DFB-Erfolg gegen Portugal Das Beste zum Schluss

Große Emotionen im kleinen Finale: Deutschland wird WM-Dritter mit einem Sieg gegen Portugal. Ein alter Held macht seinen Frieden mit dem Rivalen und tritt ab, ein junger überragt. Alles hat sich gefügt in diesem Team, jetzt muss nur noch der Bundestrainer bleiben.

Von , Stuttgart


Fünf Minuten vor seinem Abschied ist Oliver Kahn ganz allein. Er schaut in die schwarze Nacht von Stuttgart, wo ein Feuerwerk Sterne in den Himmel wirft, auf den Tribünen singen die Menschen und auf dem Platz tanzen die Kollegen. Noch haben sie Kahn nicht erreicht, ihm bleibt dieser eine Moment der Besinnung. Vielleicht denkt er gerade an die Szene, als er vor der Medaillenzeremonie neben Jens Lehmann hockte und dessen Hand fest drückte. Er hat dort endgültig seinen Frieden gemacht mit seinem Rivalen, ja, es könnte jetzt wirklich ein guter Zeitpunkt sein, den Rücktritt zu verkünden. Dann kommt Bastian Schweinsteiger und reißt Kahn mit sich fort in den Strudel der Ekstase. Nein, noch nicht, erstmal jubeln.

Oliver Kahn spricht erst später in die Kamera des ZDF und sagt, dass es das nun gewesen sei mit ihm und der Nationalmannschaft. Kahn, 37, der in diesem Spiel um Platz drei gegen Portugal noch einmal hatte auflaufen dürfen durch Anregung von Jürgen Klinsmann, der noch einmal Kapitän gewesen war durch die Verletzung von Michael Ballack, geht nach 86 Länderspielen aus freien Stücken und sogar versöhnt. "Es war einer der größten, wenn nicht der größte emotionale Moment, an den ich mich erinnern kann. Ein schöneres letztes Länderspiel kann man sich kaum wünschen", sagt er und auch, dass ihn die Erfahrung der Degradierung durch Klinsmann sogar "weiter gebracht" habe. Auf den Tribünen des Stuttgarter Stadions rufen sie immer noch seinen Namen.

Es scheint, als habe Jürgen Klinsmann nach all den Kritikern von außen am Schluss auch noch Kahn überzeugt, was vor WM-Beginn ungefähr so wahrscheinlich war wie die Torjägerkrone für Jens Lehmann. Doch in diesem DFB-Team fügt sich am Schluss eben alles, bis dahin hatten sich die Deutschen auch die beste Turnierleistung aufgehoben, der 3:1-Sieg gegen Portugal bedeutet Platz drei. Es ist etwas von Dauer entstanden, das weder durch einen Torwart-Zwist noch ein unglückliches Ausscheiden im Halbfinale ins Wanken gerät. Sogar Franz Beckenbauer ist mittlerweile bekennender Klinsmann-Jünger, "mach ja weiter", raunte er dem Bundestrainer nach dem Spiel zu. Dessen Kommentar: "Schaun mer mal."

Klinsmann lacht, als er später von dieser Begegnung bei der Siegerehrung berichtet. Er könnte jetzt Genugtuung darüber empfinden, dass die oberste deutsche Fußball-Instanz kein Klinsmann-Skeptiker mehr ist. Aber der 41-Jährige sagt nur, dass ihn die Wertschätzung Beckenbauers freue, "das sind besondere Momente für einen jungen Kerl wie mich". Nur wer zwischen den Zeilen liest, erkennt so etwas wie Befriedigung, dann etwa, als Klinsmann über seine Umarmung mit Angela Merkel spricht. "Sie war eine der wenigen, die zu uns gehalten hat, als wir kritisiert wurden", sagt er. Nach dem 1:4 beim Test in Italien im März habe die Bundeskanzlerin dazu aufgerufen, "dass man uns in Ruhe weiterarbeiten lässt. Dafür habe ich Danke gesagt".

