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Fans gegen Neuer Drauf gepfiffen

Schalke-Sympathie, Bayern-Hass oder einfach Frust über ein Gegentor? Nationaltorwart Manuel Neuer wurde im WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan ausgepfiffen. Der DFB geht davon aus, dass die Aktion von Nürnberger Anhängern ausging, doch diese sehen sich als Opfer einer Kampagne.

Hamburg - Der Mensch pfeift aus mannigfaltigen Gründen. Weil er fröhlich ist zum Beispiel, weil ihm ein Song nicht aus dem Kopf geht, weil ihm etwas gefällt - oder weil er sich furchtbar aufregt.

In Nürnberg regten sich am Dienstagabend rund 44.000 Menschen gemeinsam auf, so klang es zumindest, und sie pfiffen eine einzige Person aus: Manuel Neuer. Der Nationaltorwart hatte sich im WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan einen fahrlässigen Fehler geleistet, der kurz nach der Halbzeitpause den einzigen deutschen Gegentreffer zur Folge hatte. Die DFB-Elf gewann 4:1, doch mehr als dieser Sieg wird am Tag danach die lautstarke Kritik an Neuer diskutiert.

"Das war nicht fair", sagte Bundestrainer Joachim Löw, er nahm Neuer und dessen Leistung in Schutz: "Manuel ist einer der besten Torhüter der Welt." Als DFB-Vertreter richtete Löw seine Worte vor allem an die Nürnberger Anhänger, die sich in seinen Augen unsportlich verhalten hatten. Bereits während des Spiels war der Bundestrainer aufgesprungen und hatte seinem Unmut wild gestikulierend Luft gemacht.

"Die Stimmung gegen Neuer kippt gerade"

Tatsächlich scheint Löws Deutung auf den ersten Blick einleuchtend: Die Nürnberger Fans haben eine enge Freundschaft mit den Schalker Anhängern, die Neuer dessen Weggang zu Bayern München noch immer nicht verziehen haben. Auch wenn er im Nationaltrikot nach Nürnberg kam, waren ihm die "Club"-Fans nicht wirklich gewogen. Dennoch wehren sich die Nürnberger Anhänger dagegen, eine Kampagne gegen Neuer gestartet zu haben.

"Es waren doch kaum Nürnberger Ultras im Stadion. Neuer hat sich einen Fauxpas geleistet, das war der Auslöser, alle Zuschauer haben mitgemacht", sagt Alexander Endl von der Nürnberger Fanvereinigung Clubfans United. "Die Stimmung gegen Neuer kippt gerade, aber Löw hält an ihm fest, obwohl viele lieber einen anderen Torwart sehen würden."

Rivalität zwischen Nürnberg- und Bayernf-F ans

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DFB vs. Kasachstan: BVB-Hattrick und Neuer-Patzer

Foto: dapd

Gleichzeitig gibt Endl zu, dass Kritik an Neuer in Nürnberg durchaus auf fruchtbaren Boden falle. "Dass er dann auch noch dem Fürther Schmidtgal ein Tor auf unserem Grund und Boden ermöglicht: Das kann hier niemandem gefallen", sagt er. Eine gezielte Neuer-Hetze sei das aber nicht gewesen, damit würden die Fans sich selbst, der Stadt und ihrem Verein schaden, der vier Jahre auf ein Länderspiel hatte warten müssen.

"Da wird gerade etwas konstruiert, vor allem vom DFB, der schon seit Jahren Nürnberg als Länderspielort abschaffen will. Angeblich weil die Infrastruktur schlecht sei", sagt Endl. Er spielt damit auf einen Vorfall 2009 in Hamburg an, als die Nationalmannschaft nach dem 1:1 gegen Finnland von den Zuschauern ausgepfiffen worden war und die Stadt daraufhin zwei Jahre lang keine Partie der DFB-Elf mehr zugesprochen bekam.

Beim Fanclub der Nationalmannschaft, einem Projekt des DFB, sieht man die Sache naturgemäß anders, dort teilt man Löws Einschätzung. "Ich gehe davon aus, dass die unschönen Pfiffe der Rivalität zwischen Nürnberg und Bayern entstammen", sagt André Heindl, Fanclub-Betreuer in Nord- und Ostbayern. Er war selbst im Stadion und will in den Nürnberger Fanblocks Anti-Neuer-Parolen gehört haben. "Es waren vermutlich bestimmte Gruppen, die die Aktion gestartet haben, und dann sind einige Trittbrettfahrer aus Langeweile aufgesprungen", sagt Heindl. Er nimmt an, dass es sich um eine einmalige Entgleisung gehandelt habe, dass sich die Fans der Nationalmannschaft an anderer Stelle wieder ganz anders benehmen würden.

Das bezweifelt Endl von der Nürnberger Fanvereinigung: "Es gab auch schon in München Pfiffe gegen Mario Gómez oder Jens Lehmann - als der für Oliver Kahn ins Tor gestellt wurde."