DFB-Chef wiedergewählt Die Theo-Zwanziger-Festspiele

Auf dem DFB-Bundestag herrschte heile Welt: Ohne Enthaltung und ohne Gegenstimme ist Theo Zwanziger als Präsident wiedergewählt worden. Dabei sind die Probleme, die ihn seit Jahresbeginn begleiten, noch lange nicht gelöst. 

dapd

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Pünktlich zur Wiederwahl von Theo Zwanziger als Chef des Deutschen Fußball-Bundes DFB meldete sich sein alter Widersacher Manfred Amerell zu Wort. Der frühere Schiedsrichter-Funktionär, der im Februar von Zwanziger aus dem Amt gedrängt worden war und über Wochen eine unappetitliche Affäre um den DFB ausgelöst hatte, warf Zwanziger in einem Interview mit dem Kölner "Express" Vetternwirtschaft vor. Solch unschöne Themen wie die Schiedsrichteraffäre und ihre Nachwirkungen hatten in der weihevollen Atmosphäre des DFB-Bundestages am Freitag im Essener Konzertsaal allerdings gar keinen Platz: Es waren die Theo-Zwanziger-Festspiele.

An diesem Tag durfte Zwanziger alle seine Lieblingsthemen in gebührender Form entfalten. Der DFB als Hort von Integration, als Ort der Nachhaltigkeit, als Aktivposten gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit, als Förderer des Frauenfußballs - all dem gab Zwanziger in seiner Grundsatzrede vor den 255 Delegierten breiten Raum. Dass das vergangene Jahr für Zwanziger weitgehend Negativschlagzeilen bereithielt, von der verschleppten Vertragsverlängerung des Bundestrainers Joachim Löw über die Schiedsrichteraffäre bis hin zum Wettskandal im europäischen Fußball, schrumpfte in Essen auf den Rang einer Fußnote zusammen.

Zwanziger hat ein schwieriges Jahr im Amt hinter sich: Im Frühjahr, als die medialen Aufgeregtheiten um die Schiedsrichteraffäre ihren Wellenkamm erreichten, drohte er seinen vorzeitigen Rücktritt an; im Sommer sprach er von Amtsmüdigkeit; aber jetzt im Herbst scheint das alles überstanden. Seine CDU-Parteifreunde, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Thomas de Maizière, machten dem DFB und ihrem Präsidenten in Essen zum Festakt am Donnerstagabend ebenso ihre Aufwartung wie der Weltfußball-Boss Joseph Blatter. Auch für den Fifa-Chef war die Veranstaltung die reine Erholung - keine Debatte über gekaufte Stimmen, keine unbotmäßigen Journalisten, die den Weltverband der Korruption zeihen. Stattdessen ein Präsident, der Blatter zum Ehrenmitglied des DFB ernennt. Und Zwanziger und Merkel taten, als hätten beide niemals Ärger um den unabgesprochenen Besuch der Kanzlerin in der Umkleidekabine der Löw-Elf gehabt. Man liegt sich in den Armen.

Einstimmiges Ergebnis selbstverständlich hingenommen

Die Tage, in denen Zwanziger deutlich angeknockt wirkte, sind vorbei. Die DFB-Welt in Essen ist heil. Die einhellige Zustimmung des Gremiums ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung für ihren Vorsitzenden wirkte in dieser Atmosphäre denn auch beinahe folgerichtig, ein Ergebnis, das Zwanziger und die Delegierten als so selbstverständlich hinnahmen, als hätte es die Turbulenzen des Vorjahres niemals gegeben.

So konnte sich der DFB-Chef erlauben, den zuletzt ohnehin arg geschwächten Sportdirektor Matthias Sammer in aller Öffentlichkeit leutselig als "manchmal ein bisschen nervig" bloßzustellen. Er konnte seine Wiederwahl mit dem kokettierenden Zusatz kommentieren: "Wir werden künftig vielleicht nicht immer alles gut machen." Er durfte auf die "Erfolgsstory" der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM verweisen, und niemand sollte in diesem Moment daran denken, wie Zwanziger während der WM bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bundestrainer fast flehentlich um dessen Zuneigung geworben hatte und mit welcher Kühle ihn Löw damals abblitzen ließ.

Löw hat Zwanzigers Position gestärkt

Letztlich hat paradoxerweise gerade der Bundestrainer dennoch Zwanzigers Position gestärkt - allein durch den Umstand, dass die Nationalelf in Südafrika so erfolgreich abgeschnitten hat. Hätte die DFB-Elf bei der WM enttäuscht, wären bei der Ursachenforschung auch die Wirren um den Löw-Vertrag aus dem Februar wieder zur Sprache gekommen. So konnte mit dem dritten WM-Platz im Rücken der neue Kontrakt der sportlichen Leitung geräuscharm und ohne Gesichtsverlust der Beteiligten unterschrieben werden. Seitdem kann sich der DFB-Präsident wieder obenauf fühlen.

Drei Jahre mindestens wird Zwanziger dem Verband weiter vorstehen, vielleicht auch noch länger, er habe sich "noch keine Gedanken darüber gemacht", ob dies seine letzte Amtszeit sei, hat der 65-Jährige im Vorfeld mitgeteilt. Die leidige Schiedsrichteraffäre wird ihn in der kommenden Zeit begleiten. Amerell hat am Freitag noch einmal mit schwerem Geschütz nachgelegt, er hat Zwanziger "einen ausgesprochenen Lügner" genannt, er hat angedeutet, der DFB-Chef verquicke DFB-Aufträge mit denen seiner Rechtsanwaltskanzlei. Gleichzeitig kündigte Amerell über seinen Anwalt eine neue einstweilige Verfügung gegen Zwanziger an, da dieser in einem Interview behauptet hatte, Amerell habe jahrelang seine Amtspflichten verletzt.

Er mache keinen Hehl daraus, dass ihm "zuletzt einige Dinge sehr weh getan haben", spielte Zwanziger in seiner Rede vor den Delegierten wohl vor allem auf den Fall Amerell an, hatte aber auch gleich seine eigene Deutung parat, warum ihn diese Affäre so zugesetzt hat: Dazu beigetragen habe auch "eine mediale Betrachtung, die nicht immer der Realität gerecht wird".

Wenn Joseph Blatter noch im Saal gewesen wäre, er hätte an dieser Stelle heftig applaudiert.

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KB1111, 22.10.2010
1. Jubelfeier
fast wie in der Ostzone frueher: Wiederwahl mit 100 Prozent - ehrlich, selbst in der Ostzone gab es immer so um die 0,3 Prozent Enthaltungen...
cajou 23.10.2010
2. Qualitätsfrage
Mit dem DFB ist es wie mit dem ADAC: Demokratie würde die Schlagkraft schwächen, und so ein Qualitätsminderungsmerkmal bleibt halt mituntzer auch in den Köpfen vermeintlich Oppositioneller haften. Insofern kann ich die neidvollen Blicke von Angela Merkel und deren Sportminister sehr wohl verstehen.
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