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16. Oktober 2019, 18:45 Uhr

Nachahmer des militärischen Grußes

Salutieren in der Kreisliga

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Türkische Nationalspieler grüßen nach einem Tor ihre Soldaten im Kriegseinsatz. Im deutschen Amateurfußball versucht man sich zu wappnen: Wie soll man mit Nachahmern umgehen?

Mehmet Matur muss gerade viel telefonieren.

Er ist Präsidiumsmitglied im Berliner Fußball-Verband und dort zuständig für die Themen Integration und Vielfalt. Als die türkische Fußballnationalelf nach einem Tor zum Gruß an die Soldaten im Nordsyrieneinsatz salutierte und es Aufregung gab, weil die beiden deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can ein Bild davon likten, da ahnte Matur schon, dass sich die große Politik auch auf seine Arbeit im Kleinen niederschlagen wird.

"Wir müssen damit rechnen, dass es auf Berliner Plätzen Nachahmer geben wird. Die türkischen Jugendlichen sehen im Fernsehen, wie ihre Idole den Gruß zeigen. Manche wollen das dann nachmachen. Wir können die Augen nicht davor verschließen und sind darauf vorbereitet", sagt Matur dem SPIEGEL.

Sportrechtliche Konsequenzen angedroht

In Berlin gibt es eine große türkische Gemeinde, viele Amateurklubs sind türkisch geprägt. Einige auch kurdisch. Der Konflikt an der Grenze zwischen der Türkei und dem Kurdengebiet im Norden Syriens könnte nun auf Berliner Fußballplätzen mit anderen Mitteln ausgetragen werden. Es könnte Provokationen geben, Torschützen, die ebenfalls salutieren. Das ist zumindest die Befürchtung.

Der Berliner Fußball-Verband (BFV) hat am Mittwoch per E-Mail einen Appell an seine Vereine versandt, damit sie ihre Spieler und Trainer für das Thema sensibilisieren. Und er hat diesen auf seine Homepage gestellt. Darin heißt es: "Nachahmer der politisch motivierten Jubel-Geste der türkischen Nationalspieler müssen mit sportrechtlichen Konsequenzen rechnen." Der BFV ruft dazu auf, "auf jegliche politische Gesten oder Statements auf dem Fußballplatz zu verzichten und ein respektvolles Miteinander zu fördern."

Im Video: "Die Türkei ist in einer Art Kriegsrausch"

Matur hat mit vielen Trainern und Verantwortlichen persönlich gesprochen, um einzuwirken. Er hat sich auch beim FC Amed gemeldet, einem Kreisligisten, der kurdisch geprägt ist, bei dem aber auch türkischstämmige und deutsche Spieler kicken. "Wir wollen keinen Wirbel machen, aber wir müssen vorbereitet sein", sagt Matur. Das gilt auch für Schiedsrichter.

Am vergangenen Wochenende habe es im Berliner Fußball noch keine Militärgesten gegeben, so Matur. Aber das könnte sich ändern, nachdem die türkische Nationalmannschaft auch am Montag beim Spiel gegen Frankreich salutierte. Die Uefa nahm anschließend wegen eines möglichen provokativen politischen Verhaltens Ermittlungen auf und kündigte für Donnerstag ein Urteil an.

Mehrere Fälle von Nachahmern am vergangenen Wochenende

Von zwei Nachahmern berichtete der Bayerische Fußball-Verband. Dieser ging am Dienstag als erster Landesverband mit dem Thema an die Öffentlichkeit und kündigte an, salutierende Amateurkicker vor das Sportgericht zu zitieren. Auch der Württembergische Fußballverband meldete zwei Fälle.

Über einen anderen bei der Kreisligapartie zwischen Türkspor Herne und dem FC Castrop-Rauxel am Wochenende in Nordrhein-Westfalen berichtete Sportschau.de. Herner Spieler hätten schon vor der Partie mit der Salutierpose den Gegner provoziert, heißt es dort.

Zu ähnlichen Vorkommnissen kam es im Kreis Recklinghausen. Dort müssen sich drei Vereine wegen des militärischen Grußes einiger ihrer Spieler vor dem Verbandssportgericht Westfalen verantworten. Betroffen sein sollen die SG Hillen, Genclikspor Recklinghausen und die zweite Mannschaft der DTSG Herten. "In einem Fall handelte es sich um die komplette Mannschaft, bei den anderen ging es um Gruppierungen von fünf bis sechs Spielern", sagte Hans-Otto Matthey, der Kreisvorsitzende des Verbands. Den Vereinen drohen nun Geldstrafen.

Nach Ansicht des türkischen Generalkonsuls Sener Cebeci seien diese Gesten in Amateurvereinen falsch verstanden worden. Der Salut haben in der Türkei eine andere Bedeutung. Er solle daher nicht als militärisches Symbol, sondern als "Gruß an alle Soldaten und ihre Verwandten" gesehen werden, sagte Cebeci.

Vom DFB gibt es keine Order von oben

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gab es am Montag in Frankfurt einen Workshop zum Thema Integration. Da stand das Thema Militärgruß nicht auf der Tagesordnung. Aber es wird im Verband diskutiert. Auf SPIEGEL-Nachfrage heißt es, dass es vom DFB keine Order von oben geben werde. Spielbetrieb, Schiedsrichterwesen und Sportgerichtsbarkeit seien Sache der Landesverbände. Der DFB biete diesen aber Hilfestellung an.

Der Verband habe sich bereits mehrfach positioniert, heißt es. Zuletzt mit einem Foto der deutschen Nationalmannschaft nach dem 3:0 gegen Estland und der Aufregung um Ilkay Gündogan und Emre Can. Die Botschaft unter dem Bild lautete: "Gemeinsam für Offenheit, Vielfalt und Toleranz. Gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung." Einen konkreten Bezug zum Fall der salutierenden türkischen Spieler gab es nicht.

Der Berliner Fußball-Verband hat sich vorgenommen, Spielbeobachter zu einzelnen Partien zu schicken und mögliche Nachahmer anzuzeigen. Grundlage ist die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB. In der steht: "Eines unsportlichen Verhaltens... macht sich insbesondere schuldig, wer sich politisch, extremistisch, obszön anstößig oder provokativ beleidigend verhält." Das Strafmaß reicht von einer Verwarnung bis hin zu einem Ausschluss auf Zeit.

Mehmet Matur, der BFV-Integrationsbeauftragte, sagt, er habe schon öfter erlebt, wie die große Politik auf kleineren Plätzen im Berliner Fußball verhandelt wurde. Etwa beim Israel-Palästina-Konflikt. Bei einem Spiel gegen den jüdischen Klub TuS Makkabi seien Shirts mit der Aufschrift "Free Palestine" gezeigt worden. Meist hielten sich solche Aktionen aber in Grenzen.

Und dann gibt es auch andere Arten von Nachahmern. Beim Landespokalspiel gegen Brandenburg 03 am Sonntag zeigten die Spieler von Türkiyemspor Berlin ein Banner. Gemeint war es als Anlehnung an einen Zwischenfall beim Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien vor einer Woche, als ein Zuschauer die Schweigeminute für die Opfer von Halle durch das Singen der Nationalhymne störte und dann von einem anderen zurechtgewiesen wurde.

Auf dem Türkiyemspor-Banner stand: "Halt die Fresse! Kein Platz für Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie."

mit Material von dpa

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