Gerade vier Monate ist das her, doch diese Pleite von Florenz wirkt heute irgendwie unwirklich. Gegen Portugal zeigte eine als B-Elf bezeichnete deutsche Mannschaft, dass sie selbst ohne die verletzten Kreativspieler Ballack und Tim Borowski und auch ohne den gesetzten Innenverteidiger Per Mertesacker ein hervorragend organisiertes Team wie Portugal beherrschen kann. Sebastian Kehl zeigte, dass er ein guter Ersatz für Torsten Frings sein kann und Frings zeigte, dass er Ballack ersetzen kann. Es gibt für jedes Problem eine Lösung in diesem Team, selbst die Verletzung von Robert Huth beim Aufwärmen wurde durch den vor der WM als Touristen bezeichneten Jens Nowotny kompensiert. "Es läuft, alles funktioniert, alle Spieler sind glücklich", schwärmte Schweinsteiger.

Der Münchner wurde mit seinen zwei Weitschuss-Treffern (56. und 78.) sowie dem vom Portugiesen Petit zum 0:2 abgefälschten Freistoß (61.) zum Mann des Spiels. Und auch das passte irgendwie ins Bild. Niemand verkörpert die Philosophie des Bundestrainers so gut wie der 21-Jährige. Er wolle jeden Spieler besser machen, sagt Klinsmann, und seit zwei Jahren hat sich keiner so sehr verbessert wie Schweinsteiger. Beim FC Bayern manchmal unstet blüht der offensive Mittelfeldspieler bei der Nationalmannschaft regelmäßig auf. Er bekommt Freiheiten, hat sich im Gegenzug aber auch mit der taktischen Disziplin arrangiert. Und er spricht sogar schon so wie der Coach. "Wir müssen und wir können uns weiter verbessern", sagt er mit Blick auf die EM 2008, und natürlich müsse man sich "erstmal qualifizieren".

Das wird wohl klappen, zu souverän spielt diese deutsche Mannschaft mittlerweile. Und die hat den Respekt der Gegner. Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari (mit Brasilien 2002 Weltmeister), outete sich als Fan von DFB-Team und Bundestrainer. Auch diese Sympathiebekundung quittiert Klinsmann mit einem Lächeln, erst als er auf seine Zukunft angesprochen wird, wird er ernst. Er brauche noch ein paar Tage für seine Entscheidung, sagt er. Aber egal, wie diese ausfalle, "es ist eine Freundschaft zu den Spielern gewachsen, ich möchte ihnen immer zur Seite stehen. Ich habe mich immer als Dienstleister für sie gesehen, an dieser Einstellung wird sich nichts ändern." Und wieder wabert ein bisschen Wehmut durch den Raum - wie beim Abschied von Kahn.

Deutschland - Portugal 3:1 (0:0)
1:0 Schweinsteiger (56.)
2:0 Petit (61./Eigentor)
3:0 Schweinsteiger (78.)
3:1 Nuno Gomez (88.)
Deutschland: 12-Oliver Kahn; 16-Philipp Lahm, 21-Christoph Metzelder, 6-Jens Nowotny, 2-Marcell Jansen; 19-Bernd Schneider, 5-Sebastian Kehl, 8-Torsten Frings, 7-Bastian Schweinsteiger (79. 15-Thomas Hitzlsperger); 20-Lukas Podolski (71. 9-Mike Hanke), 11-Miroslav Klose (65. 10-Oliver Neuville)
Portugal: 1-Ricardo; 2-Paulo Ferreira, 5-Fernando Meira, 4-Ricardo Costa, 14-Nuno Valente (69. 21-Nuno Gomez); 6-Costinha (46. 8-Petit), 18-Maniche, 11-Simao Sabrosa, 17-Cristiano Ronaldo, 20-Deco; 9-Pauleta (77. 7-Luis Figo) Schiedsrichter: Kamikawa (Japan)
Zuschauer: 52.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Frings, Schweinsteiger / Ricardo Costa, Costinha, Paulo Ferreira

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