DFB-Bundestag Im Schatten der Schiris

Theo Zwanziger wagt in der Amerell-Affäre den Befreiungsschlag: Auf dem DFB-Bundestag will der Verbandschef den Totalumbau des Schiedsrichter-Systems verkünden - dabei steht die eigentliche Aufarbeitung des Skandals erst am Anfang.

DFB-Boss Zwanziger: "Ein- bis zweimal zu oft geäußert"
dpa

DFB-Boss Zwanziger: "Ein- bis zweimal zu oft geäußert"

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Es wird ein ruhiger Freitagnachmittag für Theo Zwanziger - und noch vor vier Wochen hätte er das wohl selbst noch nicht gedacht. Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im März beschloss, den DFB-Bundestag zu einer außerordentlichen Sitzung nach Frankfurt am Main einzuladen, tobte die Schiedsrichter-Affäre auf ihrem Höhepunkt, und es gab genug Beobachter, die mit dieser Sitzung des deutschen Fußball-Parlaments auch einen möglichen Rücktritt des Präsidenten verbanden. Der Sturm ist vorbei, Zwanziger bleibt im Amt, seine erneute Kandidatur für den Herbst ist schon eingetütet, und die Kritiker sind erst einmal verstummt.

Rücktritt - für den Boss selbst kam das ohnehin niemals ernsthaft in Frage. "Wenn das, was man mir in großer medialer Breite vorwirft, berechtigt wäre, hätte ich sagen müssen, dem Amt bist du wirklich nicht mehr gewachsen, und es wird Zeit, dass jemand anderes kommt. Dem war aber nicht so", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Vorfeld des Bundestages.

Dabei ist der unappetitliche Fall um den ehemaligen DFB-Funktionär Manfred Amerell keineswegs ausgestanden. Einen Schlussstrich, wie ihn Zwanziger schon mehrfach gern unter die Affäre gezogen sehen wollte, wird ihm auch der Bundestag nicht liefern können. Zu sehr harrt der Fall noch seiner juristischen Aufarbeitung.

Die Beobachtung der Referees umstellen

Und auch das Schiedsrichter-Thema steht nach wie vor oben auf der Agenda. Genauer gesagt ist es sogar der einzige Tagesordnungspunkt, den der DFB-Bundestag am Freitag behandelt. Das gesamte Referee-System steht vor der Neuordnung. Der kommende starke Mann im Schiedsrichterwesen, Herbert Fandel, wird den Parlamentariern das Konzept vorstellen. Einhellige Begeisterung wird er dabei nicht ernten.

Fandel, selbst lange Jahre Fifa-Schiedsrichter, will als künftiger Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses vor allem die Beobachtung der Referees umstellen. Auf eine neutralere, unabhängigere Art, die Patronage, wie sie Amerell vorgeworfen wird, künftig erschweren soll. Das bisherige System habe das Schaffen von Abhängigkeitsverhältnissen möglich gemacht, heißt es beim DFB. Der Fall des jungen Michael Kempter, dessen Schiedsrichterkarriere unter dem Verdacht steht, dass sie auch seinem speziellen Verhältnis zu Amerell zu verdanken sei, hat beim DFB dazu geführt, das gesamte System umzustülpen.

Genau das gefällt längst nicht allen in den Landesverbänden. "Man darf nicht allen Schiedsrichter-Funktionären in Deutschland plötzlich unterstellen, dass es solche Abhängigkeitsverhältnisse gibt, nur weil eine einzelne Person ihr Amt missbraucht hat", sagte der frühere DDR-Referee Siegfried Kirschen der "Sport Bild". Kirschen ist mittlerweile Verbandsvorsitzender in Brandenburg und sieht die Schiedsrichter durch die hektische Betriebsamkeit beim DFB in Misskredit gebracht. Markus Merk, einer der prominentesten Ex-Schiedsrichter in Deutschland, hat von "Aktionismus" gesprochen und hält das neue Konzept für mehr oder weniger überflüssig.

Zustimmung hat Fandel dagegen aus der Deutschen Fußball Liga (DFL) erfahren. Die DFL hatte schon seit langem beklagt, dass sie kaum Einfluss auf das Schiedsrichterwesen habe nehmen können. In dem neuen Konzept sieht man die Chance zu mehr Transparenz bei der Ansetzung von Schiedsrichtern für Liga-Partien.

Fandel gilt als guter Kommunikator

Wobei die Hoffnungen auch an der Person Fandels hängen. Der Kulturamtsleiter im Eifelkreis gilt als guter Kommunikator. Seinem Vorgänger Volker Roth, noch bis Saisonende im Amt, wurde dagegen zur Last gelegt, das Schiedsrichterwesen als geschlossenes System behandelt zu haben. Da drang wenig nach außen. Diese Politik fiel Roth im Fall Amerell auf die Füße. Und dem DFB gleich mit.

Die DFL hätte am liebsten auf die Einberufung der Sondersitzung komplett verzichtet. Dies stieß aber auf Zwanzigers Ablehnung. Der Präsident bestand darauf, dass die Schiedsrichterreform dem Gremium der 261 stimmberechtigten Fußball-Abgeordneten vorgelegt wird. Der DFB präsentiert sich schließlich mit der Neustrukturierung der Öffentlichkeit als Reformer - und in diesem Licht fühlt sich Zwanziger immer noch am wohlsten.

Der Präsident hat am Freitag zum ersten Mal eingeräumt, dass er auch selbst seinen Anteil daran hatte, dass das Thema Amerell und die Schiedsrichter immer wieder aus der Kiste auftauchte: "Vielleicht habe ich mich ein- oder zweimal zu oft geäußert", sagte er der "FAZ". Zwanziger wäre allerdings nicht er selbst, wenn er das nicht umgehend wieder relativierend eingeordnet hätte: "Aber ich musste doch reagieren, wenn falsche Behauptungen, die sich in der Öffentlichkeit verselbständigen, getätigt werden."

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