DFB-Erfolg gegen Liechtenstein Toptyp Müller

Thomas Müller schießt beim Kantersieg über Liechtenstein zwei Tore für die DFB-Elf – erstmals seit fünf Jahren wieder. Ohnehin agiert er nach seiner Rückkehr ins Team mittlerweile wie der Chef auf dem Platz.
Aus Wolfsburg berichtet Peter Ahrens
Thomas Müller freut sich über zwei Tore, okay, es war Liechtenstein

Thomas Müller freut sich über zwei Tore, okay, es war Liechtenstein

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Alex Grimm / Getty Images

Irgendwann bekam man Angst, dass der Stadionregie die Tormusik der Nationalmannschaft ausleiern würde. Den Song von Zombie Nation, seit der missglückten WM 2018 in Russland die neue Torhymne der Mannschaft, werden wohl die meisten Zuschauer in Wolfsburg als Ohrwurm in die Nacht mitgenommen haben.

Neunmal wurden die Techno-Klänge an diesem Abend gegen die bedauernswerten Liechtensteiner aufgelegt. Man fühlte sich in die Zeiten versetzt, wo die Kleinen wirklich die Kleinen waren und Berti Vogts mal ein Kopfballtor gegen Malta gelang.

Damals ging die Partie »nur« 8:0 aus. 9:0 in einem Länderspiel, genau so ein Ergebnis hat eine deutsche Mannschaft das letzte Mal 1936 bei den Olympischen Spielen von Berlin geschafft, höher gewann ein DFB-Team zuletzt 2006, als San Marino 13:0 besiegt wurde. Es war damals das dritte Länderspiel von Joachim Löw.

Zurück in die Zeiten des Raumdeuters

Der Bundestrainer heißt heute Hansi Flick, dennoch war dieser kalte Abend von Wolfsburg etwas Herzerwärmendes für nostalgisch veranlagte Fans der Nationalelf. Nicht nur, dass Löw vom Wolfsburger Publikum mit Jogi-Sprechchören verabschiedet wurde und zu diesem Anlass mit Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Mario Gomez, Sami Khedira, Per Mertesacker und Miroslav Klose die Helden von einst ihre Aufwartung machten.

Sondern auch, weil einer, der mit all diesen Ex-Nationalspielern noch zusammen seine Erfolge gefeiert hat, zu seiner alten Rolle zurückfand. Zweimal traf Thomas Müller an diesem Abend, das ist ihm das letzte Mal vor fünf Jahren gegen Tschechien gelungen. Zombie Nation wird ihm in den Ohren geklingelt haben.

Gut, der Gegner war nur Liechtenstein, und bei seinem ersten Tor zum 6:0 konnte er im Grunde gar nicht anders, als den Ball über die Linie zu drücken.

Dennoch: Müller spielt unter Flick wieder so, wie er früher unter Löw spielte. Zurück in die Zeit, in der man Müller als den Raumdeuter der Nationalelf feierte. Und man nie wusste, wie es einem geschah, wenn jener Kerl mit den staksigen Beinen dann urplötzlich wieder am richtigen Ort stand, um das Tor zu machen.

Er ist inzwischen wieder ein integraler Bestandteil dieses Teams, mehr noch: Er ist die Führungsfigur, die er beim FC Bayern sozusagen qua Natur darstellt – und die er in der Nationalmannschaft in den späten Löw-Jahren verloren hatte.

Aussortierung war 2019 folgerichtig

Man vergisst angesichts der Aufregung, die mit der Aussortierung Müllers durch Löw 2019 einherging, ja oft, dass der Münchner vorher schon den Kompass in der DFB-Elf verloren zu haben schien. Er traf nicht mehr, bei der WM in Russland und den Spielen danach wirkte er wie ein Schatten früherer Tage, seine Länderspiele 2018 waren fast Mitleid erregende Auftritte gewesen. Als Löw danach auf ihn verzichtete, gab es wenige, die dies aus sportlichen Gründen kritisiert hatten. Sondern es ging um die Stilfrage.

Vorbei, Vergangenheit, Löw und Müller haben sich im Frühjahr wieder zusammengerauft, der Münchner kehrte zur EM zurück, dort blieb er glücklos, vergab die größte deutsche Torchance beim Achtelfinal-Aus gegen England, ein Gewinn für die Nationalelf ist er erst nun wieder unter Flick.

Wenn es überhaupt Erkenntnisse aus diesem Spiel gegen zehn Liechtensteiner zu gewinnen gab, dann die, wie selbstverständlich Müller dieser Mannschaft wieder angehört. Am Mittwoch spielte er blitzgescheite Pässe, agierte nahezu blind mit seinen Münchner Teamkollegen Leon Goretzka und Leroy Sané.

Dass die Gäste irgendwann nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf steht, das lag auch an Müllers klugem Offensivspiel. Er hat es immer schon verstanden, sich im Spiel auch zurückzunehmen, nicht zu überdrehen. Bei den Bayern ist er der beste Vorbereiter im Team, der Edel-Sidekick für Robert Lewandowski.

Nur ein Tor hinter Seeler

In der Nationalelf gibt er den Zuspieler für Sané oder für Marco Reus, aber wenn es denn sein muss, dann trifft er eben wieder selbst. Das Siegtor gegen Rumänien, jetzt zwei Treffer gegen Liechtenstein, das bringt ihn auf jetzt 42 Tore beim DFB. Gleichauf mit Michael Ballack, nur ein Tor hinter Uwe Seeler. Das sind zwei Namen, mit denen es sich messen lässt. Seeler sollte sich Sorge um seinen Platz sieben in der Rangliste machen.

Die Statistiken seien ihm »völlig egal«, hat Müller noch gesagt. Dass er mit nunmehr 109 Länderspielen Jürgen Klinsmann überholt hat und auf Platz sechs der Rangliste der deutschen Rekordnationalspieler steht, habe für ihn nur die »Genugtuung, solange und in so vielen Spielen eine Leistung gebracht zu haben, die mich zu einer solchen Zahl bringt«.

Schweinsteiger, Podolski, Klose, die da am Mittwochabend für Löw Spalier standen, sind die, die noch vor Müller liegen. Bis auf den unerreichbar scheinenden Lothar Matthäus mit seien 150 Einsätzen kann Müller alle noch einholen, er ist jetzt 32. Von Verschleiß ist auch nach zwölf Profijahren noch nicht viel zu merken; ernsthafte Verletzungen  gab es in der Karriere von Müller bisher nicht.

So wie er derzeit wirkt, wird Flick bei der Nominierung des WM-Kaders für Katar auch mit Müller planen.

»Jeder kann bezeugen, dass er ein Toptyp ist«, hat Müller nach dem Liechtenstein-Spiel im Interview gesagt. Er meinte Joachim Löw. Aber für Flick ist dieser Thomas Müller es mittlerweile auch. Er ist wieder ein Toptyp.

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