DFB-Einzelkritik Der doppelte Lahm

Es schien im Spiel gegen die Türkei zwei Philipp Lahms in der deutschen Mannschaft zu geben - einen, dem in der Defensive nichts gelang und einen, der vorne das Spiel entschied. Sonst sah es düster aus im Nationalteam, nur Hitzlsperger und Podolski überzeugten.

Von


Tor

Lehmann (FC Arsenal):
Zunächst absolut sicher. Sah beim Gegentreffer dann unglücklich aus - aber nicht, weil sich der Ball zunächst über Lehmann an die Latte senkte, sondern weil der schwache Nachschuss von Ugur Boral zwischen seinen Beinen durchrutschte. Machtlos beim zweiten Gegentor, obwohl er zu früh darauf spekulierte, den Ball zu fangen.

Abwehr

Lahm (Bayern München):
Es werden ein paar mehr Zeilen zu Lahm, das vorweg. Der beste Deutsche dieser EM bisher - umso krasser wirkte der Leistungsunterschied gegen die Türkei. Verlor Zweikämpfe, die er sonst gewann. Sprang gegen Kazim hoch, der Ball flog oben drüber und Kazim lief an Lahm vorbei. Der Ball wollte nicht zu Lahm in diesem Spiel. Wurde in der zweiten Hälfte oft von Sarioglu düpiert, aber auch im Strafraum gefoult. Als man glaubte, er habe das Spiel mit seiner Flanke auf Klose entschieden, verhinderte er die Flanke vor dem Ausgleich nicht. Und als man glaubte, Lahm werde der tragische Held, schoss er in der letzten Minute den Siegtreffer selbst. Unglaublich.

Friedrich (Hertha BSC):
Fehler vor dem 0:1, als er zu spät gegen Ugur Boral kam. Wollte eine Abseitsstellung gesehen haben, auch hier verlor Friedrich den Überblick. Bezeichnend für sein gesamtes Spiel.

Mertesacker (Werder Bremen):
Irgendjemand hat ihm mal den Namen "Abwehrlatte" verpasst. Das sollte ehrfürchtig klingen. Gegen die Türken lag die Abwehrlatte zunächst viel zu niedrig, so dass der einen Meter kleinere Semih Sentürk locker drüber springen konnte. Spielte viele grausame Fehlpässe im Mittelfeld. Kam beim Ausgleich zu spät - am Boden. Oben wie unten schlecht.

Metzelder (Real Madrid):
Ergänzte sich in der ersten Hälfte perfekt mit Mertesacker. Spielte genauso schwach. Musste sich bei einem Freistoß von Ballack zusammenstauchen lassen und hob nur resigniert die Arme. Böse von Sentürk gefoult, mit dem er sich danach immer wieder Wortduelle lieferte. Deren Ausgang ist nicht überliefert.

Jansen (Bayern München, ab 90. + 2. für Klose):
Kam aufs Spielfeld, dann wurde abgepfiffen. So fiel er nicht unangenehm auf.

Mittelfeld

Schweinsteiger (Bayern München):
Tor zum 1:1. Hatte zur Halbzeit auch die meisten Kilometer im deutschen Team zurückgelegt. Suchte die Zweikämpfe, verlor dabei aber viele Bälle. Insgesamt gar nicht sooo schlecht.

Rolfes (Bayer Leverkusen):
Lief viel, wollte ordnen, spielte aber ungewöhnlich viele Fehlpässe. Der Mann, der Sicherheit geben sollte, wirkte stattdessen selbst verunsichert. Fiel auf, als er nach einem Kopfballduell mit Ayhan Akman hinfiel und blutete. Akman spielte 80 Minuten, Rolfes blieb in der Kabine.

Hitzlsperger (VfB Stuttgart):
Pass auf Podolski vor dem Ausgleich, Pass auf Podolski vor dessen Großchance. Wenigstens Hitzlsperger sorgte für Zählbares in der ersten Halbzeit. In der zweiten schoss er erst über das Tor, dann knapp daneben. Traumpass auf Lahm vor dem Siegtreffer. Der Gewinner des Spiels, auch wenn trotz offensiven Glanzes seine defensive Routine verblasste.

Ballack (FC Chelsea):
Keine Torchance, kein gefährlicher Pass, ganz wenige gewonnene Zweikämpfe. Nicht mal die meisten Kilometer sammelte er diesmal. Naja.

Podolski (Bayern München):
Wirkte von allen deutschen Spielern am frischesten. Dynamisch seine Antritte, toll seine Flanke zum Ausgleich. Schwach allerdings sein Abschluss bei der Großchance in der ersten Halbzeit, als er allein auf Rüstü zulief und alles machen konnte, nur nicht den Ball übers Tor schießen. Defensiv nach wie vor verbesserungsfähig.

Frings (Werder Bremen, ab 46. für Rolfes):
Als er auf die Seite fiel, von Mehmet Aurelio umgecheckt, und wieder aufstand, war klar: Frings ist wohl wirklich fit. Räumte die Zweifel an seiner Fitness aus und auch die, ob er ein Mann fürs 4-2-3-1 ist.

Sturm

Klose (Bayern München):
Winkte, wollte Pässe in den Lauf, aber bekam sie nicht. Also drehte sich Klose hier und da mal um einen Gegenspieler, was in der ersten Halbzeit sogar einmal gefährlich wurde. War machtlos gegen den Eindruck, dass Deutschland mitunter mit keiner Spitze spielte. Als dann endlich eine Flanke kam, war Klose da.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.