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16. Mai 2006, 22:02 Uhr

DFB-Elf gegen Luckenwalde

Ein Spiel dauert 60 Minuten

Von Tobias Schächter, Mannheim

Es war ein gelungener Test der DFB-Auswahl: Ausgerechnet am Geburtsort Sepp Herbergers verabschiedete sich Jürgen Klinsmanns gerade nominierter WM-Kader mit einem Sieg gegen den Verbandsligisten Luckenwalde ins Trainingslager. Leider verletzte sich Philipp Lahm. 

Der Ort war wunderbar gewählt. Mannheim ist der Geburtsort von Sepp Herberger, und unter dem Trainer Sepp Herberger wurde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 Weltmeister. Das will Jürgen Klinsmann 2006 auch, deshalb passt es so schön, dass das Testspiel gegen den Verbandsligisten FSV Luckenwalde im Mannheimer Carl-Benz-Stadion stattfand.

Nationalspieler Asamoah (gegen den Luckenwalder Klettke): Alle achteinhalb Minuten ein Tor
Getty Images

Nationalspieler Asamoah (gegen den Luckenwalder Klettke): Alle achteinhalb Minuten ein Tor

"Ein Spiel dauert 90 Minuten" ist einer dieser legendären Sprüche Herbergers, 52 Jahre später sind es nur noch 60 Minuten, aber in dieser einen Stunde wollte sich der gerade frisch nominierte Kader "positiv präsentieren" und "Euphorie erzeugen", so Klinsmanns Vorgabe.

Gesagt, getan, sieben Tore waren es am Ende vor 20.000 Zuschauern, Asamoah, Schweinsteiger, Hitzelsperger, Neuville, wieder Schweinsteiger, Klose und Hanke trafen im Schnitt fast alle achteinhalb Minuten. Das ist ordentlich. Nach 90 Minuten hätte es also ungefähr 10:0 geheißen.

Die Ehrenrunde mit Welle blieb aber trotzdem den Luckenwaldern vorbehalten. Der Verbandsligist aus Brandenburg hatte sich die Begegnung gegen die Klinsmänner durch Losglück und Anstrengung verdient und war gemäß dem Motto "Club 2006 – Die Fifa-WM im Verein" ein besonders eifriger Helfer des WM-Organisationskomitees bei der Vorgabe "Vorfreude auf die WM zu wecken" gewesen. Die Vorgabe von Trainer Frieder Andrich ("Wir wollen ein Tor schießen") wurde leider nicht umgesetzt, am Wochenende geht es wieder gegen den Abstieg – gegen Meisterschaftsfavorit SV Altlüdersdorf.

Für Klinsmann und sein Team geht es erstmal ins sonnige Sardinien zur Regeneration, weit weg von all den Schlagzeilen, die der WM-Kader hervorrief. Das Mannheimer Publikum jedenfalls, das ansonsten die Ballkontakte ihrer Helden in spe bejubelte, bedachten einen der Nominierten mit hämischen Pfiffen. Ob Mike Hanke nun mit sonderlich guter Laune in die "heiße Phase der WM-Vorbereitung" startet, darf bezweifelt werden.

Eher unwahrscheinlich ist hingegen, dass Klinsmann bei seiner wunderlichen WM-Kader-Nominierung von Klaus Schlappner beraten worden ist. Der Lehrmeister der berüchtigten Mannheimer Vorstopper Schule, der vom DFB dem Luckenwalder Trainer Andrich zur Seite gestellt worden war und anstatt Jens Nowotny sicher den Ex-Mannheimer Christian Wörns in den Kader berufen hätte, stimmte die Brandenburger Verbandsligakicker seit Wochenanfang im Trainingslager in Durlach mit seinen Weisheiten ein. "Heit awwer kä Blutgrätsche" ("Heute aber keine Blutgrätsche"), gab Schlappner ungewohnt moderat als Parole aus.

Gegrätscht haben die Verbandsligakicker wirklich nur einmal, dumm nur, dass Philipp Lahm danach auf den Ellenbogen fiel und ausgewechselt werden musste. Klinsmann gab aber später auf einer Bühne, die er durch ein Spalier von Schornsteinfegern bestiegen hatte, Entwarnung: "Der Philipp wird zur Sicherheit im Krankenhaus untersucht, es scheint aber nichts Schlimmes zu sein." Im Krankenhaus gab es dann weiteres Pech: Ein Notfallpatient wurde dem Bayern-Profi vorgezogen und Lahm weiter nach Frankfurt geschickt. Kurz vor dem Abflug nach Italien - ohne Lahm - rief Klinsmann dem Fußballvolk dann noch entgegen: "Wir sind überzeugt, mit diesen Kerlen etwas zu reißen!"

Aber mit welcher Taktik? Auch hier könnte der Ort des Geschehens als Inspiration dienen. In den siebziger Jahren wäre die Mannheimer Trainerlegende "Fips" Rohr mit dem VfL Neckarau fast in die Zweite Liga aufgestiegen. "Hinne dicht, vorne Konter!", gab "Fips" der Mannschaft mit seinen vier Söhnen jeden Spieltag mit auf den Weg. Der jüngste Sohn, Gernot, trainierte später immerhin Girondis Bordeaux und Zinedine Zidane.

Klinsmann trainiert in den kommenden Wochen den schnellen David Odonkor. Wie schnell der Dortmunder ist, bewies er in Mannheim eindrucksvoll und erntete dafür Begeisterungsstürme von den Rängen. Gegen Luckenwalde bereitete er zudem das Tor von Klose vor. Als Konterspieler könnte der 22-Jährige bei der WM also einen prächtiger Joker geben. Wenn dann noch "hinne dicht" ist, könnte es mit dieser Mannheimer Taktik am Ende vielleicht sogar zum Titel reichen.

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