DFB-Elf vor Nordirland-Spiel Der nächste Neuanfang

Mit der Niederlage gegen die Niederlande ist die DFB-Elf unter Druck gekommen. Aber die Pleite vom Freitag hatte auch etwas Gutes. Vor dem Nordirlandspiel kehrt wieder Realismus ein.
Bundestrainer Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw

Foto: Alex Grimm/Getty Images

Man sollte dem Bundestrainer raten, regelmäßig Länderspiele gegen die Niederlande in den Jahreskalender einzustreuen. Niederlagen gegen den Nachbarn haben eine heilsame, geradezu therapeutische Wirkung. Im vergangenen Herbstging die DFB-Elf 0:3 in Amsterdam unter. Jeder, auch Joachim Löw, um nicht zu sagen, selbst Joachim Löw hatte danach begriffen, dass es so nicht weitergehen konnte. Der berühmte, danach so vielbeschworene Umbruch begann.

Jetzt, nach der verdienten 2:4-Heimpleite von Freitag, sind die zuletzt schon wieder aufgekommenen großen Töne vom EM-Mitfavoriten Deutschland erst einmal wieder verschwunden. Realismus hat stattdessen wieder seinen Platz eingenommen.

Vor dem Niederlandespiel hatte Joshua Kimmich noch davon gesprochen, dass die DFB-Elf natürlich zum Favoritenkreis für das EM-Turnier im kommenden Jahr zu gelten habe. Jetzt sagt er: "Die Ausgangsposition hat sich komplett verändert." Ein Spiel hat ausgereicht, der Mannschaft ihren gegenwärtigen Leistungsstand vor Augen zu führen. Und allen zu zeigen: Diese Mannschaft ist noch nicht so weit.

Ein Scheitern war vor vier Tagen noch unvorstellbar

Am Montag geht es im Windsor Park gegen Nordirland (20.45 Uhr, Liveticker DER SPIEGEL), und es gibt keine Sprüche mehr: Von einem "enorm wichtigen Spiel" spricht der Bundestrainer, Kimmich warnt davor, dass man sich "keinen Ausrutscher mehr erlauben darf". Eine Niederlage im lautstarken Windsor Park - und urplötzlich wäre sogar ein Scheitern in der Qualifikation eine Möglichkeit.

Vor vier Tagen für die Öffentlichkeit noch kaum vorstellbar.

Nun sind die Nordiren trotz ihrer bisher makellosen Bilanz in der EM-Qualifikation mit vier Siegen aus vier Spielen kein Gegner, der mit der Qualität der Niederlande vergleichbar wäre. Die vier Erfolge rühren aus den Duellen mit Estland und Weißrussland, der etwas merkwürdige Spielplan der Uefa sorgt dafür, dass die Nordiren ihre leichten Partien schon hinter sich haben, bevor sie auf einen der Favoritenteams treffen.

Die Elf von Trainer Michael O'Neill ist eingespielt, lobt Löw, zudem werde "jeder Eckball; jeder Freistoß, jeder gewonnene Zweikampf" vom Publikum gefeiert, das ist der Windsor Roar, der dann durch die Arena geht. Das soll die Nachteile in der individuellen Klasse der Spieler aufwiegen, hier ist die Löw-Elf deutlich überlegen.

Nicht nur die Defensive war schwach

Aber was heißt das, wenn die Abwehr wackelt und auch die Offensive nicht überzeugt, wie zuletzt am Freitag? "Gegen die Niederlande gibt es nicht viel, was wir gut gemacht haben", sagt Kimmich und lenkt den Blick weg allein von den Defensivschwächen der Mannschaft. Tatsächlich gingen in der Rückschau die offensiven Mängel der DFB-Elf am Freitag etwas unter. Es gab kaum Torchancen, Timo Werner und Marco Reus tauchten weitgehend unter. Es wäre übertrieben, von einer Abhängigkeit des deutschen Spiels vom derzeit verletzten Leroy Sané zu sprechen. Aber er hat schon sehr gefehlt.

Stattdessen fokussierte sich die Kritik nach dem Freitagsspiel auf die Stellungs- und Abspielfehler der Abwehr, personalisiert durch Jonathan Tah und Matthias Ginter. Das ging so weit, dass in Teilen der Medien bereits eine Rückrufaktion von Innenverteidiger Mats Hummels verlangt wird. Vor einem halben Jahr war man sich noch weitgehend einig gewesen, dass Hummels, 30, und sein langjähriger Nebenmann Jérôme Boateng, 31, mittlerweile zu große Defizite im Tempospiel aufweisen.

"Wir müssen und werden ein komplett anderes Gesicht zeigen", sagt Kimmich. Löw und er wiesen am Sonntag vor der Presse wiederholt darauf hin, dass die Nordiren eine andere Spielweise an den Tag legen würden als die technisch begabten Niederländer. Er habe "sehr viele wichtige Erkenntnisse aus dem Niederlandespiel gewonnen", sagte Löw. Sie mit der Mannschaft zu teilen, habe er allerdings vermieden: "Weil die Nordiren ganz anders spielen, habe ich bisher darauf verzichtet, mit der Mannschaft darüber zu sprechen."

Dass seine Mannschaft auch mal Fehler mache, müsse man ihr zugestehen, so der Bundestrainer, immerhin liege man in der Qualifikation trotz der Heimpleite von Hamburg "noch im Soll". Das würde sich erst mit einer Niederlage in Belfast ändern.

Und zwar gründlich.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.