel für Turnierspiel wartete man auf das erlösende Müller-Tor, erst war es ein Problemchen, dann ein kleines Problem, irgendwann ein großes Problem. Und am Ende auch einer der Gründe, warum Deutschland das Halbfinale gegen Frankreich nicht gewonnen hat. Auch damals lächelte Müller, der Gaudibursch, die Formkrise zunächst weg, das kann ja mal passieren, dass man eine ganze Weile nicht trifft. Aber es war eben zuvor nie passiert.

Bei den Bayern steht mittlerweile sein Stammplatz auf dem Spiel, beziehungsweise scheint es im Moment so zu sein, als habe er ihn bereits verloren. So weit wird es in der Nationalmannschaft nicht kommen, Müller genießt Kredit, großen Kredit beim Bundestrainer, zu oft hat er ihm seit der WM in Südafrika vor sieben Jahren Erfolgserlebnisse beschert. Müller war technisch nie der Filigrane, aber seine Unbekümmertheit, sein Ehrgeiz, sein Siegeswille und sein Selbstbewusstsein haben ihn immer wieder darüber hinweggetragen. Ehrgeizig ist er immer noch, an seinem Siegeswillen gibt es nichts zu deuteln, aber die Unbekümmertheit ist davon, und das hat Auswirkungen aufs Selbstbewusstsein.

Timo Werner ist längst noch nicht so weit

Ein Müller ohne Unbekümmertheit ist aber nur noch ein halber Müller. Plötzlich fällt den Leuten auf, dass dieser Thomas Müller ja kein brillanter Fußballer ist, dass seine Laufwege unerforschlich sind wie Gottes Wille, dass er sich wenig positionsbezogen auf dem Feld verhält - all die Dinge, die an sich für ihn sprechen, die ihn so unausrechenbar gemacht haben und jahrelang landauf landab gepriesen wurden, werden ihm plötzlich als Schwachpunkte ausgelegt.

Fotostrecke

9  Bilder
Löws DFB-Kader: Wer darf zur WM?

Sein Vereinscoach Carlo Ancelotti ist kein großer Freund des unkonventionellen Fußballspiels, das wird jetzt überall als Erklärung bemüht. Aber so lange Müller seine Tore macht, würde das auch den konventionellsten Trainer der Welt nicht stören. Ancelotti hat mit Robert Lewandowski allerdings schon einen, der ihm die Treffer garantiert. Löw hatte bisher so einen noch nicht.

Timo Werner, der Leipziger, muss erst beweisen, dass er in der Nationalmannschaft so ein Torschütze vom Dienst sein kann wie zuletzt in der Liga. Werner ist schnell, sehr schnell sogar, er sucht den direkten Weg zum Tor, aber er hat noch lange nicht die Ausgebufftheit, die Thomas Müller über die Jahre ausgezeichnet hat. Man muss nur einmal nachzählen, wie oft Werner im Spiel ins Abseits läuft. Müller hat 85 Länderspiele, er hat in ihnen 37 Tore gemacht, da muss jeder andere Offensivspieler in Deutschland erst einmal lange stricken, um dorthin zu kommen.

Im Hinspiel gegen die Tschechen hat Müller zwei Tore gemacht, das ist jetzt neun Monate her. Es wäre mal wieder Zeit für einen Torschützen Müller. Es wäre für ihn gut, und es wäre auch schön, wenn Sammer, Matthäus, Hitzfeld und die Anderen dann erst einmal wieder still wären.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
reineralex 01.09.2017
1. Wie wäre es mit einem Wechsel zum 1.FC Köln?
Das ist zwar keine ernstgemeinte Frage, aber die Vorstellung ist toll. Warum? Weil Thomas Müller ein Weltklassespieler ist, der sich vorbildlich benimmt und von daher auch ein toller Spieler für den FC wäre. ;-)
ge1234 01.09.2017
2. Müller kein Stammspieler?
Müller hat alle Spiele der Vorbereitung in der Startformation begonnen, ebenso den Supercup und auch das erste BuLi-Spiel. Und nur, weil er jetzt in -wohlgemerkt- EINEM Spiel nicht eingesetzt wurde, redet man hier von "Krise". Vielleicht sollte man sich einfach mal die Scorerpunkte der letzten Saison anschauen, um sich ein differenzierteres Bild der angeblichen "Schächephase" des T. Müller zu machen, aber dann kann man natürlich nicht mehr so schön auf den FCB eindreschen, gelle Hr. Ahrens!
antares56 01.09.2017
3. Interessant
Bei Löw zahlen die Leistungen der letzten Zeit nicht, da zählen Löws Seilschaften! Siehe Müller, siehe Götze, siehe Draxler etc.!
swf3 01.09.2017
4. Ich denke,das viele Profis
froh wären, die "Probleme" eines Thomas Müller zu haben.
briancornway 01.09.2017
5. Jenseits der Schlagzeile
Zitat von ge1234Müller hat alle Spiele der Vorbereitung in der Startformation begonnen, ebenso den Supercup und auch das erste BuLi-Spiel. Und nur, weil er jetzt in -wohlgemerkt- EINEM Spiel nicht eingesetzt wurde, redet man hier von "Krise". Vielleicht sollte man sich einfach mal die Scorerpunkte der letzten Saison anschauen, um sich ein differenzierteres Bild der angeblichen "Schächephase" des T. Müller zu machen, aber dann kann man natürlich nicht mehr so schön auf den FCB eindreschen, gelle Hr. Ahrens!
Achtung, Spoiler : Im Artikel wird Bezug genommen auf seine Leistungen seit einschl. der EM 2016 und darauf, dass er in der DFB-Elf trotzdem immer noch unumstritten und gesetzt ist. Dass er in der neuen Saison gerade mal 70 Minuten auf der Bank saß und dies trotzdem schon zu Beschwerden und Soli-Aktionen führte, wird im Artikel ebenfalls thematisiert. Einfach mal bis zuende lesen, dann kann man immer noch überlegen, ob es nötig ist, sich aufzuregen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.