DFB-Debakel in Spanien Barbiert in Sevilla

Die DFB-Elf kassiert in Spanien die höchste Niederlage seit 89 Jahren. Der Bundestrainer wirkt danach nur noch ratlos, ideenlos. Monatelange Debatten stehen ihm jetzt bevor.
Manuel Neuer holte sechs Mal den Ball aus dem Tor

Manuel Neuer holte sechs Mal den Ball aus dem Tor

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Eibner Pressefoto / imago images/Eibner

Szene des Spiels: Serge Gnabry dribbelte sich vor den spanischen Strafraum, er ließ zwei Verteidiger mit einer Körperdrehung stehen, zog kraftvoll ab, der Ball knallte an die Latte. Wer in dieser Sekunde das Fernsehen einschaltete, hatte das Momentum, einen guten Eindruck vom deutschen Team zu bekommen. Es war allerdings bereits die 77. Minute, und es war der allererste Torschuss des DFB-Teams auf das gegnerische Tor. Zu diesem Zeitpunkt stand es 5:0 für Spanien.

Ergebnis des Spiels: 6:0 (3:0) für Spanien. 6:0! Und noch mal, weil man es sonst womöglich nicht glaubt: sechs zu null. Ein historisches Resultat. Die DFB-Elf spielte wie ein Nations-League-Absteiger. Zum Spielbericht, in dem sehr viel über spanische Tore zu lesen sein wird, geht es hier entlang.

Die erste Halbzeit: Schon nach wenigen Minuten hatte die DFB-Abwehr Glück, als der Schiedsrichter ein deutsches Foul aus dem eigenen Strafraum vor den Sechzehner verlegte. Damit war es mit den glücklichen Momenten für die Löw-Elf aber auch vorbei. Morata eröffnete den Torreigen nach einem Eckball (17. Minute), dann ging es mit leichten Treffern von Ferrán Torres (33.) und Rodrigo (38.) weiter. Die Spanier waren dabei noch fahrlässig im Umgang mit ihren Chancen, in der deutschen Mannschaft fehlte es an allem. Mit 0:3 ging es in die Pause, das hatte die DFB-Elf zuletzt an Aschermittwoch 2006 in Florenz erlebt. Danach wollten die Politiker den Trainer Jürgen Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestags zitieren.

Die zweite Halbzeit: Es ging genauso weiter wie vor der Pause. Eine völlig apathische deutsche Elf, die ihre Entsprechung in einem erstarrten Joachim Löw auf der Trainerbank hatte. Ferrán Torres schoss schon kurz nach dem Wechsel das 4:0, und spätestens dann war es problematisch, auf alle »Stop the Count«-Witzchen zu verzichten. Es hätte wie in den USA auch hier nichts gebracht. Ferrán Torres mit seinem dritten Treffer (72. Minute) und Mikel Oyarzabal (89.) erhöhten auf das halbe Dutzend. Die DFB-Elf war zu diesem Zeitpunkt längst wie ein luftiges Sahnebaiser in sich zusammengesackt.

Spieler des Spiels: Manuel Neuer wurde vor dem Spiel gefeiert für sein 96. Länderspiel. Gut, dass sie es vor dem Anpfiff taten. Er ist damit DFB-Rekordtorhüter. Was so ein Titel auf dem Platz wert ist, sah man dann bei der nächsten Rekordmarke: Sechs Gegentore in 90 Minuten hatte Neuer in 95 Spielen zuvor nie kassiert. Er wird sich die Partie merken.

Datum des Spiels: Der 24. Mai 1931. Da hat eine deutsche Auswahl schon einmal 0:6 verloren. Gegen Österreich. Es war die zweithöchste Niederlage in der Geschichte des Verbandes. Nur ein 0:9 gegen England steht noch darüber in der Statistik. Aber dafür waren die Spanier an diesem Abend zu gnädig. Möglich wäre es gewesen.

Debatte des Spiels: Noch während der Partie öffnete ARD-Livekommentator Tom Bartels das Fass. Je länger die Partie dauerte, so häufiger fielen die Namen Boateng, Hummels und Müller. Diese Diskussion wird der Bundestrainer in den nächsten Monaten nicht mehr ausgetreten bekommen.

Zahlen des Spiels: Kostprobe nur aus der ersten Halbzeit: 14:1 Torschüsse. Ballbesitz 65 Prozent zu 35 Prozent. Pässe: 350 zu 189. Dunkle Wolke heißt auf Spanisch nube oscura.

Zitat des Spiels: »Das war ein gut geführter Zweikampf!« Tom Bartels geradezu euphorisch, nachdem ein deutscher Verteidiger beim 0:5-Rückstand sich mal einen Ball in der eigenen Hälfte erkämpft hatte. Die reine Demütigung für den Weltmeister von 2014 vom Endspiel-Kommentator des Rio-Finals.

Zitat des Spiels II: »Das ist schwer zu erklären.« Joachim Löw mit dem Offenbarungseid nach dem Spiel. Obwohl: Man kann es ihm sogar abnehmen.

Nicht vergessen: Die Spanier waren sehr stark. Das muss bei so viel Nabelschau auch gesagt sein. Das Team von Luis Enrique feierte eine glänzende Auferstehung.

Erkenntnis des Spiels: Die Nationalmannschaft hat viele Menschen verloren, gleichgültig gelassen. Ein solcher Abend, ein solches Debakel, eine solche fußballerische Katastrophe, ein solches Fiasko hat immerhin einen Effekt: Man spricht wieder über diese Mannschaft. Und über ihren Trainer. Es sind vier lange Monate bis zum nächsten Länderspiel. Es wird etwas passieren. Es muss etwas passieren.

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