DFB-Abwehrchef Mertesacker In der Schusslinie

Hinten nicht ganz dicht: Spätestens seit der EM wird auf die Defensive der Nationalelf eingeprügelt - Abwehrchef Per Mertesacker leidet unter der Kritik, findet aber viele Vorwürfe ungerecht. Vor der Partie gegen Wales verriet er SPIEGEL ONLINE, wie er das Abwehrspiel verbessern möchte.

Von , Düsseldorf


Da sitzt er nun also, dieser Hüne von Mann, inmitten von Journalisten, die mit ihm nur über ein einziges Thema reden wollen. Es geht um die Defensive des deutschen Spiels, jenen Mannschaftsteil, den viele als größtes Problem wahrnehmen. Per Mertesacker ist der erfahrenere von zwei Innenverteidigern und damit so etwas wie der Abwehrchef. Keine sonderlich dankbare Rolle derzeit.

Spätestens seit der EM wird die Rolle von Christoph Metzelder thematisiert. Jahrelang galt er als moderner, spielerisch versierter Verteidiger. Nach zahlreichen haarsträubenden Fehlern ist er mittlerweile selbst zur Erkenntnis gekommen, dass er wieder aus dem Tal herausfinden muss, ehe er wieder ein Thema für die Nationalmannschaft wird. Bei seinem Arbeitgeber Real Madrid ist er derzeit nicht mal zweite Wahl.

Dann rutschte plötzlich auch Per Mertesacker in die Diskussion. Mancher Beobachter ging sogar so weit, ihn mitsamt seinem Freund zum Auslaufmodell zu erklären.

Der Bremer will das in dieser Schärfe nicht mitbekommen haben. "Mir ist aber aufgefallen, dass wir stark als Duo wahrgenommen wurden", sagt er. Er selbst hat die EM als "Extremerfahrung" erlebt. Oft fand er es ungerecht, mit welcher Vehemenz auf die Defensive eingeprügelt wurde. "Man muss schließlich auch sehen, wie sich die ganze Mannschaft verhalten hat", sagt Mertesacker.

Auch der Bundestrainer und alle Mitspieler sagen das so oder so ähnlich immer wieder - für die Defensivarbeit sei ganze Team verantwortlich. Dazu gehören Stürmer, die nachsetzen, Außenverteidiger, die Flanken verhindern, und ein Kollektiv, das konsequent die Räume dicht macht. Hilfreich wäre auch, wenn der eine oder andere individuelle Fehler - wie zuletzt der Lapsus von Philipp Lahm im Russland-Spiel - ausbleiben würden.

Doch es sind die zentralen Abwehrleute, mit denen die Fehler verbunden werden - beispielsweise, weil sie den letzten Torschuss nicht verhindern konnten. "Die Fehler werden eben an drei Positionen festgemacht, den Innenverteidigern und dem Torwart."

Sind also die Innenverteidiger einfach nur die Prügelknaben, die für Fehler geradestehen müssen, die andere verbocken? Mertesacker weist das von sich. Auch ihm ist schließlich nicht entgangen, dass in letzter Zeit kein Spieler konstant auf höchstem Niveau agierte. Metzelder nicht, und nicht der Schalker Heiko Westermann, der gegen Finnland mehrfach patzte. Nicht Serdar Tasci vom VfB Stuttgart, der sich gegen Finnland und Liechtenstein nachhaltig als Alternative ins Gespräch brachte. Und natürlich auch nicht Mertesacker, der sich selbstkritisch gibt. "Ich habe mit Leuten gesprochen, die es ehrlich mit mir meinen. Den ein oder anderen Fehler muss ich mir eingestehen."

Überhaupt glaubt man dem Mann, der gegen Wales sein 51. Länderspiel bestreiten wird, dass er während seiner Verletzungspause "viel nachgedacht" hat. Die meisten Innenverteidiger bekämen im Verein oft zu wenig Spielpraxis, sagt er. "Die meisten Clubs setzen doch eher auf erfahrene Leute - aus Angst, dass man ihnen sonst Vorwürfe macht, wenn es schiefgeht." Er selbst habe damals in Hannover das Glück gehabt, dass man ihm früh vertraute. "Heute fallen mir da nur Serdar Tasci in Stuttgart und Mats Hummels oder Neven Subotic in Dortmund ein." Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass den jungen Spielern international noch viel Routine fehle.

Und noch ein Problem hat Mertesacker ausgemacht - allerdings eines, das den meisten Fußballfans eher Freude bereitet. Sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein wird bedingungsloser Offensivfußball eingefordert. "Das Spiel ist sehr attraktiv geworden. Es gibt aber auch Spieler, die befassen sich mit dem Gegenteil, die wollen, dass die Mannschaft eine gewisse Sicherheit und wenig Gegentore bekommt." In Bremen, wo man als Verteidiger oftmals in Eins-zu-eins-Situationen und mithin in Rot-Gefahr kommt, ist Mertesacker deshalb "in den letzten zwei Jahren gebrandmarkt" worden, wie er sagt.

Mertesacker denkt da auch an den 27. September diesen Jahres, als im Bremer Weserstadion das nach Expertenmeinung höchstklassige Spiel dieser noch jungen Bundesliga-Saison über die Bühne ging. Werder Bremen gewann denkbar knapp gegen Hoffenheim. Der Endstand lautete 5:4. Die Zuschauer waren begeistert. Per Mertesacker nicht. Er hätte lieber 1:0 gewonnen.



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